Tag 11 & 12

The One With The Girl From Poughkeepsie

Ja, es fehlt ein Tag. Tut mir leid. Manchmal komme ich nicht dazu etwas zu schreiben, ich hoffe ihr verzeiht mir. Aber dafür gibt's jetzt zwei Tage auf einmal.

Nach der langen Mittwoch-Nacht habe ich am Donnerstag erst einmal ausgeschlafen. Was nicht ganz so schlau war, weil ich bereits mit Brian ausgemacht hatte, dass ich ihn in Poughkeepsie besuchen würde. Ich natürlich ganz in Urlaubs-Ausflug-Stimmung, super gechillt gegen Mittag aufgestanden, gefrühstückt und geduscht... Und dann kam es mir: Poughkeepsie ist ein über eine Stunde mit dem Zug entfernt - und um zum Zug zu kommen, brauche ich erst einmal 40min zur Grand Central. Wenn der Tag also ein bisschen Sinn machen soll, muss ich schnell los. Sollte es zu knapp für den Tagesausflug werden, könnte ich auch upstate übernachten, das war mir klar, aber trotzdem hatte ich die ganze Anreise irgendwie vergessen mit einzuplanen. Also stresste ich mich so schnell ich konnte rüber nach Manhattan und erreichte den Bahnhof natürlich genau zwei Minuten zu spät und wartete deshalb wieder 45min an der Grand Central. Aber es gibt schlimmere Orte um zu warten. Ich saß auf den Stufen und beobachtete abwechselnd die Menschen und die wunderschöne Deckenbemalung der Station.

 

Dann, endlich um kurz vor 15:00 Uhr konnte ich in den Metro North Zug steigen in Richtung Poughkeepsie. Brian war am Nachmittag bei seinem Vater, weshalb ich zwei Stationen eher, an der Beacon Station, aussteigen konnte, wo er mich um 16:30 Uhr mit dem Auto abholte.

Zur Erinnerung, Brian hatte ich im letzten Jahr am Filmset von Collateral Beauty kennen gelernt. Er macht Special Effects für verschiedene Produktionen, zuletzt hatten wir uns im November in Brooklyn getroffen, weshalb ich einsah, dass ich dieses Mal wieder den Weg auf mich nehme. So ein kleiner Trip upstate fühlt sich immer ein bisschen wie Urlaub an und obwohl ich niemals in der Gegend leben wollen würde, ist es doch wirklich ganz schön für einen Ausflug. Poughkeepsie hat 30.000 Einwohner, liegt direkt am Hudson River und überzeugt mich zumindest mit den schönen hölzernen Einfamilienhäusern mit ihren großen Terrassen und Erkern.

Um das bisschen Nachmittag, das noch geblieben ist auszunutzen, spazierten wir ein bisschen durch die Stadt und machten in einer mexikanischen Tapas-Bar bei einem Bier und Nachos Pause. Es gab viel zu reden, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten und die Zeit zog über den Bartresen hinweg ins Nichts. Brian weiß, dass ich nur ungern meine Traumstadt verlasse und gab alles daran, mich davon zu überzeugen, dass die upstate Area schon auch ganz schön ist. Er erzählte mir von all den Besonderheiten, den historischen Plätzen und Gebäuden. Natürlich immer wieder: Die Brücke. Ich musste lachen. Die Brücke scheint für die Leute aus Poughkeepsie wirklich ihr ganzer Stolz zu sein. Es ist eine alte freitragende Eisenbahnbrücke aus dem 19. Jahrhundert, die irgendwann halb abgebrannt und dann zu einer Fußgängerbrücke wieder aufgebaut wurde. Mit  einer Länge von über zwei Kilometern ist es weltweit die längste Fußgängerbrücke und ihr wisst ja, sobald ein Ort irgendeinen Weltrekord hat, sind alle ganz verrückt danach. Man muss aber dazusagen, dass sie schon auch sehr cool aussieht und unglaublich hoch ist (65m).

