Tag 15

Projektstart: Narrating City

Es ist so weit. Montag, der 15. Mai ist also der Tag, an dem ich mein Projekt offiziell gestartet habe. Die erste Geschichte ist in die Welt hinausgeflogen und ich bin super aufgeregt. 

 

Ich weiß nicht, ob ich es schon einmal erwähnt habe, aber ich habe keine Fenster in meinem Zimmer. Die Tür zum Wohnzimmer ist im Moment Nachts noch geschlossen, weil es durch die Fenster ein relativ kalt rein zieht. Bald kann ich sie aber bestimmt offen lassen. Auf jeden Fall, ist das momentan der Grund, warum es mir unglaublich schwer fällt, früh aufzustehen. Es ist komisch, weil ich meistens sogar sehr früh ins Bett gehe – früher, als ich zum Beispiel in München immer schlafen ging. Trotzdem höre ich meinen Wecker meistens erst eine Stunde lang gar nicht und drücke dann noch hundert Mal auf "Schlummern". Gestern Abend habe ich mir fest vorgenommen, um 7 aufzustehen. Ich habe mir vorgenommen am Morgen die ersten Flaschen in Bushwick aufzuhängen und war mir sicher, dass es mir leichter fällt, wenn wenig los ist auf den Straßen - also je früher, desto besser. Ich ging schon gegen 23:00 Uhr schlafen um sicherzugehen, dass ich ausgeschlafen bin und aufstehen kann. 

 

Und zum Glück - es hat geklappt. Um 7:20 Uhr kroch ich aus dem Bett, machte mir ein kleines Frühstück, schlüpfte nur kurz in eine Leggins und Pulli, schmiss meine fünf ersten Flaschen in die Tasche und marschierte gegen 8:00 Uhr nach draußen. Natürlich ist Bushwick um 8:00 Uhr nicht vollkommen leer, aber auch noch nicht wirklich voll und die wenigen Leute, die auf den Straßen unterwegs sind, sind am Weg zur Arbeit oder bringen die Kinder in die Schule und sind viel zu sehr mit ihrem täglichen Alltag beschäftigt, als sich um mich zu kümmern. So hoffte ich zumindest. Trotzdem fiel es mir unglaublich schwer, die erste Flasche aufzuhängen. Ich suchte nach Orten, an denen viele Menschen vorbei kommen, die aber auch nicht "zu" auffällig sind. Keine Häuserwände, weil das vielleicht die Bewohner stört, keine öffentlichen Zäune, weil das vielleicht die Polizei wieder abmachen würde. Dann sah ich, dass viele der Strommasten irgendwelche Eisenriemen haben. Strommasten, damit sollte doch wirklich niemand ein Problem haben. Ich vermutete, dass meine Geschichten daran die bestee Chance haben eine Weile hängen zu bleiben. Die erste halbe Stunde lief ich aber nur umher - im Dreieck zwischen den U-Bahnstationen Jefferson und DeKalb und dem Maria Hernandez Park. Das ist eine Gegend, in der die Bewohner dieser Nachbarschaft häufig vorbeikommen. Hier liegen die Supermärkte, Waschsalons und Delis des täglichen Gebrauchs. Ich weiß nicht genau was mich davon abhielt die Flaschen aufzuhängen, aber irgendwie traute ich mich nicht. Ich fühlte mich wie ein Eindringling, als ob ich wegen meines Touristen-Status nicht berechtigt wäre, in das Stadtbild dieser Nachbarschaft einzugreifen. Ich glaubte nicht wirklich, dass sich jemand direkt beschweren würde, aber ich hatte trotzdem Angst vor den Gedanken der Menschen um mich herum.

 

Ich lief also weiter umher und redete mir ein, dass man mir nicht ansehen würde, dass ich nicht von hier wäre. Dass hier jeder irgendwelche Flyer, Zettel oder sonstiges an die Wände klebte, dass auch ich mir rein gar nichts denken würde, wenn ich jemand anders dabei sehen würde. Irgendwann – und ich weiß schon gar nicht mehr wo genau das war – fand ich einen Strommasten, der sich anbot und einen Moment, in dem ich praktisch alleine an der Straßenecke war. Ich machte schnell. Die Flasche hing und ich lief weiter. Geschafft. Endlich. Jetzt noch vier Mal.... 

