Tag 17

Sonnendach

Als ich gerade "Tag 17" getippt habe ist mir plötzlich ein Gedanke gekommen. Tag 17... ich erinnere mich noch an eine Zeit, die mir so nah erscheint, in der ich nach zwei Wochen, in denen ich von zuhause weg war, langsam aber sicher Heimweh bekommen habe. Eine Zeit, in der ich schon vor Abreise wusste, irgendwann kommt dieser Moment, in dem ich unbedingt sofort zurück will, in meine gewohnte Umgebung, zu den wirklichen Freunden und der Familie. Der Blick nach vorne, aber, auf die über 70 Tage, die ich noch hier bin, machen mir nicht das kleinste Bisschen Angst. Dabei fühlt es sich an, als wäre es gestern gewesen, dass ich Angst vor dem Alleine sein hatte. Freunde hin oder her, ich hatte Angst davor auf mich alleine gestellt zu sein. Jetzt fühlt sich das so großartig an und ich genieße jede Sekunde, in der ich voll und ganz selbst entscheiden kann, wann ich wo was mache. Das soll natürlich nicht heißen, dass ich nicht gerne bei meiner Familie bin, keine Sorge. Aber ich weiß ja, dass ihr immer da seid, ich euch jederzeit anrufen kann. Wahrscheinlich macht genau der Gedanke im Hinterkopf, mein entspanntes Allein sein aus. 

 

Toast. Ich wollte euch von Toast erzählen. Schön länger, habe es aber immer wieder vergessen. Als ich vor ein paar Tagen mit Merit und Stephanie unterwegs war, kamen wir irgendwann auf das Thema Toast. Merit, die aus Finnland kommt, erzählte mir nämlich, dass niemand – aber auch wirklich niemand - in den USA zu wissen scheint, dass verbrannter Toast krebserregend ist. Und auch Stephanie war ganz geschockt von der Nachricht. Nicht nur, ist es hier einfach nicht bekannt, es geht sogar in das andere Extrem. In Restaurants kann man seine Burger vom Grill oder Toast ganz schwarz angekohlt bestellen, Leute lieben das hier. Wenn das Essen nicht frittiert ist, dann eben verbrannt. Stephanie erzählte sogar, dass ein Arzt ihrer Mutter empfohlen hat jeden Tag verbrannten Toast zu essen, um an fehlendes Eisen (? - ich glaube es war Eisen) zu kommen. Macht das denn im Entferntesten Sinn, Mama? 

Wir haben eine Weile darüber geredet und Merit und ich erzählten ihr, dass in Europa so ziemlich jeder bereits im Kindergarten lernt, dass man die verbrannte Schicht vom Toast unbedingt abmachen soll. Davon hat hier offensichtlich niemand etwas gehört. Auch für die anderen in der Wohnung war das neu. Wir haben aber vorsichtshalber unseren Toaster in der Wohnung ein paar Stufen runter gestellt.

 

Aber nun zu meinem Tag. Ich habe leider ein bisschen länger geschlafen, als ich wollte und bin erst um 9 aufgestanden. Nach dem Frühstück und der Dusche packte ich gerade meine Sachen im Zimmer zusammen, als ich Russ im Wohnzimmer mit jemanden reden hörte. Ich habe mir nichts dabei gedacht, weil ja ständig irgendjemand hier ist, den man nicht kennt. Also einfach gekonnt ignoriert. Dann irgendwann hörte ich Russ sagen: "Oh, Birgit ist doch schon wach", was mich ein bisschen wunderte. Was hab denn ich mit seinem Besuch zu tun? Eine Sekunde später erscheint Russ in der Tür zu meinem Zimmer und fragt mich grinsend: "Weißt du wer hier ist?" Ich sah ihn blank an, "Wer ist denn hier?" Gerade als ich die Frage gestellt hatte, schaute Jonathan um die Ecke. Die Überraschung war geglückt. Ich wusste zwar, dass er im Mai mal vorbei schauen wollte, hatte aber keine Ahnung wann genau und als ich Russ vor ein paar Tagen fragte, meinte er nur ich solle mich überraschen lassen. Ich sprang in die Höhe und stieß einen kurzen Schrei aus, ich habe mich wirklich gefreut ihn wieder zu sehen. Jonathan hat bis zum Winter hier gewohnt und im letzten Jahr haben wir viel zusammen unternommen. Er hat damals in China Town in einem Designbüro gearbeitet und wir haben uns manchmal zum Mittagessen in der Stadt getroffen oder waren Abends zusammen unterwegs. Er lies keine Warehouseparty ausfallen. Neben Russ kenne ich ihn also schon am besten von den Leuten hier.

