Tag 10

Wohnen in der Gemeinschaft

Es ist erst früher Nachmittag aber ich mache eine kleine Pause vom Arbeiten um euch folgende verrückte Geschichte zu erzählen: 

 

Als ich heute Morgen aufgestanden bin, stand plötzlich wieder der Hippie in der Küche. Ich also etwas erstaunt: "Hallo, ich dachte du wärst schon abgereist..." Und dann erzählte er mir, was gestern noch geschehen war, kurz nachdem wir uns verabschiedet hatten. Er war hier mit einer Freundin, ich hatte angenommen, dass sie seine Freundin ist und schon die ganze Reise über an seiner Seite. Es war aber eher eine neue Bekanntschaft für ihn, die er letzten Sonntag unterwegs kennen gelernt hatte und die beiden verstanden sich auf Anhieb und beschlossen, die Reise gemeinsam weiterzuführen. Sie hatte einen Van und er viel Zeug, weshalb es für ihn eine angenehme Abwechslung war, mit dem Auto unterwegs zu sein. Gestern Morgen packten sie also alles wieder in den Van, seine Arbeitssachen, zwei Laptops etc. Meine Mitbewohnerin Stephanie, die den Hippie schon etwas länger kennt, war gerade auf unserem Hausdach und er sagte seiner Freundin, er würde noch einmal kurz hoch laufen um sich zu verabschieden. Und das tat er. Danach kam er noch einmal in unsere Wohnung, er verabschiedete sich von mir - ich saß in meinem Zimmer  - und von ein paar anderen im Wohnzimmer. Mein Raum ist gleich nebenan aber ich habe tatsächlich nicht mitbekommen, was danach geschehen ist. Ich hörte gestern zwar einmal einen kurzen "Hey"-Ruf, aber dachte nicht weiter darüber nach. Es stellte sich aber heraus, dass er gerade zum Fenster hinaus sah, als seine "Freundin" mit dem Van davon fuhr. Jap. Tatsächlich. Mit all seinen Sachen im Auto, ohne ein Wort zusagen, einfach auf und davon. Mittlerweile ist sie anscheinend in einem anderen Bundesstaat und als er ihr eine SMS schrieb, und fragte, ob sie wiederkommen würde, oder er jetzt andere Pläne machen sollte, antwortete sie nur: "Mach dir neue Pläne". Das war alles. 

Er erzählte mir und Mirella heute Morgen die Geschichte und wir konnten es kaum glauben. War das von Anfang an ihr Plan? War das eine Kurzschlussreaktion? War ihr bewusst, dass all seine Dinge im Auto waren? Wollte sie ihn einfach ausrauben? Was zum Teufel geht durch ihren Kopf? Auch der liebe Hippie konnte sich das alles nicht erklären und kann nur hoffen, dass er irgendwie wieder an seine Sachen kommt. Er erinnerte sie daran, dass er alles über sie weiß, auch ein paar Dinge, die vielleicht nicht unbedingt zur Polizei durchdringen sollten und bat sie deshalb ihn in zwei Wochen in Massachusetts zu treffen und ihm seine Dinge zurückzugeben. Sie stimmte dem Plan zwar zu, aber am Ende wissen wir natürlich alle nicht, ob daraus auch wirklich etwas wird. Wir drücken ihm die Daumen. 

 

Der gestrige Abend wurde überraschend noch ein bisschen traurig. Gleichzeitig aber war es irgendwie auch ein schöner Abend für unsere Wohngemeinschaft. Wir waren füreinander da. Als ich irgendwann vor dem Schlafengehen in die Küche kam um mir ein Glas Wasser zu holen, traf ich Maja, Mirella, die sich Tee machte und Chase, der die Treppe herunter kam und auf sein Rad springen wollte, um in die Stadt zu fahren. Wie immer fragte ich Maja, wie ihr Tag war und sie atmete tief ein: "Ich habe gerade traurige Nachrichten bekommen, womit ich noch nicht ganz zurecht komme". Nach dem Satz, ließen wir alle drei alles liegen und stehen und saßen uns zu ihr an den Küchentisch. Chase zog seine Jacke wieder aus, Mirella machte eine zweite Tasse Tee für Maja und ich drehte die Musik leiser. Dann hörten wir ihr zu. Bei ihrem Vater wurde Krebs diagnostiziert. 11 - 30% Überlebenschance, im Moment ist er zu groß um operiert zu werden, er muss also erst in Therapie und sehen, ob sich der Tumor verkleinert. Maja hat ihren Vater seit Jahren nicht gesehen, sie sprechen nicht miteinander und gestern Abend am Küchentisch sind ihr all diese Dinge eingefallen, die sie ihm unbedingt sagen will. Sie ist sichtlich immer noch nicht wahnsinnig gut auf ihn zu sprechen, aber natürlich ändert so eine Nachricht schon einiges an den Gefühlen ihm gegenüber. 

