Tag 22

Ein Tag in Manhattan

Guten Morgen alle. 

Die Woche startete hier mit Regen. Die Stadt ist wieder ein bisschen abgekühlt, aber immer noch warm. In unserem Gebäude fand man immer noch Spuren vom Wochenende. Luftballons in der Mülltonne und passend dazu rote High Heels im Stiegenhaus. 

 

Maja hatte heute frei und wir haben gestern bereits ein paar Pläne gemacht. Am Vormittag wollte ich aber erst ein bisschen Arbeit schaffen, bevor wir unsere Freizeitpläne starteten. Nach dem Frühstück machte ich mich auf in den Regen. Mit der zweiten Geschichte und acht Flaschen im Gepäck nahm ich den L-Train nach Williamsburg. Die Geschichte heißt "The Years" und stammt von einer Studentin der LMU, die ich nur per E-Mail kennen gelernt habe. Nach ihrem Schreiben zu urteilen ist sie in einem der Anfangssemester, die Story ist aber trotzdem ganz nett und ich habe mir fest vorgenommen, jedem die Chance zu geben, auf New Yorks Straßen aufzutauchen, der den Mut dazu hat. 

 

Die Stimmung auf den Straßen um die Bedford Avenue war ruhig, nass und irgendwie sehr schön. Es war relativ früh aber spät genug, dass alle bereits an ihre Arbeitsplätze verschwunden waren. Es wirkte fast wie ausgestorben - perfekt für meine Unternehmung. Mit der Kapuze über den Kopf fühlte ich mich zusätzlich sicherer und konnte mich vergleichsweise schnell überwinden die Flaschen aufzuhängen. Im Kreis zwischen der Driggs und Whyte Avenue und der 6th und 9th Street hängen ab jetzt verteilt zweimal die 4 Kapitel ihrer Geschichte und auch mit den Plätzen bin ich dieses Mal besonders zufrieden. Durch den regen Straßenbetrieb war es mir möglich zentrale Punkte für die Flaschen zu finden, an denen an schönen Tagen tausende Menschen vorbeikommen sollten. Die wenigen Menschen, die heute an mir vorbeiliefen, hielten ihre Köpfe unter Regenschirmen versteckt und schienen kein Interesse für meine Unternehmungen aufzubringen, viel zu viel waren sie damit beschäftigt schnell ins Trockene zu kommen. Ich hingegen ignorierte den warmen Sommerregen so gut ich konnte und nutzte seinen Schutz stattdessen voll und ganz aus.

 

Als mein Rucksack leer war, hüpfte ich wieder in den L-Train und fuhr zurück in die Wohnung um mich in trockene Klamotten zu schmeißen. Maja machte inzwischen Snacks für uns beide für unterwegs. Sie hat mir vor kurzem einen super schnellen, leckeren und gesunden kleinen Snack gezeigt, für den ich vor ein paar Tagen extra eingekauft habe. Einfach Kohl in kleine Stücke reißen, auf ein Backblech mit Salz und Öl verteilen und für 20-30 Minuten in den Ofen. Dadurch wird der Kohl schön lecker knusprig und kann perfekt unterwegs wie Chips geknabbert werden. Wir hatten auch noch Leftovers von Russ, die wir in Dosen packten und für Mittag mitnahmen. 

Zusammen fuhren nahmen wir dann den L-Train nach Manhattan und stiegen am Union Square aus. Erster Stopp: Flying Tiger. Maja liebt nicht nur schöne Dinge, sondern fühlt sich in dem Dänischen Laden immer ein bisschen wie in ihrem alten zuhause. Ich musste sowieso dort hin um Kopfhörer zurückzugeben, die zwar schön billig waren, aber unglaublich schlecht. Wir stöberten ein bisschen durch, kauften aber nichts. Gleich gegenüber war ein anderer Laden, den sie mir zeigen wollte. Dort gab es ganz  tolles New York Geschirr und ich bin mir sicher, dass ich da bald noch einmal hin muss... Spätestens vor meiner Heimreise. 

 

Zwei Blocks weiter, im Madison Square Park suchten wir uns einen kleinen Tisch unter einen der großen Sonnenschirme, die uns heute vor dem Regen schützten und packten unsere Mittagssnacks aus. Es war eine wunderschöne, einsame Stimmung im Park und wir beide genossen die verregnete Großstadt in vollen Zügen. Und weil es so schön ist, entschlossen wir uns die Ubahn mit dem Bus zu ersetzen, der bei Regen zwar fünfmal so lange braucht, wie der Zug, uns aber über die Madison Avenue durch die wunderschöne Wolkenkratzerwelt Manhattans in Richtung uptown chauffierte. Unser Ziel: Das MET - Metropolitan Museum of Art. Es ist Majas Lieblingsmuseum und ich war noch nie dort. Mit ihr an meiner Seite musste ich wenigstens nicht viel Eintritt bezahlen. Das Museum, ist wie so viele hier, auf Spendenbasis. Empfohlen wird für Studenten $12 und weil ich mich immer so schlecht fühle, schaffe ich es normalerweise nicht, weniger zu bezahlen. Maja dachte sich dabei aber nichts: "Ein Dollar pro Person reicht. Immerhin kommen wir öfter hier her und schau dir das Gebäude an, unser Geld brauchen die nicht."  Recht hat sie. Den Mut dazu auch. 

