Tag 16

Yoga to the People

Ich wollte gerade anfangen zu schreiben, da habe ich mich plötzlich gefragt, ob ich eigentlich jeden Eintrag mit "Heute" anfange. Vermutlich. Ich schaue nicht nach, fange heute stattdessen... oh, mit "ich" an. Das ist wahrscheinlich der zweit-häufigste Beginn meiner Artikel hier. Aber das passiert, wenn man nicht darüber nachdenkt und einfach loslegt... 

Im Moment sitze ich gerade im Café Beit, die Jungs haben sich schon ein bisschen gewundert, was ich die ganze Zeit mache, weil ich schon so lange nicht mehr da war. War ich letzte Woche überhaupt einmal hier? Ich kann mich nicht mehr erinnern. Nur das eine Mal, Nachts nach dem Konzert, aber davon dürfen sie ja nichts wissen. :-)

 

Ich habe John gebeten, mir irgendein kühles, koffeiniertes Getränk zu empfehlen. Irgendwas anderes. Was Besonderes. Damit habe ich ihm eine Freude gemacht, das weiß ich genau. Meistens bestelle ich an warmen Tagen einfach einen Cold Brew, also lediglich Filterkaffee mit Eiswürfel, nicht so originell. Als leidenschaftliche Barista scheint hier die Regel zu gelten: Je komplizierter, desto besser. Er machte sich sichtlich ein paar Gedanken und hatte dann ganz aufgeregt eine Idee für eine Chai-Kaffee-irgendwas-Shot-irgendwas. Ok, mach was du willst, ich probier's. Ich wartete also ein bisschen länger als sonst auf meine Erfrischung aber das hat sich ausgezahlt. Ich weiß nicht was er da genau gemacht hat, aber es ist sehr lecker. Nach dem ersten Schluck stellten wir beide fest: Da ist von allem was drin - würzig, süß, erfrischend. Und da es das nicht auf der Karte gibt, musste ich nur eine Kleinigkeit bezahlen. Guter Trick, muss ich mir merken. 

 

Ich sitze heute ganz vorne am offenen Fenster, mit Blick auf die Bedford Avenue. Das ist eigentlich der beste Platz im Sommer, meistens gehe ich aber lieber in den Hinterhof. Heute wollte ich was anderes. Hier gibt es mehr zu sehen. Immer wieder, wenn ich vom Bildschirm aufblicke, laufen irgendwelche spannenden Leute vor mir vorbei. Entweder sehen sie super verrückt, super schön oder super hipster aus. Vorhin blieb ein Polizeiwagen eine Weile vor dem Fenster an der Straße stehen und die Polizisten schauten in meine Richtung. Überlegen die sich Kaffee zu holen? Sehe ich irgendwie suspekt aus? Ich weiß nicht genau, was sie hier machten, nach einer Weile fuhren sie wieder weiter. Danach versammelte sich eine Gruppe von Hipster-Freunden, die sich zufällig vor dem Café über den Weg liefen. Sie quatschten eine Weile und wollten dann ein Foto von sich machen, waren aber eindeutig zu viele für ein Selfie. Ich blickte gerade auf, als mich alle grinsend ansahen. Ich bot also an, das Foto zu machen, beugte mich durchs Fenster hinaus, nahm das Handy und knipste von meinem Platz aus ein Bild von der Gruppe auf der Straße. Schon ein bisschen witzig. 

 

Es ist jetzt 16:00 Uhr und ich spule mal eben den Tag auf Anfang zurück: 

Ich frühstückte gemütlich mit den Mädels und gegen 11:00 Uhr machten Maja und ich uns wieder zu unserem Spaziergang auf. Wieder wollten wir den Weg nach Williamsburg zu Fuß auf uns nehmen. Es war bereits am Morgen unglaublich warm draußen und schon nach wenigen Blocks vielen die Hüllen von uns ab und der Schweiß begann in der Sonne zu glitzern. Aber egal, wir laufen weiter. 40 Minuten später waren wir beim "Yoga for the People". Dort gibt es den ganzen Tag über Yoga-Klassen gegen eine freiwillige Spende. Matten kann man sich ausleihen und Duschen sind vor Ort. Kein Wunder, dass davon viele Gebrauch machen. Ich hatte von dem Studio schon ein paar Mal gehört, ich glaube sogar, Darrin arbeitet da manchmal, kein Wunder jedenfalls, dass der Raum komplett voll war. Trotzdem war die Atmosphäre angenehm ruhig. Und dann machte ich zum ersten Mal richtig Yoga. Yoga to the People gibt es einige Male in New York, es soll super bekannt sein und schon in einigen Serien aufgetaucht sein. In Broad City machen sie sich zum Beispiel darüber lustig. Aber so Leute wie mich ziehen sie eben durch ihr Konzept an Land - nur bezahlen wenn man hingeht und auch dann reicht ein Dollar. Der Yoga-Lehrer hat sogar extra nochmal erwähnt, dass es auch nichts macht, wenn man nichts spenden kann, man solle trotzdem wieder kommen. 

