Tag 23

... und dann kam alles anders.

Wo fange ich nur an... Ich habe den Satz hier gerade ungefähr 10 Mal neu geschrieben, ich weiß nicht, wie ich ihn schrieben soll, ich weiß nicht wie er geht. Ich kenne die Worte nicht, die ich brauche um diesen Tag zusammen zu fassen. Sie existieren nicht. Das Gefühl, das mir den ganzen Tag über im Bauch lag, kann ich nicht zuordnen und die Stimmung, die über den Köpfen in der SkyFortress schwebt, ist irgendwie wie dunkler, erdrückender Staub oder Rauch, der sich einfach nicht legen will. Ich werde ganz einfach so anfangen, wie der Tag für mich angefangen hat. Abrupt und hart. 

 

Lautes Klopfen! "Birgit?" Wieder klopfen. Was? Ich war verwirrt. Aus dem Tiefschlaf gerissen. Ist es Nacht? Ist es Tag? "Birgit?" Ok, das ist Maja... Sie stand in meiner Tür. Im Pyjama. Ich schreckte auf. Irgendwas stimmt nicht. Ich checkte die Zeit auf meinen Handy. Ich weiß nicht warum, ich fühlte ich, als hätte ich etwas wichtiges verschlafen. Kurz vor 7... Ich habe keine Termine... Mein Wecker soll erst in einer Stunde klingeln. 

"Was ist passiert?", fragte ich. Ich wusste, etwas stimmte hier ganz und gar nicht. Dann war Pause. Stille. Ich versuchte ihre Augen zu entziffern aber es war zu dunkel. Sie suchte nach Worten. Vielleicht nach Luft. Vielleicht versuchte sie auch das Gegenteil, etwas in sich zu behalten. Tränen? Schluchzen? Fuck. Das ist nicht gut. Dann endlich konnte sie es aussprechen: "Ich verlasse das Land. Übermorgen." 

 

Ich unterbreche kurz um Luft zu holen. Und um euch wichtige Hintergrund Info zu geben. Maja hat eine große Reise geplant. Für ca ein Jahr. Im Juli sollte es los gehen. Zuerst nach Taiwan zu ihrer Familie, danach weiter für 6 Monate nach Tibet, später Bali... Von ihrem kranken Vater habe ich bereits erzählt. Zu dem Thema gab es bisher keine neuen Informationen, weil er sich nicht behandeln lassen will. Er war nicht zurück ins Krankenhaus gegangen, will keine Chemo, sondern alternative Medizin. Maja machte das bereits verrückt. Sie beauftragte ihren Bruder damit, ihren Vater zu überreden sich noch besser untersuchen zu lassen. Sie will wissen, ob er bis Juli durchhalten kann, bis sie da sein wird...

 

"Was? Was ist passiert?", wiederholte ich also, obwohl ich wusste, sie nimmt sich nur die Pausen die sie braucht um mir alles zu erzählen. Sie weiß auch nicht wo sie anfangen soll. "Mein Vater hat noch einen Monat. Ich habe gerade eben meiner Mutter einen Flug von Dänemark nach Taiwan gebucht und meinen eigenen Flug umgebucht - auf diesen Donnerstag. Ich kann nicht packen. Ich weiß nicht wie ich packen soll."

Als ob der Damm in ihrem Kopf plötzlich gebrochen war, strömten ihre Sätze plötzlich in rasender Geschwindigkeit heraus. "Mein Zimmer... und all die Sachen. Und unser Wochenendtrip, ich weiß nicht was wir machen sollen... und die Arbeit... " Ich war noch nie so überfordert mit einer Situation, wie in dieser. Ich konnte noch nicht klar denken. Obwohl mich ihre Info einerseits hellwach gemacht hatte, war mein Kopf noch nicht ganz da, ich konnte keine Worte finden, keine Sätze. Konnte nicht klar denken. Ich wollte sagen: "Nein bitte flieg nicht. Das geht nicht, das ist viel zu schnell. Was machst du da?" Ich wusste, das konnte ich nicht machen. Also deutete ich ihr stattdessen, sie solle sich zu mir ans Bett setzen und sagte: "Eins nach dem anderen. Alles ok. Wir machen das."

Ich machte erst einmal Kaffee. Dann fragte ich nach den wichtigsten Details, wie: "Wenn du übermorgen fliegst, kommst du nochmal zurück bevor deine große Reise losgeht?" Sie weiß es nicht. Der Flug nach Taiwan ist unglaublich teuer und die Umbuchung kam noch oben drauf. In zwei Monaten wollte sie sowieso weg... Eher nicht. Aber sie hat noch keine fixe Antwort dazu gefunden. Ok, sagte ich, also packen wir so, als ob du nicht mehr wieder kommst. Ich schrieb schnell eine SMS an Brian, dass ich heute doch keine Zeit zum Treffen habe, wie wir eigentlich ausgemacht hatten. Mir war schnell klar, wenn wir wirklich ihr ganzes Leben in Kisten packen müssen, die Möbel aus dem Zimmer und das ganze drum herum, sind wir damit bis morgen beschäftigt. 