Wir hatten natürlich keine Antworten für sie parat, aber wir alle drei versuchten ihr zu helfen, ihre Gedanken zu ordnen, indem wir vorsichtig nachfragten und unser Bestes gaben ihre Gefühle zu interpretieren und zu verstehen. Es tat ihr sichtlich gut, einfach darüber zu reden, man musste ihr nichts aus der Nase ziehen. Sie erzählte von einer Kindheit, die nicht einfach klingt. Einer alleinerziehenden Mutter, zwei schwierigen Kindern und einer Familie, die auf verschiedene Kontinente aufgeteilt ist. So traurig und schwierig der Abend war, so schön fand ich die Tatsache, wie alle hier füreinander da waren. Eine Stunde lang lenkte niemanden etwas ab, Pläne waren vergessen und die Handys aus den Augen. Als es ihr wieder besser ging, machte sich Chase schließlich auf in die Nacht hinaus. Mirella und ich blieben noch eine Weile mit Maja sitzen und redeten den üblichen Blödsinn und machten Quatsch. So lange, bis Maja entschloss, sie könnte jetzt schlafen gehen. 

 

Mittlerweile it es fast 4 Uhr Nachmittags und ich hab schon wieder was Neues von der Gemeinschaft zu erzählen. Ich saß gerade hier im Zimmer und habe an meinem Projekt gearbeitet - die Tür zur Küche offen. Als Maja im Vorbeigehen meine Flaschen mit meinem Geschichten darin  im Zimmer hängen sah, war sie ganz begeistert und sah sich das genauer an. Sie rief sofort Mirella und die beiden waren ganz beeindruckt. Ich hatte mal erwähnt, dass ich Mike gefragt habe, ob er ein paar Flaschen davon bemalen will, er ist schließlich Künstler. Er hat zwar zugesagt, aber ist im Moment viel beschäftigt und ich weiß nicht, wann er dazu kommt. Die beiden Mädels wollten sofort selbst ran. Jeder wollte eine Flasche designen und ich freute mich ehrlich darüber, dass sie sich so begeistert zeigten. Also kramten alle ihre Bastelsachen heraus und gemeinsam bemalten und beklebten wir in der Küche fast alle der bereits fertigen Flaschen. Nagellack, Klebeband, Zeitung, Glitzer - alles kam zum Einsatz und sie sehen ganz toll aus. Perfekt unperfekt - so wie es sein soll. Es waren schöne zwei Stunden, und ich kam mir ein bisschen vor wie in der Grundschule aber gleichzeitig auch so erwachsen, weil wir alle gemeinsam an meinem Projekt arbeiteten.

Und wisst ihr, was ich zwischendurch im Gespräch einfach so nebenbei erfahren habe - Achtung Fangirl-Nerding: Maja kennt einfach Ed Westwick ("Chuck" aus der Serie "Gossip Girl") Über Freunde, Arbeit und dergleichen hat sie ihn mal kennen gelernt und war dann sogar zu seinem Geburtstagsdinner eingeladen. Oh wow! Ich bin ein bisschen vom Stuhl gefallen, als ich das gehört habe - also in meinem Kopf. Sie meinte aber, er war nicht wahnsinnig toll, er wäre im echten Leben ein bisschen wie die Figur, die er spielt und sehr von sich selbst überzeugt. Außerdem kennt sie auch Lola Kirke, die Schwester von Jemima Kirke (Jessa aus "Girls"). Lola spielte an der Seite von Greta Gerwig in "American Mistress" oder in "Gone Girl" mit. Jemima hat sie aber noch nicht kennen gelernt. Aber dafür ist sie ganz gut mit dem Location Scout von "Girls" befreundet, weshalb auch schon einige Male etwas hier in dem Gebäude und darum herum gedreht wurde. wow, wow, wow. Auf meine Frage, wieso sie all diese berühmten Leute kennt, hat sie einfach nur geantwortet, dass das in 5 Jahren New York ganz normal wäre. Man muss aber auch dazu sagen, dass sie durch ihren Beruf als professionelle Tänzerin natürlich zu einem Haufen Events eingeladen ist, Castings bei Missy Elliot, Janet Jackson und Madonna hat sie auch schon hinter sich und als Person ist sie außerdem sehr offen und gesprächig, dann geht das wahrscheinlich ganz schnell.

