Tag 20

...schon wieder Samstag?

Die Zeit vergeht viel zu schnell. Es ist schon wieder Wochenende, schon wieder Samstag. Ich kann es kaum glauben, wie schnell die Woche rum war. Ich war heute die erste, die wach war. Gestern waren offensichtlich nicht nur wir Mädels unterwegs, sondern auch alle anderen und dementsprechend lange hat es gedauert, bis alle nach der Reihe aus ihren Zimmern gekommen sind. Da das Frühstück deshalb einsam gewesen wäre, habe ich mit Anita und Matilda geskypt. Meine kleine Nichte konnte über eine Stunde lang, ganz brav bei ihrer Mama am Schoß sitzen und geduldig warten, bis Anita und ich uns alle Neuigkeiten erzählt hatten. 

 

Nach unserem Gespräch wollte ich gerade anfangen zu arbeiten, als Jonathan und Thema in die Wohnung kamen. Und dann, nach und nach, kamen auch langsam alle anderen aus den Federn und leisteten uns am Küchentisch Gesellschaft. Dann hieß es aber wirklich: Produktiv sein. Den Nachmittag über arbeitete ich wieder an meinen verschiedenen Bausteabllen: Bewerbung, Projekt, Text. Der ewige Kreislauf, der meinetwegen auch gar kein Ende nehmen muss. Am späten Nachmittag musste ich raus. Für eine kurze Pause ging ich nach draußen und holte wieder Lebensmittel-Nachschub im Supermarkt. Ich hatte plötzlich große Lust auf frische Dinge - Gemüse oder Obst - und nahm das als Zeichen, dass mein Körper was gutes zu Mittag braucht. Keine Nudeln, kein Brot. Einfach ein bisschen Gemüse. Also spazierte ich vor zum Supermarkt, warf einen Blick auf meine Flaschen, die auf dem Weg lagen und staunte bei der ersten: Sie war leer. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass jede Papierrolle einen unterschiedlichen Leser gefunden hat, vielleicht hat sie auch jemand einfach nur geleert. Aber für mich heißt das trotzdem: Das erste Mal nachfüllen. 

 

Zuerst aber musste ich den Kühlschrank auffüllen und meinen Magen. Ich kochte mir Tofu mit Champignons und Kohl in Currysauce, schaute eine Folge Twin Peaks dazu und arbeitete danach wieder weiter. Und gerade als ich dachte, der Tag bleibt super unspektakulär, wurde er doch überraschend spannend. Ich wollte gegen Abend nach Williamsburg fahren und mich umsehen, ob ich in der Gegend die zweite Geschichte starten kann, musste aber schnell feststellen, dass Samstag Abend keine gute Idee ist. Die Straßen waren gesteckt voll mit Leuten, es war das reinste Volksfest um die Bedford Avenue und ich entschloss das ein anderes Mal bei weniger Trubel zu machen. Also spazierte ich zu Majas Café um dort ein bisschen zu schreiben und sie dann nach ihrer Schicht um 8:00 Uhr nachhause zu begleiten. 

 

Für das Folgende braucht ihr ein bisschen Hintergrundwissen zu Maja. 

Maja ist beruflich Tänzerin, das hatte ich bereits erwähnt. Sie ist total extrovertiert, immer im Zentrum der Aufmerksamkeit - aber nicht auf eine aufdringliche Art und Weise. Total kreativ, ausgeflippt, in allem extrem und ein bisschen verrückt. Sie ist voller Tatendrang und könnte sich in nichts was sie macht auf Durchschnitt beschränken, es muss alles mehr sein, extremer, auffallend. Vor einer Weile hatte sie die Idee, dass sie gerne einen Rap-Song aufnehmen würde. Singen kann sie zwar nicht, aber sie hat diese Vision eines Songs, eines Musikvideos, eines Stils, den sie darstellen will. Wir haben schon einige Male darüber geredet und die Idee weiter gesponnen. Mirella hatte sofort zahlreiche Ideen für das Musikvideo, sie lernt an der NYU unter anderem Filme zu drehen. Stephanie schweben schon genaue Outfits für das Video im Kopf herum und Maja kommt jeden Tag mit neuen Ideen für den passenden Tanz und die Story des Videos. Lange Zeit habe ich einfach spaßeshalber mitgespielt, Ideen eingeworfen und Konzepte überlegt. Maja hat auf ihrem Handy eine ganze Reihe loser Einzeiler, die sie irgendwie in ihre Lyriks einbauen will. Gestern haben wir lange darüber geredet, was die Message des Songs sein soll, wie der Humor und die Ironie darin funktionieren soll und die Stimmung, die entstehen soll. Als ich also heute in der Ubahn saß, am Weg nach Williamsburg packte ich zum Spaß mein kleines Buch aus und fing an mit unseren Ideen ein bisschen zu reimen... 