 

Es war eine tolle Stunde, genau der richtige Schwierigkeitsgrad für mich für den Anfang. Ich musste mich zwar konzentrieren und konnte noch nicht so recht auf mein Atmen achten, aber ich konnte alle Übungen mitmachen und verstand die Anforderungen (auch mit geschlossenen Augen). Das Ganze ging eine Stunde und gerade als ich dachte, schwieriger sollte es nicht mehr werden, war auch unsere anstrengendste Übung vorbei und es wurde wieder entspannter. Ich schwitzte was das Zeug hielt, fühlte mich aber nicht so k.o. wie bei "herkömmlichen" Sportarten.

Was mich bisher von Klassen dieser Art immer abgeschreckt hatte, war das ungute Gefühl zwischen so vielen Menschen zu stecken und mich zu blamieren. Die Angst wurde mir heute genommen. Ich glaube, ich habe mich ganz gut angestellt und habe natürlich auch selbst gemerkt, dass man weder Zeit noch Interesse hat, auf die anderen Leute zu achten. Ich war überrascht, dass ich ohne Vorbereitung die Übungen ziemlich problemlos machen und mich in alle Richtungen dehnen konnte. Nicht einmal neben Maja, die ihre Gliedmaßen in wie ein Gummiband durch den Raum streckte, war es mir unangenehm.

 

Nach der Dusche setzten wir uns in die Sonne und aßen eine Blutorange. Es war ein unglaublich angenehmes Gefühl nach der Yoga-Stunde. Ich fühlte mich nicht fertig oder platt, sondern voller Energie und gut gestärkt. An der Bedford-Ubahn verabschiedete sich Maja in die Arbeit und ich fuhr für einen kleinen Abstecher zurück in die Wohnung. Ich wollte mein Handtuch und den ganzen Kram loswerden und was Kleines zu Mittag essen. Zuhause wartete leckeres, fertiges Essen, das wusste ich. Gestern war wie jeden Montag wieder das Dachterrassen-Kino und Russ kochte wie immer so viel, dass genug für uns alle für die nächsten paar Tage übrig blieb. Ich aß und rannte direkt wieder nach draußen. Es ist ein so unglaublich schöner Tag. Die perfekte Temperatur um die Jacke daheim zu lassen, die Sonnenbrille aufzusetzen und jedes kleine vorbei wehende Lüftchen zu genießen, das hin und wieder angenehme Frische durch die Straßen fegt. 

 

Ich beschloss eine U-Bahnstation weiter zu laufen und am Weg nach meinen Flaschen zu schauen. Sie waren alle noch da. Die meisten Geschichten aber auch, also muss ich auf jeden Fall bald die nächsten verbreiten. Ich bin immer noch der Meinung, dass das Interesse mit steigender Anzahl von Flaschen ebenfalls steigen wird. Nur Geduld...

 

Jetzt hatte ich gerade eine kleine, überraschende aber schöne Pause. Ich saß gerade hier am Fenster, tief in mein Schreiben dieses Eintrags vertieft, als ganz plötzlich Kimmie vor mir am Gehsteig der Bedford stand und mir über meinen Laptop ins Gesicht winkte. Sie hatte gerade eine Pause von ihrem Nanny-Job, bevor sie das Kind von der Schule abholen muss, deshalb schaute sie im Beit vorbei. Wir hatten uns seit unserem nächtlichen Heimweg-Abenteuer nicht mehr gesehen und großen Spaß daran, noch einmal daran zurück zu denken. Wir quatschten ein bisschen und sie fragte mich nach meinen Plänen für die nächste Woche. Ich erwähnte, dass die Mädels aus meiner Wohnung und ich am Wochenende tanzen gehen wollen und da wurde sie ganz wehmütig. Sie hängt eigentlich immer mit den Darrin und anderen Jungs ab, die nie Lust auf tanzen haben. Deshalb habe ich sie natürlich sofort zu uns eingeladen und ihr versichert, dass meine Mitbewohnerinnen kein Problem damit haben werden, wenn sie sich einfach anschließt. Sie war super glücklich über die Einladung und ich hoffe wirklich, dass das klappt. :-)

 

Jetzt ist sie wieder weg und das Café plötzlich halb leer. Keine Ahnung wie das passiert ist. Ich werde mich mal wieder nach draußen auf machen und ein bisschen Spazieren. Der Nachmittag neigt sich dem Ende... 