 

Zwischen 6 und 7 heute Abend kommen Richie und Jake vorbei um die letzte Szene für mein Video hier zu drehen. Ihre Schauspielerin ist kurzfristig abgesprungen, deshalb hat sich Maja angeboten und ich habe vorgeschlagen es gleich hier zu drehen, was den Jungs ganz gut passte.

Dann zeigen sie mir noch das Material der vergangenen zwei Tage, worauf ich mich sehr freue. Es muss aber leider ein bisschen schnell gehen heute Abend weil ich dann los zu Patricks Konzert ins East Village muss. Stress, Stress. Aber guter Stress.  

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Tut mir leid, dass ihr heute Morgen nichts zu lesen hattet. Ich wollte den Artikel erst online schalten, wenn ich nach dem Konzert auch noch den Abend beschrieben habe, aber jetzt ist mir erst aufgefallen, dass es bei euch ja schon Morgen ist. 

Hier ist es jetzt 2:00 Uhr Morgens und ich bin gerade heim gekommen. Es war ein toller Abend. Eins nach dem anderen... 

Richie und Jake sind gegen 7 hier aufgetaucht. Es ist immer so lustig, wenn jemand das erste Mal hier her kommt. Wir haben keine Klingel unten an der Haustüre, geschweige denn irgendein Schild das vermuten lässt, dass hier Leute wohnen. Seit kurzem ist auf der Haustür aber mit Gaffer Tape die Ziffer 75 geklebt - die Hausnummer, zumindest etwas. Denn sonst würde wirklich niemand vermuten, dass es sich um eine Haustüre handelt. Ich habe den beiden deshalb geschrieben sie sollen anrufen, wenn sie unten sind, dann schmeiße ich den Schlüssel hinunter, so machen wir das hier. Wir sind im 4. Stock und die Stufen sind hoch... Da wir auch zu hoch sind um den Schlüssel einfach so lose nach unten zu werfen - das würde entweder jemanden verletzen oder der Schlüssel würde verloren gehen - schmeißen wir ihn in einer kleinen Tasche hinunter. Das funktioniert, der Wind trägt sie meist nicht weit weg... Auf jeden Fall waren die beiden dann irgendwann in der Wohnung und ganz begeistert von der Kulisse, die sie für das Video nutzen können. Maja hat einen tollen Job gemacht und ihre Schauspiel-Künste zum Besten gegeben. Das war wirklich toll und das Material sieht soweit einfach fantastisch aus. Ich bin super gespannt, wie das Video am Ende wird. Maja musste für den Dreh auf der Fensterbank sitzen und so tun als würde sie schreiben. Da das eine Weile gedauert hat, hat sie auch wirklich einfach zu schreiben begonnen und mir einen unglaublich schönen Brief verfasst, den ich euch noch abfotografiere und hier rein stelle. Der Text war aber so schön, dass ich ihn auch gerne für alle übersetzen möchte (für den Kontext muss man wissen, dass sich erst vor kurzem von ihrem Freund getrennt hat, und wir uns deshalb schon viel über diese Situation unterhalten haben): 

"Liebe Birgit, 

manchmal ist das Leben schwierig. Hindernisse versetzen uns manchmal ein Stück zurück, aber dann bringen sie uns auch einen großen Schritt nach vorne. Dieses Mal habe ich dich getroffen, während ich mich gerade von so einem Hindernis erhole und ich bin über alle Maßen dankbar, dass du in mein Leben gekommen bist. Die Wärme und Großzügigkeit, wie du sie hast, ist selten in dieser gestressten und überaus oberflächlichen Welt, in der wir leben. Dich zu sehen und von dir und deiner Ruhe und Geduld umgeben zu sein ist wie ein Schatz, den ich für immer in meinem Leben halten möchte. Das Licht, das aus deiner Seele scheint reflektiert in jedem um dich herum. Dein optimistischer und freier Geist führt die Leute um dich herum hin zu größeren Bergen. Es wird keine zu großen Hindernisse mehr geben, mit dir in meiner Nähe. Der Himmel soll blau bleiben und der Sonnenuntergang wertgeschätzt.

Von deiner lieben Freundin, Maja Ho."

 

Ich stand die ganze Zeit daneben, als sie gedreht haben und habe mich auf das Rundherum konzentriert, niemals hätte ich gedacht, dass sie in der kurzen Zeit spontan so liebe Worte aufschreiben würde und ich habe mich natürlich später unglaublich gefreut, als ich gelesen habe, was sie in meinem Notizbuch hinterlassen hat. Dafür gab's eine große Umarmung. 

Richie und Jake waren auch überglücklich, sie haben mit Maja, unseren Fenstern und dem Sonnenuntergang im Hintergrund die perfekten Szenen eingefangen. 

