Tag 18

Sonnenbrand und Freibier

Jetzt aber - mit Verspätung aber ganz viel Elan, frisch und munter, kommt der Eintrag zu Tag 18. Es war ein langer Tag aber vollgepackt mit so vielen schönen Dingen, dass ich gar nicht weiß, womit ich beginnen soll. Deshalb der Reihe nach. Brian und seine Freunde hatten ja bereits angekündigt, dass sie am Donnerstag zu einer Show im "House Of Vans" gehen wollen. Das ist ein Skate-Location inklusive Bühne, wo ich auch im letzten Jahr schon einmal war. Dort war ich das allererste Mal alleine aus, weil mir Brian damals empfohlen hatte, dass ich da auch gut alleine hin gehen kann. Damals war es ein Skate-Event und nebenbei ein kleines Hip-Hop-Konzert. Dieses Mal sollte es nur ein Konzert sein, dafür größer und in der Halle, in der normalerweise geskatet wird. "Digable Panets" waren Headliner, das ist eine alte HipHop Band, die sich 1987 in Brooklyn geformt hat – also wirkliche Old-School Leute. Richtig berühmt ist ihr Song: "Cool Like That" aber ich hatte zuvor ein bisschen reingehört und fand sie ganz toll. Es ist softer HipHop, mit noch ganz viel R'n'B und sogar Jazz-Einflüssen, sie spielen noch mit einer richtigen Band auf der Bühne und so eine Legende dieser Musikrichtung habe ich noch nie zuvor live gesehen, also wollte ich auf jeden Fall mit. 

 

Da es, wie schon angekündigt, unglaublich heiß werden sollte, haben Brian und ich ausgemacht, dass er bereits am Vormittag in die Stadt kommt und wir nach Coney Island zum Strand fahren wollen. Unglaublicher Weise war er dort noch nie! Und für mich sollte es das erste Mal richtig Sommer dort sein. Er parkte sein Auto vor unserem Warehouse, ich schmiss die Schlüssel vom Wohnzimmerfenster hinunter und er reagierte, wie jeder, der hier das erste Mal die Treppen hochläuft: Beeindruckt und zugleich ein bisschen skeptisch. Nachdem ich ihm die Wohnung gezeigt habe fand er es aber doch sehr, sehr cool. Ich weiß, wir haben's cool hier. :-)

Wir machten uns aber gleich los in Richtung Süden Brooklyns. Wir nahmen das Auto, weil diese Leute von Upstate einfach nicht einsehen wollen, wie praktisch die Ubahn ist, aber gut. Mir soll's Recht sein. Wir fuhren über Williamsburg auf einen kleinen Highway, von dem aus man eine ganz neue Sicht auf Manhattan bekam, fuhren dann weiter am Wasser mit Blick auf Staten Island, immer weiter in den Süden, immer weiter in Richtung offenes Meer. Ungefähr 40 Minuten später parkten wir in einer der Straßen, die so tolle Namen haben, wie "Surf Avenue" oder "Mermaid Av". 

 

Der Strand war bereits gut besucht, erstreckt sich aber über eine so große Länge und auch Breite, dass sich die Menschenmassen gut verteilten. Das Wasser war eiskalt. Wirklich eiskalt. Fast wie die Saalach würde ich sogar behaupten aber nach einer Weile in der prallen Sonne, wagte ich trotzdem den Versuch und hatte Erfolg. Das erste Mal tauchte ich am Strand von New York im Meerwasser unter. Herrlich. Während die Füße taub wurden von der Kälte, wurde das Glücksgefühl in meinem Kopf mit jeder Welle stärker. War es nicht gerade Winter, vor drei Tagen? Auch das hier ist New York! Strand, Meer, Mango-Verkäuferinnen, die Puerto-Rico-Flaggen im Sand. Der kurze Tauchgang im Meer schüttelte mich noch einmal richtig wach: Das hier ist ein Traum. Mein Traum. Ich lebe gerade meinen großen, schönen Traum. Ich bin in New York. Ich arbeite. Ich schreibe. Und dazwischen bin ich im Meer!

