Tag 7

Sunday Blues

Sonntag ist eben so n' Tag. hihi. 

Ganz egal, wo man auf der Welt ist, am Sonntag wacht man immer mit diesem bestimmten Gefühl auf. Man weiß nicht so recht, wo einen der Tag hin verschlägt, ob man unternehmungslustig oder faul ist. Als ich heute Morgen aufgewacht bin, schien aber die Sonne und ohne lange zu überlegen, machte ich mich auf "in die Stadt". Hier heißt das: Manhattan. Immer noch Wochenende, immer noch streikt der L-Train, weshalb ich ein paar Blocks weiter bis zum M-Train lief, der mich über die Williamsburg-Brücke auf die große Insel brachte.

 

Eigentlich kann ich mit meiner derzeitigen Arbeit ja keinen Unterschied zwischen Wochenende und Wochentagen machen, deshalb entschied ich mich für den Kompromiss. Erst ein bisschen Stadt genießen und dann zurück zur Arbeit. Und genau so verlief es auch. Ich spazierte ein bisschen durch SoHo und das West Village, fand durch Zufall einen unglaublich tollen Buch- und Plattenladen und machte mich gegen Mittag auch schon wieder auf den Weg zurück. Pünktlich als die ersten Regentropfen fielen, ging ich durch die Tür ins Café Beit. Dort bereitete ich weiter mein Projekt vor und versandte noch zwei oder drei Bewerbungen. Viel mehr gibt es vom heutigen Tag gar nicht zu berichten, deshalb einfach ein paar Kleinigkeiten. 

 

Die Stimmung im Café war heute ein bisschen düster. Schon beim Hallo sagen bemerkte ich, dass Chris entweder gerade super gestresst war, oder mega mies drauf. Da es nicht sonderlich voll war, tippte ich auf letzteres. Also machte ich kleiner Sonnenschein mir alle Mühe besonders positive Stimmung mit in den Laden zu bringen. Gestern hatte Chris seinen 26. Geburtstag und ich gratulierte ihm noch einmal persönlich mit ganz viel Freude und Euphorie. Ein kleines Lächeln konnte ich ihm abgewinnen aber als ich fragte, ob er einen schönen Tag hatte, schüttelte er den Kopf und erwiderte kalt: Nein. 

 

Ich war nicht vorbereitet auf ein Nein. Wer sagt denn schon ehrlich nein auf so eine Frage? Ach ja, stimmt, Chris macht sowas. Mit dem hatte ich in den letzten Monaten regelmäßig telefoniert und uns gegenseitig so ziemlich alles aus unseren Leben erzählt. Er weiß tatsächlich mindestens genau so viel von mir, wie meine Freundinnen in München - und andersrum. Natürlich hat das in den letzten zwei Monaten dann ein bisschen nachgelassen, als er anfing Lisa zu daten. Da würde es schon ein bisschen komisch aussehen, jeden Tag eine Stunde am Handy zu hängen, völlig verständlich also. Ich erwähne das nur, weil ich zu beschreiben versuche, wie sich dieser Moment angefühlt hat. Es war ein komischer Moment, als mir diese Gedanken im Café durch den Kopf gingen. Am Telefon waren wir schon die allerbesten Freunde, aber es ist, als hätte ich hier, von Angesicht zu Angesicht, vergessen, dass es dieselbe Person ist, mit der ich monatelang eine so gute und offene Freundschaft gepflegt hatte. In Sekunden zogen die letzten Tage in meinem Kopf vorbei und ich sah plötzlich, wie "fremd" wir uns verhalten hatten, im Gegensatz zu der Offenheit und Ehrlichkeit, die wir uns entgegengebracht hatten, als noch der Atlantik zwischen uns lag.

Dieser Gedankengang, diese Realisierung, dauerte wenige Sekunden, doch als ich mich von seinem "Nein" wieder erholt hatte, und mir klar war, wie natürlich es ist, dass er mir so ehrlich antwortet, war er schon wieder hinter dem Tresen verschwunden.  

 

Ich setzte mich an meinen Tisch, klappte den Laptop auf und überlegte insgeheim, was passiert sein könnte. Wahrscheinlich war es sein kleiner Bruder, der seine Stimmung drückte. Mit dem ist es im Moment nicht so leicht. Ich wollte nachfragen, ich wollte da sein für ihn, wie wir es von Juni bis Februar so gut konnten. Aber wir konnten es, weil wir wussten, wann es die Zeit zuließ. Am New York-Morgen, wenn er Schlussschicht hatte und am New York-Nachmittag wenn er seine Pause machte. Heute war ich plötzlich mitten in seiner Arbeitszeit hier, zwischen Kaffeemaschinenlärm und vorbeidrängenden Kunden fühlte ich mich hilflos. Soll ich nachfragen? Er will bestimmt darüber reden, sonst hätte er nicht erwähnt, dass er keinen schönen Geburtstag hatte, aber kann er gerade reden? Einige Minuten saß ich so da und fühlte mich schlecht. Er ist kein dramatischer Mensch, ich hatte Angst, dass etwas Schlimmes passiert ist oder ihn jemand verletzt hatte. Wegen letzteren befürchtete ich immer noch: William, der Bruder. 

Nach einer Weile flüsterte er mir im Vorbeigehen zu: "Tut mir leid, es läuft nur irgendwie alles schief seit gestern." Ich nickte nur. Wieder konnte ich im Trubel des Cafés keine passenden Worte finden. 

 

Ein wenig später machte er Pause, setzte sich neben mich und entschuldigte sich noch einmal dafür, dass es einfach nicht sein Tag wäre. Endlich. Eine ruhige Minute. Ich fragte ihn, ob er gestern zu seinen Eltern gefahren ist, wie er es vor hatte und traf damit sofort das Problem, das in der Luft lag. Sie hätten im letzten Moment abgesagt, keine Zeit gehabt. So hatte er zwar den Tag frei, aber keine Pläne und verschwendete den einzigen arbeitsfreien Tag alleine daheim. Das tat mir unglaublich leid. Mein erster Instinkt war zu sagen, er hätte sich doch bei mir melden sollen, ich bin doch den ganzen Tag über flexibel. Und dann fiel mir auf, dass ich nicht wusste, wie diese Telefon-Freundschaft hier im echten Leben funktioniert, ob ich sowas anbieten kann, oder nicht. Und ich war mir plötzlich nicht sicher, ob meine Auffassung von einer Freundschaft hier in den Staaten vielleicht nicht ganz so funktioniert. Darüber hatte ich nie nachgedacht, bevor er eine Freundin hatte, und heute war ich plötzlich unsicher, ob so ein Angebot überhaupt angebracht ist. Also sagte ich nur, dass es mir leid täte und kramte stattdessen im Rucksack nach seinem Geschenk. 

 

Wenigstens half das, um ihn wieder zum Lachen zu bringen. Oben auf dem Geschenkspapier habe ich den "Unken" Anstecker befestigt und er schien sich ehrlich über das "Edelweis" zu freuen. Ich habe natürlich erzählt, dass Anita den Anstecker in meinen Koffer geschmuggelt hat, also danke auch an dich, Anita.