Tag 3

Alltagsliebe

Guten Morgen Alltag. Und: Guten Morgen liebe Kess, alles Gute zum Geburtstag! So ein Tag fühlt sich sofort anders an, wenn man ihn mit einem guten Frühstück Zuhause beginnen kann. Er wirkt plötzlich normaler, unaufgeregter, gemütlicher. Mein ausgiebiger Spaziergang hat mir gestern einen Stein vom Herzen geschlagen und gezeigt, dass ich die Stadt immer noch kenne, das am Ende doch alles beim Alten ist. Das hat mir, glaube ich, ein bisschen Druck genommen. Ich habe nicht mehr das Gefühl etwas zu verpassen, raus laufen zu müssen um mir alles noch einmal anzuschauen. Deshalb verbrachte ich den Vormittag damit mich einzurichten. 

Russ hat mir jetzt sein Studio überlassen. Eigentlich sollte ich das obere Zimmer beziehen können, so hatten wir es ursprünglich vereinbart – aber Russ halt. Ich weiß nicht, ob er es vergessen hat oder einfach nicht nachgedacht, aber in dem Zimmer wohnt gerade sein Freund Chase. Super netter Kerl, der kann ja auch nichts dafür, dass er mir mein Zimmer weggeschnappt hat. Auf jeden Fall habe ich jetzt erst einmal sein Studio. Ich hab ihm heute beim Frühstück erklärt, dass ich mich einfach einrichten muss, um in dem Raum arbeiten zu können. Ich muss es mir gemütlich machen. Ich wollte ihm ein bisschen durch die Blume sagen, dass es toll wäre, wenn er seine Sachen – vor allem Klamotten – in der Zwischenzeit wo anders hin räumen könnte, wenn ich jetzt länger in dem Zimmer bleiben soll. Aber das habe ich mich dann doch nicht direkt genug getraut. Ich solle mich einrichten, wie ich will, hat er gesagt. Also habe ich erst einmal den Boden gekehrt, den Schreibtisch abgeräumt und alles so weit es geht verstaut. Ich habe kein Regal, deshalb habe ich meine Klamotten noch einmal neu in den Koffer geräumt und eine Art Kommode daraus gestaltet. Zumindest für den Anfang. Irgendwo auf Bushwicks Straßen finde ich bestimmt noch etwas Regal-Ähnliches, das ich verwenden kann.

 

Zweiter Schritt: Die eigene Bettwäsche. Gerade als ich los wollte, um die im H&M Home zu besorgen, kam Maja von ihrer Probe zurück. Als ich ihr erzählte, was ich vor hatte, machte sie mir einen Strich durch meine Pläne: "Quatsch, ich hab noch genug Bettzeug. Nimm doch einfach welches davon. You know, to save the planet!" Perfekt. Umso besser. Wieder was gespart. Und es kommt noch besser. Ich erzählte ihr ganz traurig, dass meine Lichterkette offenbar in den USA nicht funktioniert – scheinbar falsche Volt oder so. “Oh, ich hab noch eine über!" Waaaaaas? Die einzigen beiden Überlebenswichtigen Dinge, die ich zum Wohlfühlen brauche, hat sie einfach so über? Diese dumme Kleinigkeit hat mich mega gefreut. Ich fühlte mich sofort ein bisschen mehr zuhause. Und dann konnte ich mir noch einen Drucker organisieren, den ich für die Arbeit an meinem Projekt dringend brauche. Auf Craigslist habe ich endlich einen gefunden, der passt und auch die Verkäuferin erscheint mir vertrauenswürdig. Ich kann ihn heute oder morgen an der Upper Westside abholen. 

 

Wie immer verquatschten Maja und ich uns ein bisschen und haben gleich zwei Pläne zusammen aufgestellt: Maja hat mich gefragt, ob ich nächste Woche mit ihr zu einer Veranstaltung ins BAM (Brooklyn Academy of Music) mitkommen möchte, die ganz interessant klang. Natürlich bin ich dabei. Im Gegenzug erzählte ich ihr vom "Happy Film"-Screening von Stefan Sagmeister, wofür ich eine Karte habe und erwähnte, dass es dafür seit gestern wieder neue Tickets gibt. Kurz in den Trailer geschaut, schon zugesagt. Die ersten privaten Pläne stehen also und ich hab innerlich einen kleinen Luftsprung gemacht, dass ich endlich auch eine weibliche Freundin gefunden habe, mit der ich Sachen unternehmen kann. Ganz ohne Mädels geht's eben auch nicht. 

 

Nachdem das alles erledigt war, fühlte ich mich bereits voll im Alltag angekommen. Notwendige Erledigungen und Freizeitpläne waren abgehakt – ich machte mich auf nach draußen. Mir war aufgefallen, dass ich noch nie zu Fuß zwischen Williamsburg und Bushwick gelaufen war und wollte mir den Weg deshalb mal anschauen. Ich marschierte los, die Richtung war mir klar. Die Entfernung und der genaue Weg aber natürlich nicht und so passierte es mir heute tatsächlich zum ersten Mal, dass ich mich total verlaufen hatte. Wobei verlaufen ist vielleicht das falsche Wort, ich hatte ja kein spezielles Ziel und die Richtung war schon auch richtig. Aber irgendwo entlang der Graham Avenue verlor ich meine Orientierung und konnte sie einfach nicht wiederfinden.

Ich lief eigentlich immer gradeaus, ab und zu bog ich ab, wenn eine Seitenstraße spannender wirkte. Irgendwann lief ich grade an einer Bushaltestelle vorbei, an die der Bus mit der Aufschrift "Greenpoint" gerade einbog. Perfekt. Nach Greenpoint könnt ich heute auch mal schauen und dafür muss man durch Williamsburg durch. Ich hüpfte also rein und bemerkte, dass es mein allererstes Mal im NY- Bus war. Verrückt. Aber schön.

Als ich "Driggs Avenue" las sprang ich raus. Die kenn ich! Dachte ich. Ich dachte auch, ich wüsste ungefähr in welcher Gegend ich war. Aber das stellte sich als Blödsinn heraus, ich hatte keine Ahnung wo ich gelandet war. Mein GPS am Handy funktionierte nicht. Kein WLAN weit und breit. Es war mir aber sowieso ziemlich egal, ich spazierte wieder los, nach Gefühl, und überquerte wieder und wieder Straßen mit Namen, die ich aus Williamsburg kannte – aber nichts hier kam mit bekannt vor. Bin ich schon zu weit im Norden? Oder im Osten? Kein Plan! Tatsächlich war ich verloren. Irgendwo zwischen Greenpoint und Williamsburg – glaube ich... An einem Park fand ich eine Straßenkarte und konnte mich endlich wieder ungefähr orientieren. Ich suchte die Richtung nach Williamsburg und spazierte weiter, bis ich irgendwann in der Ferne das Schild der Bar "Matchless" sah. Aaaaah, aus der Richtung komme ich also. Ich hatte sie wieder gefunden meine Orientierung, sie wartete in der Bar Matchless – und das feierte ich mit einem Flat White im Café Beit. Oh das reimt sich.