 

Er war bereits in der Nacht mit seiner Frau und ihrem neu umgebauten Van angekommen, hatten aber im Auto geschlafen, weil es so spät war und meldeten sich erst heute Morgen bei Russ um zu fragen ob sie duschen könnten. Sie bleiben bis nächsten Donnerstag hier und alle in der SkyFortress freuen sich riesig über ihren Besuch. Allein die Anwesenheit beider ist super angenehm. Kennt ihr diese Leute, die jede Runde einfach irgendwie ruhiger und angenehmer machen? So sind sie beide. Seine Frau Thema konnte ich bisher noch nicht kennenlernen, sie lebte in Kanada. Im Herbst haben die beiden geheiratet, wobei sie es strikt nicht als Ehe oder Hochzeit bezeichnen wollen. Es ist mehr eine kulturelle Verbindung oder so ähnlich, wenn ich das jetzt lose übersetze. Sie nennen sich gegenseitig Partner und nicht etwa Ehemann oder -frau. Sie passen wirklich perfekt zusammen, sie sind eines dieser Paare, die man ansieht und sofort beneidet. Ein bisschen wie Pedro und Teresa. :-) Auf jeden Fall sitzen wir gerade alle im Wohnzimmer, jeder arbeitet an seinem Laptop, aber alle sitzen beisammen. Sogar Mike ist heute den ganzen Tag bei uns, normalerweise verbringt er die Tage, die er nicht arbeitet mit seiner Freundin, aber wenn Jonathan da ist, kommt jeder gerne heim. 

 

Ich musste trotzdem noch raus am Vormittag. Meine Flaschen müssen schließlich in die Welt hinaus und das hatte ich mir heute noch einmal fest vorgenommen. Über eine Stunde spazierte ich durch Bushwick und brauchte wieder eine ganze Weile, bis ich mich traute sie aufzuhängen. Aber irgendwann klappte es. Es sind jetzt also 10 Flaschen im Umlauf, alle in meiner Nachbarschaft, immer noch die erste Geschichte. Ich will erst sicher gehen, dass sie wahr genommen werden, bevor ich mit der zweiten loslege, sonst wird das zu kompliziert für die Leute. Das heißt, ab jetzt gibt es jeweils zwei Flaschen mit demselben Kapitel. 

Als ich zurück kam war ich platt. 1,5 Stunden in praller Sonne herum zu laufen war heute ermüdend. Es hat bereits über 30°C und ihr wisst ja, in Städten fühlt sich das noch einmal heißer an. 

 

Also setzte ich mich zu den anderen ins Wohnzimmer, wo es im Moment noch gut kühl ist. Durch die großflächigen Fenster kommt so viel Tageslicht herein, dass man gar nicht so ein schlechtes Gewissen hat, drinnen zu bleiben. Trotzdem scheint am Nachmittag die Sonne nicht direkt hindurch, das macht sie nämlich lieber Morgens. Um 15:00 Uhr kam Maja aus der Arbeit und wir zogen uns sofort die Bikinis an und legten uns mit Mirella aufs Dach in die Sonne. Nach einer guten Stunde musste ich aber aufgeben. Zwar weht da oben immer eine gute Brise, trotzdem war die Hitze nicht mehr auszuhalten. Deshalb sind wir jetzt zurück im Wohnzimmer bei Russ, Thema und Jonathan. Gerade haben wir festgestellt, dass heute Abend wirklich alle daheim sein werden, also holt Russ noch ein paar Bier und wir machen uns einen gemütlichen gemeinsamen Abend in der großen Gruppe am Dach. <3

 

Maja, Stephanie und ich haben vorhin unseren Memorial-Day-Wochenendtrip vom 26.-29. Mai gebucht. Wir haben ein günstiges Auto gefunden, das wir uns ausleihen und ein nettes Häuschen direkt am Potomac Fluss, in Bushwood, Maryland. Das ist ungefähr 5 Stunden von hier entfernt, in der Nähe von Washington D.C. aber eben am Land, am Wasser, mit Terrasse, genau das was wir wollten - und im Vergleich zu den anderen Angeboten - super billig.  

 

Zwei Fotos brauchen noch ein bisschen Erklärung. 

Auf dem einen ist eine Rechnung zu sehen, die Stephanie mit nachhause gebracht hat. Sie hat ganze 6 (!) Artikel gekauft und eine riesig lange Rechnung dafür bekommen, die sogar die New Yorker erstaunen lies. Verrückt. So viel verschwendetes Papier. 3/4 der Rechnung sind irgendwelche Gutschein-Coupons.

 

Und dann sind da noch Screenshots von den ersten Reaktionen von Leuten auf mein Projekt, die mich unglaublich gefreut haben. Es sind nur zwei, aber (!) es sind zwei Leute, die ich nicht kenne. Den einen kennt Maja, er ist ein super erfolgreicher Musiker, der schon mit Adele, Rihanna und anderen großen Stars gespielt hat. Wir wissen nicht, wie er auf mein Projekt gekommen ist, aber er folgt Narrating City schon eine ganze Weile auf instagram und hat heute sogar ein Kommentar hier gelassen, dass er es cool findet. 

Das zweite Kommentar kam gerade eben von einem Mädchen, das ich auch nicht kenne. Sie schrieb: "This made my day", was so viel heißt, wie "das hat mir den Tag versüßt" -  ein Kompliment, dass mich grade am Wohnzimmertisch aufschreien hat lassen, so sehr habe ich mich darüber gefreut. Ganz aufgeregt erzählte ich der ganzen Runde: "Ich habe gerade meinen ersten Erfolg mit meinem Projekt!" Ein Kommentar von einem echten, fremden Menschen, der die Flasche offenbar wirklich wahrgenommen hat und sie verstanden hat. 

Das gab eine Runde Applaus und Jubelrufe für mich. So süß, die Leute hier...  sie alle konnten meine Freude und Aufregung darüber voll verstehen und kamen mir mit eigener Euphorie entgegen, die den Moment noch schöner gemacht hat. :-)