Tag 27 & 28

Burlington, North Carolina

Am Morgen habe ich dann auch Stephanies Mutter und Bruder kennen gelernt. Super nett die beiden. Wir quatschten eine Weile im Wohnzimmer. Kurz vor Mittag fuhren Stephanie, ihr Bruder und ich mit ihrem schicken, großen, weißen Auto Mittagessen holen. Natürlich Drive-Through. Stephanie konnte es schon kaum mehr erwarten, endlich ihr geliebtes "Bojangles" Fast-Food Restaurant zu besuchen. Das gibt es nur in den Südstaaten und normalerweise ist das der erste Halt, den sie auf Heimatbesuch macht. 

Es ist nicht viel anders als andere Junk-Food Restaurants - aber es ist alles ausschließlich Hühnchen. In allen Varianten. Die Honey-Mustard-Sauce war aber wirklich hervorragend! Dazu natürlich Sweet-Tea, wie man das hier unten trinkt. Ich erinnerte mich wieder an vor 10 Jahren... Dieser Eistee, der aber wirklicher gezuckerter, kalter Tee ist. 

 

Am Nachmittag gingen wir zum Pool. Stephanies Mutter wohnt hier in einer dieser Siedlungen, wo alle Häuser gleich aussehen. Zwischen den Häuserreihen liegen perfekte Wiesen, Teiche und Hundeparks. Es gibt ein Häuschen, das allen Bewohnern dieser Siedlung zusteht. Dort gibt es einen Kino-Saal wo man seine eigenen DVDs spielen kann, Pooltische und eben einen richtigen Pool im Freien. Dort chillten wir erst einmal eine Weile - praktisch den ganzen Nachmittag. Das war aber okay. Ich hatte zwar irgendwie immer so ein Gefühl von Rastlosigkeit im Bauch und wollte los, die Gegend sehen, aber hatte mir auch fest vorgenommen ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Unser ursprünglicher Plan zusammen mit Maja, war ja auch extra wo hin zu fahren, wo nichts ist, um einfach mal zu entspannen und vom New York Stress zu fliehen. Also war das am Ende auch die richtige Entscheidung. Wir lagen auf den schönen Liegen, genossen die Sonne und hüpften immer wieder Mal in den Pool zum Abkühlen. Ich lernte auch ihre Freundin Carol kennen, die auf einen Sprung vorbeischaute. 

Am späten Nachmittag war die Sonne immer noch hoch am Himmel. Wir duschten und trafen uns mit zwei weiteren Freunden von Stephanie. Zusammen mit ihrem Bruder fuhren wir wieder ein paar Parkways entlang zu einem Snow-cone-Imbiss, da ich erwähnt hatte, dass ich diese Snow-Cones, von denen ich schon so oft gehört habe, noch nie gegessen habe. Das ist eigentlich reines Eis - also richtiges Eis, gefrorenes Wasser. Darüber werden dann verschiedene Sirups gegossen, die Liste der Geschmäcker war unübersichtlich lang. Ich kostete eine "Kids-Größe" von "Rainbow". Fragt mich nicht... Es war zuckersüß aber wirklich lecker. Die Kids-Größe, gerade klein genug für mich. Mehr hätte ich davon nicht geschafft. Danach sprangen wir wieder ins Auto - wir fuhren in die College-Gegend, wo ich das erste Mal ungefähr zwei kleine Blocks mit Restaurants, Shops und Cafés sah, um die man wirklich zu Fuß spazieren konnte. Ansonsten ist hier alles nur mit dem Auto erreichbar. Es gibt keine Radwege, geschweige denn Gehwege. Ein Parkplatz nach dem anderen. Um von einem Laden zum nächsten zu kommen muss man ins Auto steigen, es ist verrückt. 98% hier sind irgendwelche Ketten: Taco Bells, McDonalds, CookOut, Krispy Kream, Waffle House, you name it...