 

Danach bin ich sofort los in Richtung Konzert. Ich nahm den L und M-Train ins East Village und marschierte schnellen Schrittes in Richtung Location. Es war ein kleiner aber toller Laden, das Pianos, in der Ludlow Street, gleich um die Ecke vom Katz's Delikatessen (aus dem Film Harry & Sally). Drinnen angekommen fand ich auch schnell Chris und Lisa, ich hatte bereits zwei gute Bands verpasst, freute mich aber noch rechtzeitig gekommen zu sein. Während der ersten Band versuchte ich mir ständig ins Gedächtnis zu rufen, wo ich in dem Moment war. Ich war in Manhattan. Im East Village. Auf einem kleinen Rockkonzert. Die Tatsache, dass es so klein war, aber trotzdem in Manhattan war surreal. Es war fantastisch. Die erste Band leider nicht so sehr, aber die zweite war gut. Und die dritte waren dann endlich Caged Animals mit Patrick am Schlagzeug. Kurz bevor sie auf die Bühne gekommen waren, sind auch noch Darrin und Kimmie gekommen. Darrin ist der Mitbewohner von Chris, den ich noch von meinem Besuch im November kenne und von Kimmie habe ich ja bereits erzählt. Auch eine Freundin von den beiden und wir hatten uns schon letzte Woche auf einen Kaffee im Beit getroffen. Das Konzert war toll, ich habe es voll und ganz genossen, vielleicht war es sogar ein bisschen zu kurz. Aber schön. Chris muss morgen das Café aufsperren, deshalb sind er und Lisa schon etwas früher wieder gegangen.

Ich blieb mit Darrin und Kimmie bis zum Ende und am Heimweg zur Ubahn entschlossen wir uns kurzerhand die Williamsburg-Brücke noch zu Fuß zu überqueren. Darrin hat das tatsächlich noch nie gemacht. Ach diese Einheimischen... Es war ein wunderschöner Spaziergang, Fotos und Videos können das einfach nicht festhalten. Manhattan leuchtete uns mit seinen Millionen Lichtern in den Rücken und der East River spiegelte das Farbenspiel in seinen sanften Wellen wieder. Vor uns tat sich langsam Brooklyn auf. Neben uns fuhr hin und wieder eine Ubahn vorbei und unterbrach unsere Gespräche. Das Licht auf der Brücke ist nachts schummrig, die Luft war warm und angenehm. 

Auf der anderen Seite, in Brooklyn, angekommen waren wir wieder am Weg zur Ubahn und wieder entschlossen wir uns sie nicht zu nehmen. Stattdessen liefen wir weiter nach Williamsburg um an der Bedford Avenue zu "Oasis" zu gehen. Das soll ein super leckerer Falafel Laden sein, der bis in die Nacht geöffnet ist. Nicht, dass sonst alles zu hätte, unzählige Läden waren noch gut besucht und Foodtrucks standen an jeder Ecke. Aber es sollte Falafel sein. Wir bestellten und hatten die tolle Idee, unseren Snack gemütlich im Café Beit gleich um die Ecke zu essen.  Darrin arbeitet auch im Café und trug den Schlüssel mit sich herum. Also ließen wir kurzerhand diese für New York typischen Gitter-Rollladen nach oben, machten im hinteren Bereich das Licht an und saßen uns an einen Tisch. Es war ein verrücktes Gefühl nachts in meinem Stamm-Café zu sitzen und Falafel zu essen. Verrückt aber schön. Es wirkte ganz anders, fast ein bisschen traurig. Aber wir hatten Spaß und überlegten, ob wir Chris irgendeinen Streich spielen könnten oder ihm zumindest eine Nachricht hinterlassen sollten. Entschieden uns aber dann doch dagegen. Darrin war sich nicht ganz sicher, wie Chris unseren nächtlichen Aufenthalt finden würde. Deshalb nahmen wir lieber unseren Müll wieder mit nach draußen, stellten die Stühle wieder auf die Tische und hinterließen vermutlich nur einen strengen Zwiebel und Jalapenos-Duft im Café Beit.

Jetzt aber wirklich in die Ubahn. An der Bedford Avenue stiegen wir in den L-Train und nacheinander an den jeweiligen Heim-Stationen aus. Und so wurde aus einem einfachen Konzertbesuch ein kleines, harmloses nächtliches Abenteuer, das ich bestimmt nicht so schnell vergesse. Und Kimmie und Darrin waren dabei unglaublich unterhaltsame und liebe Begleitung.

Also dann, New York, Unken, Wien und München: Gute Nacht!