 

Ich war zirka eine Stunde unterwegs, lief die Straßen hin und her, hoch und runter und verteilte die Kapitel schließlich in einem ganz guten Radius zueinander und schaffte es irgendwann auch nach dem Befestigen noch kurz ein Foto zu schießen. Die Erleichterung nach getaner Arbeit war groß und am Heimweg zurück in die Wohnung wandelte sich meine Nervosität in pure Aufregung. Es war geschafft – ich hatte angefangen. Alles, was ab jetzt mit den Geschichten passiert, liegt nicht mehr in meiner Hand. Natürlich muss ich das alles noch einige Male wiederholen, aber die erste Geschichte war draußen, mein Projekt war gestartet und meine größte Angst damit überwunden. Bisher hatte ich, trotz ständigem Arbeiten, einfach Angst, dass irgendwas aus irgendeinem Grund nicht klappen würde und mein Projekt einfach nicht passieren würde. Dass ich mich vielleicht einfach nicht trauen würde... Aber es ist passiert. Ich habe es passieren lassen und ab jetzt kann ich nur noch von der Ferne dabei zusehen, wie es sich entwickelt. Es ist ein Versuch, aber den Versuch habe ich gestartet, und es fühlt sich unglaublich toll an. 

 

Als ich in die Wohnung zurück kam, waren Maja und Russ auch aufgestanden und beide waren super überrascht und aufgeregt, als ich ihnen erzählte, was ich gerade gemacht habe. Ich bin mir sicher, beim zweiten Mal wird es wieder eine Überwindung aber hoffentlich wird es von Mal zu Mal für mich einfacher, die Geschichten mit Selbstvertrauen aufzuhängen. Zumindest habe ich endlich wirklich losgelegt. Es ist nicht mehr nur eine Idee, es ist Realität geworden und ich kann es kaum erwarten, heute Abend oder morgen Früh einen Spaziergang zu machen und zu sehen, ob sie noch hängen und natürlich ob sich jemand ein Kapitel genommen hat! Ich kann nicht viel mehr machen, als zu hoffen, dass die Leute die Flaschen sehen, neugierig sind und sich anschauen, was es damit auf sich hat. Vielleicht nicht sofort, vielleicht braucht es ein paar Wochen, vielleicht braucht es noch etliche Flaschen mehr. Je präsenter, desto eher traut man sich vielleicht hinzugehen und nachzusehen. Aber wenn es irgendwo auf der Welt funktionieren kann, dann ist es Bushwick. Damit bin ich mir sicher. Wenn nicht hier, dann nirgendwo. 

 

Jake ist schon beim finalen Editing, ich sollte das Video also diese Woche bekommen und hoffe, dass ich es direkt, so wie es ist, nehmen kann. Dann werde ich versuchen Social Media noch ein bisschen mehr damit zu füllen, hoffentlich Leute und Seiten mit Reichweite finden, die es teilen können und es auch an das Austrian Cultural Forum schicken, damit die ein bisschen Werbung machen können. Ich nehme auch meine gute Kamera noch einmal auf einen Spaziergang zu den Kapiteln, um richtig Fotos davon zu machen.

 

Gestern Abend haben Russ und ich noch einmal über die Miete und so weiter gesprochen. Er und Mike hatten vor, eine Art "Artist-Residence" in der SkyFortress einzuführen. Das bedeutet, einen Raum offiziell für begrenzte Zeit an Künstler aus aller Welt zu vermieten. Damit könnten sie das Ganze mit ihrem eigenen Vermieter offiziell abmachen und zusätzlich Werbung für die SkyFortress und eigene Projekte machen. Die beiden wollen gerne, dass ich also ihr erster "Künstler-Gast" bin, was für mich im Prinzip keinen Unterschied macht, außer dass es eine große Ehre wäre. Russ sprach davon, ein Event zu veranstalten, bei dem mein Projekt vorgestellt wird. Er würde Essen kochen, eine oder zwei Geschichten würden ausgestellt werden, Fotos davon aufgehängt und das Video über den Beamer abgespielt. Das klingt alles ganz toll, aber solange das nur eine Idee von Russ ist, mache ich mir mal noch nicht zu viel Hoffnung... Dafür kenne ich ihn und seine Ideen schon zu gut. Denn Ideen hat er viele... Aber wenn mein Projekt erst einmal richtig in Gang ist, kümmere ich mich vielleicht einfach selbst darum, dass das Ganze passiert. Auf jeden Fall habe ich ihm gestern endlich die erste Miete gegeben, für Mai. Da er so ein chaotischer Mensch ist, hatte ich Angst, dass er vergessen hatte, was wir ausgemacht hatten (400$) oder dass er aus irgendeinem Grund mehr verlangen würde, aber als ich fragte, ob die 400$ immer noch ok wären, meinte er sogar: "Ich hatte eher an 300$ gedacht". Ok für mich :-) So konnte ich endlich ein bisschen von dem vielen Bargeld vom Austrian Cultural Forum loswerden, dass ich in meinem Reisepass unter meinen Klamotten versteckt hatte. 

