Tag 6

Das erste Wochenende

Mein erstes Wochenende ist da. Und ich muss noch einmal kurz zu Tag 5 zurück – Freitag Abend. Ich hatte nicht vor, davon zu erzählen, aber es ist einfach zu witzig, als es wegzulassen. Weil ich hier immer noch zu wenig Leute kenne und es tatsächlich wie das Normalste auf der Welt erscheint, habe ich mich Mitte der Woche auf Tinder angemeldet. Manchmal muss man eben doch was Neues ausprobieren. Deshalb bin ich gestern Abend noch spontan auf mein allererstes Tinder-Date gegangen. Hier konnten die Leute kaum glauben, dass ich das noch nie zuvor gemacht hatte. 

Ich bin also gegen 8 Uhr Abends los um die U-Bahn drei Stationen weiter zur Grand Street zu nehmen, wo ich mich Miguel an einer Bar verabredet hatte. Er schien ganz nett, die angezeigten Interessen klangen gut und der Musikgeschmack auch. Als ich im letzten Jahr hier war, bin ich ja einige Male über meinen Schatten gesprungen und alleine ausgegangen um Leute kennen zu lernen, das erschien mir aber dieses Mal viel zu anstrengend. Es geht ja heutzutage offensichtlich auch einfacher. Dachte ich. Aber ein witziger Moment nach dem anderen: Am Weg zur U-Bahn traf ich Maja, Mirella und Stephanie (meine Mitbewohnerinnen), die gerade am Nachhauseweg waren. "Hey, wir machen Mädelsabend, bist du dabei?" riefen mir schon von der Ferne entgegen. Hätte ich mal lieber "Ja" gesagt... Aber ich schrie ihnen entgegen: "Ich bin am Weg zu meinem allerersten Tinder-Date". Und noch bevor ich den Satz beendet hatte, kreischten sie los. Ihre schrillen Stimmen hallten die Stewart Avenue entlang und wir alle vier begannen laut zu lachen. Ich musste ihnen versichern, sie auf dem Laufenden zu halten und Bescheid zu geben, wenn sie mich retten sollten. Good call. 

 

Ich kam an der Bar an, und sah ihn mir schon entgegen kommen. Und im selben Moment wusste ich: In einer Stunde bin ich wieder zuhause. Ich hatte es tatsächlich geschafft, den wahrscheinlich einzigen Menschen in New York zu treffen, der kleiner war als ich. Und weil das gemein klingt, und mir das auch klar war, dachte ich: Ach was, vielleicht ist er ja witzig und wir unterhalten uns gut. Nach kurzem Smalltalk gingen wir rein und er bestellte an der Bar zwei Bier. Ich nutzte die Gelegenheit und schrieb Maja eine SMS, dass sie auf mich warten könnten, der Abend würde nicht lange gehen. 

Denn wie sich herausstellte, war das mit dem Unterhalten eher einseitig. Man muss wissen: New Yorker sind dafür bekannt, Leuten in die Sätze zu fallen – für viele ist wirkt das unhöflich, es ist aber einfach nur ihr Gespräch-Stil. Nach den letzten drei Monaten hatte ich mich aber gut an diese Art der Konversation gewohnt und nie ein Problem damit gehabt. Dieser besagte Miguel brachte diese Eigenheit aber an die Spitze – fern von Gut und Böse. Er redete und redete – ohne Rücksicht auf Verluste. Es war einfach absurd – ich habe kein anderes Wort dafür. Immer wenn ich mich einquetschte, um auch nur ein klein Wenig von mir zu erzählen, viel er mir spätestens beim dritten Satz ins Wort. Aber nicht einfach mit einem Kommentar – nein, mit seiner eigenen Geschichte und meine war binnen Sekunden vergessen. Nach ungefähr einer halben Stunde verwandelte sich mein Frust in Humor und ich lachte innerlich einfach nur über diese absurde, lächerliche Situation, aus der ich eigentlich nur schnell raus wollte, aber keine Ahnung hatte, wie ich das höflich machen könnte. 