 

Von den anderen Mitbewohnern war noch niemand auf. Vielleicht gar nicht daheim, wir wussten es nicht. Ich überredete Maja, sich erst einmal hinzusetzen, mit mir zu frühstücken und in Ruhe zu reden. Immer wieder aber brach sie die Ruhe und erinnerte sich an irgendeine andere Sache, die sie unbedingt vor ihrer Abreise noch erledigen musste. Absurde Sachen. Wäsche. Oder das ganze Tofu, das sie noch nicht aufgegessen hat. Ok, wir brauchen eine Übersicht. Eine Liste. Ich holte Stift und Papier und sagte ihr, sie solle alles aufschreiben, was zu tun ist. Kleinigkeiten und Wichtiges, durcheinander, ganz egal. Ich konnte mir kaum vorstellen, wie die Situation sie gerade stressen und belasten musste, ich fühlte es beinah selbst, bemühte mich aber so gut ich konnte, strukturiert und organisiert und ruhig zu bleiben. Das erste auf ihrer Liste: Nägel machen. So verwirrt war sie. Ich erinnerte sie erst an ihre Impfung, die sie noch brauchte. An einen Zahnarzttermin, den sie nächste Woche hat, an Fotoshootings, die geplant waren. Das alles schien sie zum Glück gar nicht so sehr zu stressen, aber ihre Gedanken waren so wirr, dass ihr diese essentiellen Dinge nicht einfielen. Als sie fertig war, sah ich mir die Liste an. Wochenendtrip strich ich sofort durch, darum kümmern Stephanie und ich uns, wir überlegen uns was. Die Termine - Doktor, Arbeit, Impfung etc. - die müssen abgesagt werden. Das können wir hier vom Frühstückstisch schon einmal machen. Genauso wie den wichtigsten Leuten bescheid zu sagen. 

Während sie die Telefonate erledigte, druckte ich ihre Flugdokumente aus und checkte ihre Airline und die Vorschriften für ihr Gepäck. 2x 23kg plus Handgepäck. Das ist gut, das bekommen wir hin. Nach und nach strichen wir die ersten Dinge von der Liste und Maja wurde mit jedem durchgestrichenem Wort ruhiger. Es wirkt. Ich war erleichtert. Sie auch. So können wir das schaffen. 

 

Nachdem die wichtigsten Dinge erst einmal geklärt waren, gingen wir beide in ihr Zimmer und sahen uns um. Majas Zimmer ist relativ groß und unglaublich voll und bunt. Stangen voller Kleider, Regale voller Kleinkram, Sofa, Bett, die Wände voll mit Dingen... Wieder stellte ich ein System auf: Erster Ikea-Beutel: Alle Dinge, die du auf deine Reise mitnehmen willst. Das sind die wichtigsten, wenn das erst einmal beisammen ist, kann der ganze Rest eingepackt und verstaut werden. 

Irgendwann hatten wir vier Stapel: 1. Reise, 2. Vielleicht, 3. Verkaufen, 4. Verstauen. Ich bot Maja an, ihre Dinge, die sie verkaufen will, zum Beacon Closet (Secondhand Laden) zu bringen und ihr das Geld zu überweisen. Eigentlich hatten wir vor, das im Juli gemeinsam zu machen, aber dann gehe ich eben schon einmal früher mit ihren Klamotten hin. 

Gegen Mittag machten wir eine Pause. Themma kochte für uns mit und wir konnten ein paar Minuten durchatmen. Danach ging es weiter. Und so wurde ihr Zimmer voller 5 Jahre New York, langsam leerer und ihr immer mehr bewusst, was gerade geschah. Aber wir hatten auch Spaß. Insgesamt war ich überrascht und beeindruckt, wie gut Maja nach dem ersten Schock am Morgen mit der Situation zurecht kam. Unser System funktionierte: Sie wühlte sich durch ihre Sachen, reichte sie mir und nannte eine der vier Kategorien. Ich legte sie zusammen, ordnete und verpackte sie, beschriftete die Kisten, klebte sie zu und brachte sie in die Küche. Bis irgendwann tatsächlich ihr komplettes Zimmer inklusive Möbel ausgeräumt war. Dann packten wir noch ihren Koffer für Taiwan, Rucksack für Tibet und einen Handgepäck Trolli. Maja war ganz hin und weg von meinen Pack-Künsten, ich nutzte jede Lücke, zeigte ihr den Trick mit dem Stauraum in Schuhen und alles was ich irgendwann von meiner Schwester gelernt hatte. Nachdem ich ihren Koffer und Rucksack praktisch alleine gepackt hatte und ihr immer wieder genau sagen konnte, wo was liegt und welche Kleidungsstücke sie bereits wo eingepackt hatte, sagte sie: "Wow, ich muss deiner Mama sagen, sie kann stolz auf dich sein. Das ist ein Talent, Mädchen!" Also in diesem Sinne, liebe Grüße an Mama von Maja. 