 

Nach der Abkühlung lies es sich noch ein Bisschen in der Sonne aushalten. Wir kauften uns ein kühles Bier inklusive brauner Papiertüte von der Strand-Verkäuferin, wobei wir beide nicht genau wussten, wie legal das nun wirklich ist. Eigentlich heißt es in ganz New York: Kein Alkohol in der Öffentlichkeit. Mit dieser braunen Papiertüte schwebt das Bier aber irgendwo in einer Grauzone, auch Brian wusste nicht so Recht, wie das Gesetz dafür genau ist. Aber alle um uns herum taten dasselbe und im Notfall, so hatte ich schon mal angekündigt, würde ich einfach meine Touristen-Karte ziehen.

Apropos Karte ziehen. Wir hatten ein super witziges Gespräch über Unnützes Wissen. Und weil ich nur einen solchen Fun-Fact parat habe, versuchte ich ihn auf Englisch zu erklären. Die Sache mit der "Arschkarte ziehen". Ich hatte mal gehört, woher diese Redensart kommt (vom Fußball im Schwarz-Weiß-Fernsehen) aber als ich begann das alles zu erklären, fiel mir auf, dass es dieses Sprachbild der "Arschkarte" im Englischen einfach nicht gibt. Trotzdem gelang es mir das ganze als "Butt-Card" mit Bedeutung und Herkunft im Deutschen zu erklären und Brian fand es super witzig. Wir beschlossen, die Butt-Card ab sofort in der selben Weise auf Englisch einzuführen. Mal schauen, ob's klappt. 

Und das Fun-Fact, das ich gestern gelernt habe. Im Englischen gibt es zwei Worte für Karusselle. Das Karussell und das Mary-Go-Round. Die meisten Leute glauben, beides wären einfach Karusselle, es gäbe keinen Unterschied. Tatsächlich gibt es den aber. Eines dreht sich im Uhrzeigersinn, das andere gegen den Uhrzeigersinn. Ja, unwichtig, aber trotzdem irgendwie interessant. Ich stellte dazu gleich die nächste Theorie auf: Die Amis müssen die Idee des Karussells also von Europäern geklaut haben. Bei uns gibt es schließlich nur ein Wort dafür, und hier zwei. Das heißt, das Karussell war zuerst da. Dann wollte hier wahrscheinlich jemand die Idee für sich beanspruchen und als es hieß: Nein, Mann, das gibt es schon. Das ist ein Karussell, änderte er einfach die Richtung und nannte es Mary-Go-Round. 

Irgendwann werde ich das alles mal googeln, ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es genauso passiert ist :-)

 

Gegen 14:00 Uhr packten wir zusammen und holten uns das klassische Coney Island Mittagessen. Burger und Hot Dogs von "Nathan's". Nathan's ist eine Fast Food Kette, die 1916 hier in Coney Island entstand. Angefangen hatte alles mit Hot Dogs, später kamen Burger und dergleichen dazu und mittlerweile gibt es so ziemlich alles, worauf man Ketchup oder Senf machen kann. Sogar SeaFood und Frosch-Schenkel. Wir entschieden uns aber doch lieber für den Klassiker. Und eine Portion Käse-Pommes dazu. Jährlich findet hier sogar ein Hot Dog Wettessen statt, aktuell steht der Rekord bei 73,5 Hot Dogs. Igitt. 

 

Somit gab es nur noch eine Kleinigkeit, die auf meiner Coney Island Liste stand. Das Riesenrad. Das steht bereits seit dem Memorial Day 1920 hier im Park und hat ein paar kleine Besonderheiten: Am Wichtigsten ist wahrscheinlich die Tatsache, dass es Kabinen gibt, die nicht "fest" sind, sondern bei der Umdrehung nach Innen oder Außen rutschen. Natürlich musste ich unbedingt mit so einer fahren und das war super lustig. Außerdem gibt es diese tolle, wichtige Szene in der Serie "Mr. Robot", in der die beiden Hauptcharaktere mit dem "Wonder Wheel" fahren. Ihr kennt mich, das hat natürlich auch ein bisschen dazu beigetragen, dass ich unbedingt damit fahren wollte. Die alte Achterbahn bin ich ja bereits im letzten Jahr mit Lisa gefahren, deshalb musste dieses Mal das Wonder Wheel dran. Zwei Umdrehungen darf man damit machen - eine für Instagram und eine für das freie Auge ;-) 

Die Aussicht ist gigantisch. Auf der einen Seite blickt man auf den Strand, den Freizeitpark und das offene weite Meer, auf der anderen Seite sieht man direkt auf den One World Tower im entfernten Manhattan. 