In dieser College-Gegend holten wir uns ein Eis. Also die anderen.. ich konnte nach dem Snowcone (man kann es auch Snowball nennen) nichts süßes mehr essen. Stephanies beiden Freunde fragten mich, ob ich schon richtiges Southern-Essen gegessen hätte... Ich sagte, ich wüsste es nicht, was ist denn typisch für die Gegend? Tanner antwortete darauf: "Sag mal irgendein Gericht, Essen, Lebensmittel, irgendwas..." Ich wusste nicht ganz worauf er hinaus wollte und antwortete einfach: "Kiwi". "Ja, wenn du es frittierst, ist es typisch Südstaaten-Essen." "Eine Kiwi?" fragte ich verwundert. Alle nickten. Man könne tatsächlich alles aufzählen, jedes Lebensmittel wurde hier schon mal frittiert. Man frittiert hier alles! Alles! Stephanie erzählte mir von einem Klotz Butter, den sie mal auf einem Essensmarkt hier gesehen hat - er war frittiert. ALLES! Als ich fragte, ob mein frittiertes Hühnchen von Bojangles in ihren Augen typisch North Carolina-Küche wäre, nickten alle. Ja auf jeden Fall. Ok, damit hatte ich in meinem Kopf damit abgeschlossen, ich musste mich nicht darum bemühen, unbedingt typisches Essen von hier zu probieren, das kann ich mir jetzt ganz gut vorstellen.  

 

Zum Abendessen gingen - ach was sag ich da - fuhren wir zu einem Mexikaner um dem frittierten Wahnsinn zu entkommen. Das war super lecker! Den Rest des Abends verbrachten wir mit Carol bei uns zuhause. Wir quatschten bis 01:00 Uhr Nachts und hatten viel Spaß. 

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Heute starteten wir den Tag mit einem Familien-Brunch. Zusammen mit Stephanies Mutter und Bruder fuhren wir gegen Mittag zu einem super-fancy Restaurant, wo es leckeren Brunch und Lunch geben soll. Ja, ich musste bis Mittag durchhalten, bis ich Essen bekommen habe. Frühstück scheint es in dieser Familie nicht wirklich zu geben, zumindest so wie ich es kenne. Von New York weiß ich, dass Stephanie keinen Kaffee trinkt, aber dass sie auch sonst nicht wirklich frühstückt war mir gar nicht so bewusst. Stattdessen brunchen sie hier zwischen 11 und 12 so viel, dass es locker für beide Mahlzeiten reicht. 

Wir bestellten ein paar Vorspeisen für den ganzen Tisch und ich hatte danach Avocado-Toast mit pochierten Eiern - super lecker! Stephanie hatte French-Toast mit Erdbeeren und Schokoladensauce. Traumhaft. Es war wirklich lecker. Dazu gönnten wir uns Mimosas und im Hintergrund lief schicke 20er-Jahre Musik. Das Restaurant war wirklich schön und unser eigener Kellner super nett. Die ganzen Reste ließen wir uns einpacken - so schick der Laden auch war, offensichtlich kann man trotzdem mit jedem kleinen Rest geizig sein und ihn sich extra verpacken lassen. 

Danach waren Steph und ich uns einig. Wir müssen was machen. Nur in und aus dem Auto zu steigen, ist für unsere New York-gewohnten Beine langsam eine Qual. Also stiegen wir in unser kleines Leihauto und fuhren einfach Mal drauf los - In Richtung Natur. Sie wollte mir die Gegend um Saxapahaw zeigen und meinte von dort aus, kann man vielleicht zu Fuß los. Am Weg dort hin kamen wir an einem Western-Laden vorbei, der irgendwie spannend aussah. Trostlos und verlassen. Vielleicht ein bisschen gruselig, aber wir wollten einen Blick rein werfen. Beim Eintreten schaltete der alte Mann hinter dem Tresen für uns das Licht im Laden an. Verlassen ist das Geschäft also wirklich... Die Wände voller Cowboystiefel, Reitausrüstung, Gürtel und allem drum und dran. Dazu hatte der alte, bärtige Mann einen unglaublichen Südstaaten-Akzent, wie ich ihn nur aus Filmen kannte. Super witzig. Alles roch nach Leder. Wir sahen uns ein bisschen um und fuhren dann weiter. Weiter weg von den Ketten-Restaurants und Highways. Durch die offenen Autofenster kam frischer Waldgeruch und durch die Lautsprecher hörten wir Lynyrd Skynyrd um die Stimmung perfekt zu machen.