 

Jetzt steht nur noch das Bett und die Couch im Zimmer, die wir morgen mit Hilfe der Jungs durch ihr Fenster im ersten Stock nach unten ins Wohnzimmer bringen müssen. Danach fährt uns unser Nachbar Jay mit seinem Van zum Storage-Raum von Emilie, der Finnin, die letztes Jahr hier gewohnt hat. Da sollte noch Platz für einige Kisten von Maja sein. Den Rest versuchen wir in der SkyFortress zu verstauen. Aber wir haben es tatsächlich geschafft, all ihre Sachen heute zu verpacken und ihr Zimmer leer zu räumen - so spontan ist wahrscheinlich noch nie jemand ausgezogen. Verrückt. 

 

Am Abend waren wieder alle Mitbewohner beisammen und alle wollten noch Zeit mit Maja verbringen. Sie konnte gar nicht aufhören, davon zu schwärmen, was für eine große Hilfe ich ihr heute war. Es war viel Arbeit und anstrengend aber jetzt, am Ende des Tages, bin ich froh, dass ich ihr helfen konnte. Zum Glück kann ich meine Zeit einteilen, wie ich sie brauche, weshalb es für mich wirklich nicht schlimm war, meine Pläne über den Haufen zu werfen.

 

Durch Majas Klamottensammlung zu stöbern war außerdem großartig. Noch nie habe ich so eine große Menge an einzigartiger und wunderschöner Kleidung auf einem Haufen gesehen. Nachdem wir fertig waren, schaute ich noch einmal die Taschen mit Kleidung durch, die sie verkaufen will. Ich zog ein paar Teile heraus und probierte sie an. Ein Traum! Ich wollte sie ihr abkaufen, aber Maja verweigerte das Geld. Für meine Hilfe heute durfte ich alles einfach so behalten. Ihr wisst gar nicht, was da für schöne Sachen dabei waren. Unter anderem weiße DrMartens Halbschuhe, die ich schon jetzt ins Herz geschlossen habe. Meine ersten DrMartens. :-) Außerdem konnte ich ein Regal, eine Lampe, einen Ventilator und einige Kleiderbügel für mein Zimmer übernehmen. Jetzt ist es endgültig gemütlich genug. Mein Koffer ist endlich verstaut und mit meinen Kleidern an der Wand wirkt alles gleich viel angenehmer. Natürlich durften auch die anderen was abgreifen, sie war wirklich großzügig mit ihren Geschenken oder vielmehr zwischenzeitlichen Aufbewahrungen. 

 

Morgen Vormittag wollen wir den Rest schaffen. Mittags wünscht sich Maja mit  Mirella und mir zu ihrem Lieblingsmexikaner in der Stadt zu gehen und am Abend sind alle Nachbarn und Freunde bei uns zum Abendessen eingeladen. Dann wird spontan eine große Verabschiedung gefeiert. Als ich das hier vorhin in meinem Zimmer zu schreiben begann, kam Maja noch einmal herein und bedankte sich noch einmal unter vier Augen für meine Hilfe. Dann warf sie einen Blick auf meinen Bildschirm und sagte: "Was? Das ist erst Tag 23? Und wir sind schon so gute Freunde? Wow, vielleicht bin ich froh, dass ich jetzt schon fahre, wie wär das denn erst bei Tag 80?" 

 

Stephanie und ich haben übrigens einen neuen Plan für unser Wochenende. Da wir eine Person weniger sind, und der Trip uns deshalb ein bisschen zu teuer erscheint, haben wir das AirBnB wieder storniert. Das funktionierte zum Glück kostenlos. Auch das Auto können wir noch bis morgen gratis stornieren. Wir überlegten in den Hamptons zu couchsurfen. Aber das Wetter soll dieses Wochenende in der New Yorker Gegend nicht so berauschend werden, also ist der Strand hier in der Gegend vielleicht nicht die beste Idee. Deshalb haben wir beschlossen, das Mietauto trotzdem zu nehmen und einen Roadtrip in Richtung Süden und Sonne zu machen. Wir werden nach Greensboro, North Carolina fahren, wo Stephanies Mutter und Bruder wohnen. Dort können wir kostenlos übernachten, ihre Mutter freut sich riesig über den lange überfälligen Besuch und ich sehe wieder eine neue Gegend. :-) 

 

(Die Fotos vom Zimmer sind von meinem Zimmer)