____ 

Ich spazierte noch ein bisschen durch Williamsburg, besuchte Maja in ihrem Kaffee und holte mir einen leckeren, grünen gratis-Smoothie ab, mit dem ich mich dann gemütlich an den Pier des East River setzte und die Skyline genoss.

Am Weg zurück in die SkyFortress rief mir plötzlich jemand von der anderen Straßenseite: "Hey, die neue Nachbarin!" entgegen und winkte mir zu. Ich blieb stehen und versuchte mich zu erinnern... Als er näher kam, kam auch die Erinnerung zurück: Der Nachbar hier im Haus, dem ich an einem meiner ersten Tage geholfen hatte, die Matratze hoch zu tragen. Ich weiß gar nicht ob ich davon erzählt hatte. War auch nicht wichtig, ich begegnete ihm damals gerade an der Haustüre, als er überlegte, wie er das riesige Paket in den vierten Stock transportieren sollte und bot meine Hilfe an. Zu zweit schleppten wir also eine neue, verpackte Matratze in seine Wohnung und stellten uns kurz vor. Nie im Leben hätte ich den wieder erkannt, hätte er mir nicht zugerufen. Zum Glück aber musste auch er noch einmal nach meinem Namen fragen, ich wusste seinen auch nicht mehr. Julian. Ach ja, stimmt. Er fragte kurz nach, wie es so läuft bei mir und meinem langen Urlaub und nach kurzem Small Talk gingen wir wieder unserer Wege. Super unwichtiges Detail, aber ihr wisst ja, wie ich mich immer freue, jemanden zufällig unterwegs zu treffen, den ich kenne. In dieser Stadt überrascht mich das immer wieder. 

 

Zurück in der Wohnung setzte ich mich zu Mirella ins Wohnzimmer, wo noch die letzten Sonnenstrahlen durch die großen Fenster schienen. Die Wohnung hat sich mittlerweile ziemlich aufgeheizt, ich glaube heute kann meine Tür zum Wohnzimmer zum ersten Mal offen bleiben. 

Mirella schickte mir dann noch ihre Arbeit für die Uni, die ich lesen sollte. Es war ein Essay über Egon Schiele und seine Werke und als ich ihr erzählte, dass ich gerade erst vor kurzem in Wien seine Bilder gesehen hatte, fiel sie fast vom Stuhl. Es ist ihr Lieblingskünstler aber in New York gibt es in keinem der zahlreichen Museen Gemälde von ihm. Ich las mich durch die 13 Seiten und konnte ihr tatsächlich helfen. Struktur, Grammatik, Rechtschreibung und Kohärenz, von allem ein bisschen und ich freute mich innerlich, weil ich schon ein bisschen Angst hatte, dass ihr Text viel besser ist, als meine Englisch-Kenntnisse. Tatsächlich aber wunderte ich mich sogar ein bisschen über ihre einfache Sprache und Wortwahl – das war weit von den Standards entfernt, die sie von uns in der LMU verlangten. Es war zwar ein sehr spannender Text aber nicht sonderlich eloquent oder wissenschaftlich, wie ich es von Uni-Texten kenne. Und das, obwohl sie an der renommierten NYU studiert. Aber schön, dass ich helfen konnte, sie hat sich sehr über meine Verbesserung gefreut. Außerdem, glaube ich, studiert sie noch nicht so lange und hat noch nicht so oft, Texte dieser Art geschrieben, das kommt vielleicht erst in den höheren Semestern. 

 

Morgen wird es noch wärmer und übermorgen soll es sogar über 30°C haben. Deshalb habe ich mir vorgenommen, morgen früh aufzustehen und gleich mich gleich früh an die Arbeit zu sitzen, damit ich am Nachmittag, wenn Maja gegen 15:00 Uhr von der Arbeit kommt, mit ihr den restlichen Nachmittag am Dach verbringen kann. Sie hat bereits Tee in den Kühlschrank gestellt, damit wir morgen Eistee haben und angekündigt, dass sie für mich und Mirella am Dach ein Yoga-Stunde gibt. Maja macht nämlich schon seit sie ein kleines Kind ist Yoga. 

 

Hier die wenigen Bilder, die ich heute gemacht habe. Es tut mir wirklich leid wegen den Fotos. Die fallen dieses Mal sehr mau aus. Mehr als ein paar Handy-Schnappschüsse schaffe ich irgendwie nicht. Dafür ist hier alles schon zu gewohnt. Aber der Hydrant ist mir immerhin ins Auge gestochen, der hat sich heute schick gemacht.