Tag 9

Strangers in the sun

(Fremde in der Sonne) Kitschiger Titel, ich weiß. Aber das war das erste, das mir zum heutigen Tag eingefallen ist. 

Aber zuerst muss ich nochmal kurz zu gestern zurück gehen. Ich hatte ganz vergessen, eine kleine Unwichtigkeit zu erwähnen, die ich ganz toll fand. Ich weiß nicht, ob jemand von euch den Film "The Goonies" schon einmal gesehen hat, zur Erinnerung, den habe ich gestern Abend am Dach von "Our Wicked Lady" im Freiluftkino gesehen. Auf jeden Fall gab es diesen Moment im Film, in dem einer der kleinen Jungen von seinem neuen Freund einen "Baby Ruth"-Schokoladenriegel bekommen hat. Ich kannte diese Schokolade nicht, aber es scheint eben ein alter Klassiker in den USA zu sein. In genau demselben Moment haben die Leute von der Bar allen Besuchern eben diese "Baby Ruth" Riegel ausgeteilt. Eine klitzekleine Geste, die ich so unglaublich toll fand, dass ich sie noch kurz erwähnen musste.

 

Aber zurück zu heute.

Ich habe gestern kurz den Besucher erwähnt, ein Freund von Stephanie, der hier zwei Nächte bei uns übernachtet hat. Das ist tatsächlich der erste richtige Hippie, den ich in meinem Leben kennen gelernt habe. So richtig, mit allen Klischees. Er fährt durch das Land und gibt Workshops an Schulen, um Kindern zu helfen "sich selbst zu lieben". So hat er es mir erklärt. Mit seinen langen Dreadlocks und schlabbrigen Klamotten macht er das Bild komplett. Als ich ihn heute Morgen getroffen habe, hat er mich gefragt, wie mein Tag gestern war und ich habe gesagt: "Schön". Aber das war für ihn nicht genug. Er wollte es genauer wissen: "Was hat dich gestern glücklich gemacht?", fragte er mich plötzlich und überrumpelte mich damit völlig. Nach ein bisschen Gestotter, sagte ich, dass ich viel Arbeit fertig gebracht hätte, das war ein gutes Gefühl.  Ich bin mir nicht sicher, ob das für ihn die passende Antwort war. Ansonsten erwiderte auf so ziemlich alles, das ich sagte: "Groovy". Jap. Wirklich. "Groovy". Beim ersten Mal musste ich lachen. Beim zweiten Mal bemerkte ich, dass er das Wort ernsthaft verwendet. Ups.

Beim Verabschieden drückte er mir einen Flyer von sich in die Hand und sagte mit ernster und sanfter Stimme: "Hier ist meine E-Mail Adresse drauf. Wenn es irgendwann eine Geschichte von dir zu kaufen gibt, möchte ich, dass du an mich denkst und dich bei mir meldest, dann kaufe ich sie. Aber schreib mir erst, wenn es deine Geschichte zu kaufen gibt!" Ich lachte laut los. Er blieb ganz ernst. "Ok, mache ich", sagte ich irgendwann, bemüht ernsthaft. Den Text seines Flyers schließt er mit "keep shining" (Leuchte weiter) ab, nur zur Info. 

 

Die Sonne folgte seinem Rat heute. Es war ein sonniger Tag. Warm und klar. Ich arbeitete am Morgen erst ein wenig von Zuhause aus. Richie und Jake wollten gegen 14:00 Uhr mit dem Filmen loslegen. Ich machte mich also irgendwann Mittags auf nach Williamsburg. Bevor ich beim Dreh vorbei schaue, wollte ich noch in einem Handyshop nach Pre-Paid Simkarten fragen. Ich stieg an der Bedford Ave aus um die Driggs Ave hinunter bis zum McCarren Park laufen, wo ich laut meiner Twitter-Quelle am Dreh von der Netflix Serie "Jessica Jones" vorbeikommen sollte. 