 

Ich wünschte mir von ganzen Herzen den Mut zu haben, einfach direkt zu sagen, dass das alles keinen Sinn hat und nachhause zu gehen, aber das konnte ich nicht über mich bringen. Also hörte ich mir alles an: ... An dieser Stelle würde ich gerne Beispiele bringen, aber ich habe offensichtlich alles wieder vergessen - so spannend war das Gespräch. Nach dem zweiten Bier fragte er schließlich, was ich noch machen will, ob ich hunger hätte, und ich nutzte die Gelegenheit um einen deutlichen Blick auf meine Uhr zu machen und zu sagen: Oh, es ist schon 11 – der L-Train fährt heute nur bis 11.30, deshalb sollte ich lieber versuchen, den noch zu bekommen. Das stimmte tatsächlich, weil die Linie wegen Bauarbeiten dieses Wochenende nicht fährt, aber wenn wir uns ehrlich sind, hätte ich die drei Stationen locker laufen können. Gott sei dank, hakte er nicht nach und ich machte mich nach einer gefühlten Ewigkeit auf den Weg nachhause. Und so wurde mein erster Schritt in diese moderne Singlewelt zu einem Hürdenlauf, über den ich haushoch gestolpert bin. 

Aber wenigstens hatten die Mädels am nächsten Morgen ihren Spaß, als ich ihnen davon erzählt hatte. 

 

Heute nahm ich dann den "Schienenersatzverkehr-Bus" nach Williamsburg und startete meine gewohnte Arbeit im Café Beit. Über Facebook hatte ich mich zuvor auch bei Kimmie gemeldet, eine gute Freundin von Chris und seinem Mitbewohner Darrin, die ich im November kennen gelernt hatte. Als ich ihr Bescheid gab, dass ich wieder in der Stadt war, sagte sie kurzum zu, mich im Café Beit zu besuchen. 

Das nächste Wiedersehen also. Und obwohl ich Kimmie damals eigentlich nur kurz, an einem Abend bei Chris, kennen lernte, unterhielten wir uns, als würden wir uns schon seit Jahren kennen. Sie fragte mich über Chris' neue Freundin aus, die sie noch gar nicht getroffen hat und ich erzählte ihr von meinem Tinder-Reinfall vom Vorabend. Wie sich herausstellt, ist Kimmie ein wahres Genie auf dem Gebiet und gab mir unzählige Tips. "Wenn die auf dem Profil keine Größe angeben, sind sie zu klein", "Wenn dir nur ein Foto von den vieren von ihm gefällt, findest du ihn zu 99% in Wirklichkeit nicht gut". Sie klickte sich durch meine "Matches" und konnte an jedem einen plausiblen Haken finden. Es war einfach nur unglaublich witzig. "Also wenn du dich mit dem triffst, bist du ganz sicher, dass süßeste Mädchen, mit dem der jemals aus war". Bei ihren Kommentaren mussten sogar Patrick und John hinter dem Tresen immer wieder laut loslachen und so amüsierten wir uns eine ganze Weile über diese neue Welt, auf die ich mich womöglich ein bisschen voreilig eingelassen hatte. 21. Jahrhundert – gib mir noch ein bisschen Zeit bei dir anzukommen. Vielleicht bleibe ich  lieber noch eine Weile in der Welt, in der ich mich auskenne. Deshalb blieb ich auch den restlichen Nachmittag im Beit und konzentrierte mich auf mein Projekt. 

 

Und heute, am Samstag Abend, schloss ich mich dann auch wirklich den Mädels in der Wohnung an. Eindeutig die bessere Entscheidung. Wir versammelten uns in Majas Zimmer, lackierten uns die Nägel, quatschten über Gott und die Welt und endeten den Abend irgendwann tanzend zu Old-School HipHop im Wohnzimmer. Und obwohl der Freitag Abend so ein Reinfall war, bin ich froh, dass ich mich mal wieder an den Rand meiner Komfortzone begeben habe und etwas zum ersten Mal gemacht habe. Falls ich je wieder in so eine Situation komme, kann ich vielleicht auch einfach den Mut aufbringen und sofort ehrlich sein. Es waren immerhin drei Stunden in New York, die ich nicht wieder bekomme. Aber man lernt ja nie aus.