Und dann war es auch schon Zeit für den Rückweg in die Stadt. Wir hatten zwar Tickets für das Konzert, mussten aber trotzdem rechtzeitig dort sein um rein zu kommen. Wenn der Laden voll ist, ist einfach Schluss. Also fuhren wir zurück in die SkyFortress, duschten schnell den Strand vom Sonnenbrand ab und nahmen dann den L- und G-Train nach Greenpoint. Ich wusste natürlich sofort den Weg zum House Of Vans und war wieder ein bisschen stolz darauf. :-) Brians Freunde Mike, Sean und Sarah warteten bereits auf uns in der endlos langen Schlange. Rein durfte praktisch jeder, der von der Party wusste. Kids unter 21 bekamen ein großes schwarzes X auf die Hand gemalt und wir älteren ein schickes goldenes Band. Es war eine tolle Stimmung im House Of Vans. Es war erst früher Abend, ca. 19:30, weshalb die Halle zu Beginn noch leer blieb und sich die Menschenmenge im schönen Innenhof versammelte. Es waren wieder die unterschiedlichsten Menschen hier. Jung und alt, Hipster und HipHopper, Skater und Surfer... Das liebe ich an all den Parties, auf denen ich hier war, man muss sich nie anpassen. Zwar ist das dort ein Skate-Laden und HipHop Konzert, trotzdem kommen die Leute in den unterschiedlichsten Stilen, over- und underdressed existiert hier nicht. 

 

Es gab den ganzen Abend lang gratis Wasserflaschen und Bier. Trotz Freibier leif aber alles super geregelt und geordnet ab. Die Securities vor Ort waren der Hammer. Extrem freundlich, immer mit einem Lächeln auf den Lippen und für einen kleinen SmallTalk zu haben, und gleichzeitig super korrekt. Zwei standen an der Bar und hatten ein Auge auf die Leute, die sich für ein Freibier anstellten. Aber es schien ohnehin niemand super betrunken. Ein Mädchen kippte wegen der Hitze um, und binnen Sekunden waren Security und Rettung für sie da. (Ihr ist nichts passiert, zum Glück) Alles wirkte super organisiert und freundlich. Niemand war zu betrunken, alle relaxed und nett zu einander. Freibier funktioniert nicht überall, meistens gerät das System früher oder später aus dem Ruder, aber irgendwie scheint es hier bei den Besuchern einwandfrei abzulaufen. Das House of Vans veranstaltet Parties dieser Art aber auch schon seit etlichen Jahren. 

 

Das einzige Geld investierte ich dann nach der Show in einen Burrito, von einem Foodtruck im Innenhof. Die Show war großartig, die Band beeindruckend und die Stimmung ein Traum. Wer hätte gedacht, dass eine HipHop Party so entspannt sein kann. Und so kam es, dass ich eine originale Brooklyn-Hip Hop-Band der 80er Jahre 2017 live in Brooklyn sah. Schon ein bisschen cool!

 

Der Typ mit der Sonnenbrille ist Brians Freund Mike, es trugen nämlich gestern Abend so ziemlich alle ihre Sonnenbrille bis in die Nacht hinein. :-)

Ich hab noch ein Foto von Vorgestern hier mit drin, das Foto hat Jonathan von uns am Dach gemacht - ich stehe mit Maja an der Wand im Hintergrund) Er hat außerdem ein ziemlich cooles Time-Laps-Video vom Sonnenuntergang gemacht, das könnt ihr auf seiner Instagram Seite sehen: www.instagram.com/jsigharas/ oder einfach jsigharas eintippen.