Schon ein paar Blocks vorher sah ich die Trucks und Schilder, doch in der besagten Straße war entweder noch kein Dreh in Gange oder bereits vorbei. Uhrzeiten der genauen Dreharbeiten bekommt man leider meist nicht heraus. Also lief ich weiter, am McCarren Park vorbei und in die Nassau Ave, wo ich im AT&T Shop nach einer Simkarte fragte. 60$ im Monat war wohl das günstigste Angebot. Auch im Internet hatte ich zuvor nur Angebote um den Dreh gefunden. Ich überlegte ein bisschen und sagte dann: "Mh. Okay, ich glaube ich werd es trotzdem nehmen..." Der Verkäufer war aber gott sei Dank so nett und sagte mir, ich sollte einen Block weiter bei seinem Konkurrenten nachfragen, die haben günstigere Angebote. Ernsthaft? Hast du mir das gerade wirklich gesagt? Kurz verwirrt und überrascht, bedankte ich mich bei ihm für die Ehrlichkeit und ging ein paar Türen weiter. 

Und tatsächlich. 40$  - unbegrenzt telefonieren und SMS schreiben und 3GB Internet. Damit lässt es sich aushalten. Und deshalb bin ich jetzt stolze Besitzerin einer US-Amerikanischen Handynummer: 

+1 (917) 600-3009 

 

Wieder ein bisschen einheimischer spazierte ich zurück zur Bedford und schaute auf einen kurzen Tratsch im Café Beit vorbei. Ich freute mich so sehr über meine Handynummer und ich weiß wie verrückt das ist, aber ich konnte es nicht verbergen und erwähnte es sofort, als mich Patrick fragte, wie mein Tag so war. Zu meiner Freude hat Patrick entweder meine Begeisterung im Gesicht gesehen, oder sich vorstellen können, was das für ein schöner kleiner Schritt zur echten New Yorkerin ist, denn er hat mir sofort die Hand zum High-Five entgegen gehalten und gesagt: "Oh wow, wie aufregend! Richtig cool!" Er klang tatsächlich genauso euphorisch, wie ich mich fühlte was mich gleich noch ein Stück fröhlicher machte. Ich bestellte einen Cold Brew und setzte mich vor das Café in die Sonne, um allen wichtigen Kontakten Bescheid zu geben. 

Ein fröhliches "Hello Stranger", riss mich aus dem Getippe. (Stimmt, auch deshalb könnte der heutige Beitrag so benannt worden sein. Ist er aber nicht, das kommt später.) Es war Chris, der offensichtlich wieder besser gelaunt war und ebenso offensichtlich  gerade aus dem Fitnessstudio kam. "Ernsthaft Fitnessstudio bei dem Wetter?", konnte ich mir nicht verkneifen und wusste im selben Moment, welche Antwort ich jetzt zu hören bekommen werde. Und ich sollte Recht behalten: "Wenigstens gehe ich hin". Verdammt. Wieder vergessen, dass er alles über mich weiß. Er setzte sich kurz neben mich auf den zweiten weißen Stuhl und wir unterhielten uns ein bisschen. Irgendwann kam ein Mädel aus dem Café und klinkte sich in unser Gespräch ein. Es dauerte nicht lange, bis Chris sich zur Arbeit verabschiedete und Isabel, so war ihr Name, und ich vor dem Café einfach weiter plauderten. Zwei Fremde in der Sonne. Wir quatschten sogar ziemlich lange und obwohl sie sehr nett war, war ich hin und wieder ein bisschen irritiert, wie sie von einem belanglosen Thema zum nächsten hüpfte, ohne dass ich eine Verbindung erkennen konnte. Aber gut. Es war nett.