 

Als ich bei Maja im Café war zeigte ich ihr die ersten paar Reime und sie war sofort begeistert. Genauso soll das sein. Sie erzählte mir von ihrem Freund Damon, der Musikproduzent ist und vorwiegend mit Hip Hop und Rap Künstlern arbeitet. Langsam dämmerte es mir: Sie meint das wirklich ernst. Sie will das tatsächlich angehen. Das ist nicht nur lustiges Gelaber. Sie hatte ihm bereits von ihrer Idee eine Rap-Single zu machen erzählt und da sie für ihn in der Vergangenheit schon mal umsonst in Musikvideos getanzt hat, bot er ihr an den Song zu produzieren. Meine Reime gaben ihr den letzten kleinen Anstoß und sie rief ihn sofort an. Dann kam sie wieder zu mir an den Tisch: "Ok! Heute Abend nach der Arbeit, um 21:00 Uhr können wir bei ihm vorbeikommen um das alles zu besprechen." Ernsthaft? Wir machen das? Sie war Feuer und Flamme und der Funke sprang schnell über. Ok, wenn du das ernsthaft machen willst, helfe ich dir gerne, wo ich auch nur kann. Sie bat mich mitzukommen um am selben Informationsstand zu sein, wie sie. 

 

Also liefen wir nach Ladenschluss zusammen ins Tonstudio von Damon. Es war ein super schickes Gebäude, wirkte kreativ aber nach Business. Der Typ hat definitiv Geld. Verrückt. Es war alles so spontan und surreal. Im Nu saßen wir in seinem Tonstudio und Maja erzählte ihm von ihrer Vision und erwähnte am Rande: "Ich bin übrigens nur noch zwei Monate in New York, bevor ich für ca. ein Jahr weg gehe, das muss also alles vorher passieren. Ich hau den Hit raus und verschwinde dann", erklärte sie ihm mit vollstem Ernst. "Gut. Machen wir." sagte er, als wäre es das einfachste der Welt. Sie war vollkommen ehrlich mit ihm und erklärte, dass sie weder singen noch rappen kann, das aber auf jeden Fall machen will und es muss mega gut werden. Ihr Ziel: 1 Million YouTube Klicks. Sie versuchte zu erklären, wie der Beat sein soll, der Rhythmus, die Stimmung – er verstand sofort was sie sich vorstellte. Ironische Texte, verrückte Tänze alles ein bisschen mit Augenzwinkern aber die Musik - der Beat - muss ernsthaft gut sein. Das Video muss qualitativ erste Sahne sein, der Inhalt wiederum anders als die typischen HipHop Videos. Damon schien Feuer und Flamme für unsere Ideen. Maja stellte mich als ihre Freundin vor, die für den Text verantwortlich ist. Dann besprachen wir die Message, die Stimmung - das ganze Drumherum. 

Damon machte schließlich einen Plan für uns. Eins nach dem anderen: Nächste Woche soll Maja erst einmal vorbeikommen um sich beim Rappen wohl zu fühlen. Das bedeutet ab in die Gesangskabine, drauf los singen und mittels dem guten alten Autotune will Damon ihre Stimme auf verschiedene Arten bearbeiten, bis Maja es gut findet. Bis sie sich hören kann und Selbstvertrauen in ihren Sprechgesang aufbauen kann. Außerdem muss sie sich ein Tempo für den Song überlegen, das sie aufgrund ihrer Tanzperformance festlegen wird. Dann kann Damon anfangen Beats zu basteln und sobald die stehen, können uns Maja und ich uns an den Text setzen. So macht man das also. Wir hatten beide keine Ahnung wie so ein Rap-Song nach und nach entsteht aber seine Erklärungen klangen plausibel und machten sogar für mich total Sinn.

Natürlich war das ganze Treffen locker und witzig, ihre Idee strotzt auch nur so vor Ironie, aber am Ende nahmen es Maja und auch Damon wirklich als ernsthaftes Projekt wahr. Er wird viel Arbeitszeit investieren müssen, scheint sich aber ehrlich darauf zu freuen. Wenn sich die Frau was in den Kopf setzt, zieht sie es zu 100% durch, davon bin ich überzeugt. Spätestens am Heimweg von unserem Treffen war auch mir klar: Ich trau ihr wirklich alles zu.

 

Bei unseren Nachbarn ist heute eine Party. Mal wieder. Ich habe das Gefühl in irgendeiner der unzähligen Wohnungen hier im Gebäude ist immer eine Party. Dieses Mal ist sie aber bei den Nachbarn, die wir auch wirklich ganz gut kennen. Wir kamen also heim und landeten schnurstracks zwei Türen weiter, wo bereits alle anderen versammelt waren. Die Wohnung von denen ist der Wahnsinn. So schön kann man diese Räume also gestalten? Unfassbar. Ich quatschte ein bisschen mit Jay, Maja, Trevor und Mirella, machte aber nach meinem Cider relativ schnell einen Polnischen, wie man so schön sagt. Wobei der Polnische in Amerika "Irish Exit" heißt. Warum auch immer– bei uns schleichen sich die Polen raus, hier die Iren. Wie man es auch nennen mag, ich bin einfach unbemerkt zurück in meine Wohnung gegangen. Genug für heute. 

Ich habe leider gar keine Fotos für euch, morgen werde ich wieder dran denken.