 

Nachdem der Tag heute so früh und gut gestartet war, kümmerte ich mich ein bisschen um Social Media und machte mich dann zusammen mit Maja auf in die Stadt. Am Nachmittag musste sie arbeiten, deshalb spazierten wir gegen 12:00 Uhr zusammen in der Sonne von der Wohnung aus nach Williamsburg (40min) und holten uns eine 4$ Falafel Sandwich bei Oasis (wo ich letzte Woche auch mit Kimmie und Darrin war). Der Spaziergang war schön, wir hatten viel Zeit zu Quatschen und neue Pläne zu machen. Zum Beispiel, dass wir morgen Mittag zusammen zum "Donation-Yoga" gehen. Da kann man sich Matten ausleihen und gegen eine freiwillige Spende eine Stunde Yoga mitmachen - egal welches Level. Genau sowas brauche ich! Obwohl sie natürlich als Tänzerin super fit und trainiert ist, habe ich neben ihr keine Scham oder sonstiges, ich werde das einfach einmal ausprobieren. 

 

Nach dem leckeren Mittags-Snack spazierten wir weiter in Richtung East River zur Ecke N4th Street und Kent, zu dem Café in dem Maja arbeitet. Sie versprach mir WLAN, gratis Kaffee und Smoothies und eine angenehme Arbeitsatmosphäre. Alle Versprechungen wurden wahr. Ich überarbeitete noch einmal die kommende mucbook-Kolumne und finde sie zum Glück noch immer ganz gut und freue mich auf Donnerstag, wenn sie veröffentlicht wird. Es ist ein unglaublich schönes Gefühl, zu wissen, dass jede Woche dieser Text von mir erscheint und es offensichtlich wirklich einige Leute gibt, die sie lesen. Die Rückmeldung vom ersten Artikel war unglaublich. Damit hatte ich nicht gerechnet und hat mich wirklich unglaublich gefreut und stolz gemacht. So macht das Schreiben gleich noch viel mehr Spaß.

 

Ich war nun zwar schon eine Weile nicht mehr im Beit aber ein bisschen Abwechslung kann auch nicht schaden. Vielleicht wechsle ich die beiden Cafés einfach ein bisschen ab. Gemütlicher ist es im Beit, komplett gratis aber nur hier, im Pudge Knuckles. :-)

 

Gerade habe ich gesehen, dass Russ die Seite meines Projektes geteilt hat und super liebe Worte dazugeschrieben hat. Auch Luq hat mir heute morgen direkt eine SMS geschrieben, ob er meinen Beitrag teilen darf, weil er das Projekt so toll findet (zur Erinnerung: Luq arbeitet für den Simon & Schuster Verlag), es ehrt mich also wirklich, von diesen Leuten sowas zu hören. Es ist unglaublich motivierend zu sehen, wie manche meiner Freunde wirkliche Begeisterung dafür aufbringen können. Danke an alle, die fleißig liken & sharen. Ich hoffe, das klingt nicht zu sehr nach angeben, aber ich bin einfach gerade stolz auf jede Kleinigkeit, die um mein Projekt herum passiert, es ist eben das erste Mal, dass ich an etwas komplett Eigenem arbeite. Das ist eins schönes Gefühl. 

 

Ich bin wieder daheim angekommen und muss noch kurz erwähnen, was Mirella mich gerade gefragt hat. So witzig und zugleich so cool. Sie ist die Film- und Fotografiestudentin der NYU... NYU, ja NEW YORK UNIVERSITY, die direkt am Washington Square Park liegt! Jedenfalls hat sie mich gerade um einen Gefallen gebeten. Sie schreibt gerade eine Arbeit für die Uni und wollte mich fragen, ob ich am Ende mal drüber lesen könnte! Was? Ich? Ich musste wirklich laut lachen, habe ihr aber gesagt, ich mache das natürlich gerne aber nur unter der Voraussetzung, dass ich nicht die letzte Person bin, die das liest. Das war für sie ein guter Deal. Ich fand das ein schönes Kompliment, weil sie ja eindeutig meine Fehler beim Sprechen hört, sie ist immerhin aus den USA, aber mich als Schreiberin offensichtlich doch sehr ernst nimmt, ein schönes weiteres Kompliment am Abend oben drauf.