Nachdem mein Cold Brew leer und Isabel wieder die Straße hinunter gelaufen war, ging ich noch einmal zurück ins Café um mein leeres Glas abzugeben. Am Weg dort hin entschuldigte sich Chris lachend: "Oh Mann, es tut mir so leid, ich dachte nicht, dass sie bei dir bleibt, wenn ich gehe!" Ich sah in kurz irritiert an. "Isabel, das Mädchen. Sie ist so anstrengend und redet so unglaublich viel..." Ich musste lachen. Deshalb also sein abrupter Abgang. "Sie hört einfach nicht auf. Und es ist nie interessant, worüber sie redet. Nie!" Er hatte schon recht aber ich versicherte ihm, dass ich es sogar ein bisschen genossen habe, mit einer Fremden zu plaudern. Manchmal kann das ganz schön sein. Und heute, in der Sonne, war es tatsächlich ein schöner Moment. Man muss sich das manchmal ein bisschen ins Gedächtnis rufen, was in so einem Moment passiert:

 

Ein Mensch, den man noch nie zuvor gesehen hat. Dieses Mädchen hätte einfach so vorbeigehen können, ohne dass ich sie gesehen oder bemerkt hätte. Sie hätte weiter ihr Leben gelebt und ich meines und wir hätten nie von der Existenz voneinander erfahren. Aber der Zufall hat unsere Wege gekreuzt, wir haben Geschichten ausgetauscht, uns gefühlt ein bisschen kennen gelernt und Dinge voneinander erfahren. Danach haben wir uns verabschiedet und ich werde dieses Mädchen wahrscheinlich nie wieder in meinem Leben sehen. Ich werde nie erfahren, was aus ihrer momentanen Job-Suche wird. Sie überlegt Therapeutin zu werden, weiß aber nicht, ob sie es schafft, wieder zur Schule zu gehen. Sie wird irgendeinen Weg gehen und ich werde keine Ahnung davon haben. Ich werde in wenigen Tagen vergessen, wie sie aussah. Aber in diesem einen Moment, in diesen zwanzig Minuten in der Sonne vor dem Café Beit, gab es nur uns zwei. Es sind zwanzig Minuten in unserer beider Leben, die nur wir allein miteinander teilen, niemand anderer wird je wissen können, wie dieser Moment war. Eine Erinnerung mit einem Fremden zu teilen, ist irgendwie, wenn man so darüber nachdenkt, unglaublich schön. Einfach die Tatsache. Die Vergänglichkeit eines solchen Treffens und seine Einzigartigkeit. Ein bisschen hoffe ich, dass ich sie nie wieder sehe. Nicht weil sie vielleicht ein bisschen anstrengend ist, sondern einfach nur für die Besonderheit ein paar Minuten mit einer Fremden in der Sonne gesessen zu sein und Worte gewechselt zu haben. 

Vielleicht hat mich der Hippie mit seinem Gelaber ja doch ein bisschen angesteckt, ich weiß es nicht. 

 

Und beim Thema fremde Leute fällt mir noch eine kleine Geschichte ein, die ich vor ein paar Tagen in der U-Bahn beobachten konnte. Im L-Train am Weg nachhause, musste ich stehen, es war kein Sitzplatz mehr frei. Vor mir saßen zwei Frauen, die sich offensichtlich nicht kannten. Sie redeten bereits, als ich einstieg, stellten sich aber irgendwann mit Namen einander vor. Ich war mit meinen Gedanken ganz wo anders, als ich auf einmal in die Realität gerissen wurde, als eine der beiden plötzlich sagte: "Ich habe vor kurzem ein neues Lied geschrieben, hör zu."

Gerade als ich mich fragte, ob das ihr Ernst war und sie jetzt wirklich gleich ihr Lied zum Besten geben will, fing sie auch schon an zu singen. Oder so ähnlich zumindest. Wirkliches singen war es nicht. Es war auch kein Rap. Es war irgendwo dazwischen, auf jeden Fall aber jenseits von Gut und Böse, wie man so schön sagt. Ich bemühte mich mit aller Kraft nicht zu lachen, drehte mich zur anderen Seite der U-Bahn um und blickte in eine Reihe von kichernden Menschen. Ich lies meinen Blick durch die Bank wandern und jeder einzelne hatte denselben Gedanken ins Gesicht geschrieben. Ernsthaft? Meint sie das ernst? Es war unglaublich witzig. Mit dem Rücken zum Superstar musste ich mein Lachen nicht mehr verkneifen und lies es einfach raus. Die Menschen mir gegenüber hatten ein schwereres Leid zu tragen aber kaum einem gelang es, ein Pokerface zu halten. Der Dame mittleren alters hinter mir, war das völlig egal. Sie sang einfach weiter und merkte am Ende nur an, dass der Song noch nicht fertig wäre. Na dann... 