 

Das Museum ist wirklich beeindruckend. Es ist riesig. Und leider gibt es von riesig keine Steigerungsform, sonst würde ich sie benutzen. Es beinhaltet Kunst angefangen vom alten Ägypten und Griechenland bis in die Gegenwart. Natürlich wollten wir nicht durch alle Ausstellungen und suchten stattdessen lieber die aktuellen, zeitlich begrenzten Spezial-Ausstellungen, die sich für uns besonders spannend anhörten. Irving Penn und Comme de Garcon. Letzteren Modedesigner (wenn man ihn überhaupt so nennen kann, seine Mode ist nämlich viel mehr Kunst als tatsächliche Mode) kannte ich noch aus meiner Vorlesung "Mode und Moderne" an der Uni. Damals hatten wir einige seiner Kreationen besprochen und auf geisteswissenschaftlicher Basis untersucht. Dafür war ich heute dankbar, denn nur dadurch erkannte ich das unglaubliche Genie in seinen Werken und konnte die Ausstellung tatsächlich verstehen. Viele der ausgestellten Kleider kannte ich sogar noch aus Videos seiner Modenschauen, die wir in der Uni gesehen haben. Irving Penn war noch ein Stück beeindruckender. Er war ein Mode und Porträt-Photograph (40er - 90er Jahre) und seine Bilder haben mich stark beeindruckt. Nicht nur hingen dort unglaublich starke Porträts von berühmten Leuten, die mich faszinieren (Truman Capote, T.S. Elliot, Audrey Hepburn, Alfred Hitchcock usw.) auch die reinen Modefotografien waren ein Traum. Er fotografierte lange für die Vogue und Magazine dieser Art, shootete aber auch Menschen in afrikanischen Ländern und inszenierte ihre Kultur außerordentlich ästhetisch. 

 

Als das Museum schloss und uns raus schmiss, nahmen wir die Ubahn zurück zum Union Square. Ich hatte noch eine Stunde bis zum "Happy Film" für den ich ja schon lange ein Ticket hatte. Maja wollte gerne mitkommen, hatte aber vor ein paar Wochen ihre Arbeitszeiten noch nicht und dann war das Special Screening bereits restlos ausverkauft. Bevor wir uns trennten, legten wir noch eine Pause in der "Eataly" ein und gönnten uns Crepes und Kaffee.

 

Dann musste ich aber wirklich los. Vom Union Square aus war es nicht weit zu Fuß. Ich lief die 23rd Street in Richtung Westen bis sie von der 8th Avenue gekreuzt wird und war auch schon am SVA (School of Visual Arts) Kino. Genau pünktlich. Ich ergatterte noch einen guten Platz und genoss zwei Stunden dieser großartigen Dokumentation. Ich kann gar nichts davon erzählen, es ist eine unbeschreibliche Doku, die man einfach sehen muss, denn die reine Erklärung davon funktioniert nicht. Im Anschluss kamen Stefan Sagmeister und Ben Nabors noch für Fragen auf die Bühne, die Unterhaltung nahm kein Ende. Super witzige Typen, die beiden. Nein, ich stellte keine Frage. Ich traute mich nicht und wusste auch nicht so recht, was ich fragen sollte. Stattdessen hörte ich einfach den anderen zu, das war interessant genug. 

 

Jap, das war's. Das war mein Montag, der sich viel mehr wie ein Sonntag anfühlte. Trotzdem habe ich einen großen Schritt für mein Projekt geschafft, also doch auch ein bisschen Montag. Als ich vorhin heim gekommen bin, hat mir Stephanie erzählt, dass ihr jemand auf Instagram folgt, den sie nicht kennt aber gesehen hat, dass ich dieser Person folge und fragte mich wer das ist (das Profil ist privat). Ich lachte, "ach das ist nur meine Schwester" antwortete ihr, als sie mir ihr Telefon entgegen streckte. Ich erklärte ihr, dass ich diesen privaten Blog schreibe, und meine Familie ganz viel von ihr und den anderen Mädels hört... Wahrscheinlich habt ihr bald das Gefühl, die Leute hier zu kennen. Sie freute sich aber darüber, dass es sich um meine Schwester handelte und will ihr nun auch folgen. "Ooooh, da sehe ich bestimmt viele schöne Babybilder oder?", fragte sie mich aufgeregt. Nein. Leider nicht. Aber folg ihr trotzdem ruhig :-)