 

Sonst gibt es hier alle Klischees eines Amerikanischen Vorortes (wobei es ja um Genau zu sein kein Vorort ist, sondern selbst eine eigene Stadt, aber trotzdem): Die Briefkästen am Straßenrand, die "Ghettos" mit verfallenen Häusern und Kindern, die mit Müll spielen und mit ihren Fahrrädern durch die Nachbarschaft düsen, die Drogendealer, die "auffällig unauffällig" am Straßenrand stehen, die kurvigen Straßen durch Siedlungen mit Wohnmobilen in den Einfahrten, die weißen Terrassen mit gehissten Amerikanischen Flaggen, die typischen Bars mit Neonschildern, in denen gefühlt 24/7 die selben Menschen sitzen, die High und Middle Schools mit den Schildern "Drogen-freie Schulzone" rundherum, die weitläufigen Malls mit Fußballfeld-großen Parkplätzen, die Drive-Through-Bankomaten und am Stadtrand die Jelly-Fabrik um die herum es Tag und Nacht nach Marmelade duftet.  

 

Gleich nebenan ist das Städtchen Hyde Park, wo Franklin D. Roosevelt einst residierte. Im letzten Jahr habe ich den Film mit Bill Murray darüber gesehen, weshalb ich das sogar ein bisschen spannend fand. Als er dann auch noch erwähnte, dass diese Woche wieder die Drive-In-Theatres eröffneten, hörte ich endlich richtig zu. So richtige Autokinos? Wie in den alten Filmen? Sowas gibt's hier tatsächlich? Ich hatte nie darüber nachgedacht, sowas mal zu machen aber ich dachte auch nicht, dass die noch existieren. Von einer Sekunde auf die andere stellte ich fest: "Das wollte ich schon immer mal machen!" Wir checkten das Programm und tatsächlich - eines der Autokinos in Hyde Park spielte an dem Abend erst den neuen Fast and the Furious (bäh) und direkt im Anschluss "Get Out", den ich unbedingt sehen wollte. Klingt nach einem Plan. Man zahlt einmal und kann sich theoretisch beide Filme anschauen, wir beschlossen aber lieber erst auf den zweiten hinzufahren um vorher noch in Ruhe was zu essen. 

 

Im Mill House gab es nicht nur leckeres eigens gebrautes Bier (meines schmeckte nach Gurke - anscheinend von einem Buddhistischen Mönch erfunden) und hammer Essen, es war auch unglaublich schön eingerichtet. Das alte Backsteingebäude hatte noch alte Holzdecken und -Böden und wurde mit stylisch-schicken schwarzen Booths modernisiert. Das Essen war mega - generell ist Essengehen in New York - City wie auch State - einfach jedes Mal etwas Besonderes. Wie schaffen die es immer nur, dass mir heir einfach alles so gut schmeckt? 

Nach dem Essen fuhren wir dann endlich da hin, wo ich schon immer hin wollte - zumindest seit ich das gestern beschlossen habe: Ins Drive-In. Also Autokino. Am Weg holten wir uns noch Snacks und Bier - ich fand Stiegl Radler und kaufte ihn für Brian zum Probieren. Er ist ganz hin und weg - "Das wird mein Sommergetränk dieses Jahr!", versprach er ganz beeindruckt von der Idee Bier mit Limo zu mischen.

 

Der nette Rentner am Schranken zum Dirve-In erwähnte gefühlt 10 Mal, dass wir nicht vergessen sollten, den Schlüssel nur auf den ersten Anschlag zu drehen, damit uns die Batterie nicht ausgeht. Über eine bestimmte Radiofrequenz würden wir den Ton vom Film empfangen. Klo und Snacks gab's in einem kleinen Häuschen in der Mitte. Ich war tatsächlich ein bisschen aufgeregt, es sah alles so aus wie in den Filmen. Nur nicht ganz so viele Autos, die Saison hatte gerade erst begonnen und Brian machte sich auch ein bisschen Sorgen, dass zu dem zweiten Film nicht viele Leute kommen würden - Der Film handelt von einem Schwarzen, der die weißen Eltern seiner Freundin kennen lernt und in Konflikte gerät - er meinte, viele hier würden sich diese Art von Film nicht anschauen. Rassismus sei hier Upstate leider ein großes Problem. 

Wir sahen noch ungefähr die letzte halbe Stunde von Fast and Furious - was wirklich mehr als genug war und dann ging es endlich los. Um 22:30 Uhr startete dann, nach ein paar Werbeblöcken aus den 50ern "Get Out". Manchmal zwischendurch musste ich mich selbst wieder aus dem Film und in meine eigene Situation zurückholen. Ich wollte einfach nicht vergessen, dass ich wirklich gerade in einem dieser Autokinos saß. Das war schon ein sehr cooles Erlebnis. "Get Out" aber leider nicht ganz nach meinen Erwartungen, aber gut. Das verzeihe ich ihm. Es wird trotzdem immer mein erster und womöglich einziger Autokino-Film sein. 