 

Zurück zu heute, das Café Beit schließlich verlassen:

Mit meiner neu gewonnenen Erreichbarkeit wanderte ich weiter zum East River State Park und erfuhr von Richie, dass sie den Dreh auf heute und morgen aufteilen wollen, um mehr Tageslicht filmen zu können. Ich könnte gerne vorbeischauen, aber es wäre sehr stressig, weil sie von einem Ort zum anderen packen und ich will mich ja nicht aufdrängen. Ich bot Hilfe an, sagte aber auch, dass ich icht im Weg sein will, wenn es unstressiger für sie ist, dass sie alleine ihre Sache machen, ist das kein Thema. Und gott sei Dank war er ehrlich und bot an, sich am Abend zu treffen um mir das Material zu zeigen. Klingt perfekt. Also doch ein freier Tag. Ich hatte nicht einmal meinen Laptop dabei, also spazierte ich noch ein bisschen im Sonnenschein und machte mich dann wieder auf den Weg nach Bushwick. Kurz zum City Fresh Market um endlich ein Duschgel zu kaufen, nachdem ich tagelang heimlich das von meinen Mitbewohnern benutzt habe (psssst). Danach heim. Hier sitze ich nun seit ... ich weiß nicht genau wie vielen Stunden und arbeite vor mich hin. Mittlerweile ist die erste Geschichte in ihren 5 Kapiteln in Flaschen verpackt und ich habe bereits mit der zweiten Runde begonnen. Wieder Kapitel 1 - erste Flasche. Dann Kapitel 2 - zweite Flasche... so wird das noch eine Weile weiter gehen. Ich hoffe der Drucker kann mithalten... 

 

Ach ja, ich habe heute kurz mit  Nikola telefoniert und sie hat mich gefragt, wem ich denn eigentlich aller den Zugang zu diesem Blog hier gegeben hätte. Ich wusste sofort worauf sie hinaus wollte. Ja, ich erzähle hier von Tinder & co. und ja, ich hab auch kurz überlegt, ob ich davon berichten kann. Aber dann habe ich beschlossen, dass es mir nichts ausmacht, wenn ihr das wisst und ich meine Erlebnisse irgendwohin raus lassen muss. Erinnert euch mal daran, wovon Carrie immer so geschrieben hat, dagegen ist das hier ja heilig. Der Blog hier ist keine Kunst, kein Prosa, sondern für mich einfach eine Möglichkeit jeden Tag vor dem Schlafengehen alles noch einmal Revue passieren zu lassen. Ich schreibe das letztendlich also mehr für mich nieder, als um euch zu unterhalten (manchmal weiß ich eh nicht, wie ihr es schafft, diese langen, öden Texte zu lesen). Ich will hier alles ehrlich erzählen und glaube eigentlich, dass meine Eltern das auch aushalten, haha. Ich hoffe es zumindest, denn für mich ist es irgendwie auch ein schönes Gefühl, dass ich mittlerweile nicht mehr das Gefühl habe, irgendwas vor ihnen verheimlichen zu müssen. Wir sind doch erwachsen. Und wenn sie es doch nicht aushalten, könnt ihr jederzeit Absätze überspringen. Ich habe mich entschieden alles aufzuschreiben, an euch liegt die Entscheidung alles zu lesen. ;-) Und vielleicht lasse ich ja doch auch mal das ein oder andere Detail weg, wer weiß. (haha, jetzt seid ihr bestimmt so neugierig). Kleiner Scherz. 

 

Vor einer halben Stunde habe ich kurz Pause gemacht und mir den Sonnenuntergang am Dach angesehen. Hier sind alle Bilder des heutigen Tages zum durchklicken.