Der Tag 12 startete so cool, wie bisher noch keiner: Mit einem richtigen Frühstück in einem richtigen American Diner in Hyde Park. Richtig bedeutet: Außen ist der Laden aus Metall, die Räume sind super niedrig, drinnen irgendwie alles bunt, Lederbooths, KellnerInnen in niedlichen Outfits und immer mit einer Kanne Kaffee in der Hand, na ihr wisst schon. Schon beim Eintreten spielte mein Kopfkino verrückt und ich hörte Samuel L. Jacksons Dialog mit John Travolta und wartete nur darauf, bis irgendwo Tim Roth aufspringen und den Laden überfallen würde. (Pulp Fiction)

Ich bestellte Eggs Benedict und Brian Blueberry-Pancakes, dazu natürlich Filterkaffee und wie immer viel zu kaltes Eiswasser. So kalt das Wasser, so warm der Tag. Mein Handy hatte schlappe 16 Grad oder sowas vorhergesagt, die Sonne schien aber als gäbe es kein Morgen und heizte das Hudson Valley mit voller Kraft auf. Also ab nach draußen. Nach dem Frühstück war ich sowieso gefühlt für eine Woche gestärkt und deshalb fuhren wir erst ein bisschen durch die Gegend - auf einen Abstecher zu F.D. Roosevelts Haus - und dann weiter in Richtung "Nichts". Nur noch Bäume, Wälder, Wiesen, Natur. Puh. Schön langsam fing mir New York City an abzugehen. Die Straßen waren allerdings cool. Ewig weite, hügelige Straßen, ab und zu Schulbusse und Trucks, gelbe Straßenmarkierungen. Mit jeder Meile  stieg in mir das Verlangen mich selbst ans Steuer zu setzen.

Wir fuhren durch ein paar Orte oder Städtchen, deren Namen ich vergessen habe. Hier irgendwo hat Robert DeNiro ein Haus, dort Jimmy Fallon und da ist der Süßwarenladen, von Paul Rudd und Jeffrey Dean Morgan. - Ja, ich war genauso überrascht. Offensichtlich wohnen die Beiden hier, sind gut befreundet und liebten den alten Süßwarenladen so sehr, dass sie es nicht mitansehen konnten, als er zu schließen drohte. Zack, kauften die beiden Hollywood-Stars das Ding und eröffneten ihn neu. Wer mag Paul Rudd und Jeffrey Dean Morgan jetzt noch mehr? Ich auf jeden Fall! 

Apropos Hollywood Stars: Da mich das ja immer wahnsinnig interessiert, habe ich ein bisschen nachgestochert, woran Brian in letzter Zeit so gearbeitet hat und ich glaube die wichtigsten Dinge habe ich mir gemerkt: Am Dreh von "The Path" durfte er Aaron Paul kennen lernen (Papa, das ist der Jessie Pinkman von Breaking Bad). Der soll tatsächlich super nett und witzig sein. Mit Edward Norton hatte er eine unangenehme Klo-Begegnung und auf dem Handy zeigte er mir außerdem die allerletzte Szene von "The Punisher" (weil ich die sowieso nicht anschaue). Dann war da noch Jessica Jones, Defenders, Daredevil, und Gotham. Im letzten Jahr durfte er sogar am Set von "Orange Is The New Black" arbeiten, für die Episode mit Pussey's Rückblende. Ein bisschen wundere ich mich, dass ich noch da bin, eigentlich hatte ich das Gefühl, dass mich der Neid aufgefressen hat. 

 

Aber zurück zum Thema. Irgendwo im Nirgendwo machten wir dann Halt. Durch einen Wald der gruselig ähnlich nach Unken roch, marschierten wir einen Hügel hoch, bis zu einer Lichtung, an der gerade eine Schulklasse offensichtlich ihre Wandertags-Pause einlegte. Dort gab es einen alten Wasserturm - einen dieser Stahltürme, wie aus dieser Disney-Kinderserie. Ob ich Höhenangst hätte? Pfff, nein, hatte ich Brian eine halbe Stunde zuvor versichert. Nach den ersten Stufen musste ich allerdings meine Antwort ein bisschen spezifizieren: "Ich hab keine Höhenangst, aber ich hab Angst vor Dingen, die vor 100 Jahren hoch gebaut wurden und in denen Schrauben fehlen". Die Schulklasse unter mir lachte. Okay, okay, ich gehe ja weiter. Wenn die Lehrer ihre Schüler da hoch schicken, kann es nicht so schlimm sein. Unten gab es auch nur ein einziges Sterbebild: Eines Hundes, der wohl vom Turm gefallen war. Damit kann ich leben... der Hund nicht, aber ich. Oben angekommen wirkte das ganze Ding aber auch nicht sicherer, trotzdem waren wir nicht die einzigen, die die Mühe und Angst auf sich nahmen. Die Aussicht war es dann doch auch Wert. Über das gesamte Hudson Valley blickend sah die Landschaft aus, wie ein einziger Wald. Die Bäume unter uns wirkten wie lauter kleine Wattebausche und kaum ein Häuschen blitzte zwischen ihnen hervor.  Ok, das sieht cool aus. Der Blick vom Rockefeller Center ist mir aber trotzdem lieber.

 

Am Rückweg konnte ich es dann wirklich nicht mehr halten: "Dürfte ich vielleicht zurückfahren?" Brian musste lachen und entschuldigte sich gleichzeitig dafür, dass er nicht daran gedacht hatte, sonst hätte er es mir angeboten. Aber mir ist schon auch bewusst, dass nicht jeder so gerne Auto fährt wie ich und sich so darüber freuen kann in einem anderen Land zu fahren. Ich setzte mich ans Steuer und... Automatik. Ach Mann... wie war das nochmal? Ich fragte kurz nach und brachte ihn damit noch mehr zum Lachen. In den Staaten können die meisten keine Schaltung fahren, deshalb fand er es unglaublich amüsant, dass ich beim Automatik-Auto nachfragte. Aber Hey, die guten alten kulturellen Unterschiede. Ich düste los und stand vor dem nächsten Problem. Miles per hour. Wie schnell ist das jetzt? Was ist das Limit? Wie sehen eure Schilder noch schnell aus? Aber nach der zweiten Kurve hatte ich es raus und den größten Spaß. Ich liebe Autofahren. Ich liebe Autofahren in anderen Ländern und ich liebe es noch viel mehr bei schönem Wetter und so tollen Straßen. Im Radio lief der perfekte Soundtrack: alte amerikanische Songs von Stevie Wonder bis Otis Redding. Und so kam mein kleiner Upstate Ausflug langsam zum Ende.

 

Einen Spaziergang zum höchsten Punkt von Poughkeepsie und einer wohlverdienten Pizza später nahm ich wieder den Metro North Zug zurück und wartete sehnsüchtig auf die Lichter der Stadt. Zurück über die Strecke am Hudson River, wo "The Girl on the Train" spielt, vorbei an Yonkers, dem Yankees Stadium und rein nach Harlem. Die Häuser wurden wieder dichter und ich fühlte mich mit jedem einzelnen von ihnen wohler und heimischer. Es war ein schöner Ausflug, alles ein bisschen wie in einem alten Film, schön idyllisch und Vorstadt-Amerikanisch, aber ach... mit der Ankunft an der Grand Central war ich mehr als froh zurück zu sein. Aber so konnte ich wenigstens noch einmal ankommen in New York, noch einmal realisieren, wo ich war und noch einmal das Gefühl vom Heimkommen haben. Mit den ersten Schritten in die U-Bahn New Yorks merkte ich, wie meine Füße wieder Gas gaben, meine Blicke um mich herum kürzer wurden und alles hatte wieder die gewohnte Schnelligkeit, die ich hier so liebe. Mit dem Pizzakarton meiner Pizzaresten in der Hand, raste ich wie ein Local durch New Yorks Untergrund: Zack-zack 4-Train zum Union Square, L-Train nach Bushwick, raus an der Jefferson, an unseren obdachlosen Nachbarn an der Ecke Harrison und Flushing vorbei zum großen roten Warehouse. Zuhause. Im Treppenhaus kam mir Russ entgegen und freute sich, dass ich wieder gesund und munter zurückgekommen war. "Hast du's schon vermisst?", fragte er mich grinsend weil er die Antwort wusste.