 

Wir parkten das Auto nahe einer kleinen Tankstelle und liefen los. Wir fanden kleine Läden, im Freien ein öffentliches Regal zum Buch- und Pflanzentausch. Da musste ich an Mama denken. Nette Idee sowas auch mit Pflanzen anzubieten. Steph zeigte mir ein eine alte Zuckerfabrik, die vor wenigen Jahren in Lofts umgewandelt wurde. Sie wollte die schon immer einmal sehen und fragte mich, ob wir versuchen sollten, rein zu kommen. Klar, versuchen wir's. Wir spazierten über den Parkplatz in einen Innenhof, der uns sprachlos machte. Mega! Aber niemand da. Wir setzten uns auf die Stühle und machten ein bisschen Pause, sahen uns um und redeten über Event-Ideen für unser Künstler-Kollektiv. :-)

Leider gab es keinen Weg in das Haus hinein, wir versuchten den Fahrstuhl aus der Tiefgarage, der aber ohne Schlüssel nicht funktionierte und auch alle anderen Türen waren verschlossen. 

 

An einer Pinnwand vor dem Saxapahaw Museum, das leider geschlossen war, fanden wir einen Flyer von einem "Poetry Walk". Da will ich hin! Fünf Auto-Minuten später parkten wir mitten im Wald. Hier soll der Gedicht-Spaziergang losgehen. Wir liefen den Waldweg hinauf und fanden große Banner zwischen den Bäumen gespannt - Makrofotografien von Blättern, darunter befand sich jeweils ein kleines Schild. Die Fotografien seien inspiriert von verschiedenen Künstlern, wie Picasso, Monet und so weiter. Jedes Foto passt zum Text. Der Text sei von einer Frau geschrieben, die berühmte Zitate dieser Künstler in Gedichte verpackt hatte. Die Fotos haben uns nicht umgehauen, die Gedichte aber waren ganz schön und die Idee fanden wir beide ganz toll. Am Weg nach oben kam uns irgendwann ein alter Mann in einem Golfauto und 5 Hunden im Schlepptau entgegen. Er stellte sich als Steve vor und wir unterhielten uns ein bisschen. Es stellte sich heraus, dass Steve der Künstler der Bilder war und seine Frau die Gedichte schrieb. Am Ende des Spazierganges kamen wir bei ihrem Haus an. Ein kleines selbstgezimmertes Häuschen mitten im Wald. Rund herum kleine Hütten, Trailer, Garagen. Steve erzählte uns, dass er bis Ende der 80er auch in New York City gewohnt hatte, in Lower Manhattan, sich aber entschloss die Stadt zu verlassen, sobald die Miete für seine Wohnung die 500$-Marke überschritt. Wir mussten beide lachen. 500$ in Manhattan. Dann zog er weg irgendwann in den 90ern schließlich hier nach North Carolina. Beide waren Künstler und konnten, mit dem Aufkommen des Internets, plötzlich von überall aus arbeiten. Das machten sie sich zu Nutze. Es dauerte nicht lange, da tauchte auch seine Frau auf und klinkte sich in unser Gespräch ein. Sie freuten sich riesig, dass wir beide auch kreative Berufe ausübten und aus der großen Stadt gekommen waren. Ich befürchte, hier in der Gegend finden sie nicht so oft Menschen, mit ähnlichen Interessen. Sie erwähnten auch, dass es meistens die Besucher aus der Stadt sind, die ihre kleine süße Installation zu schätzen wissen. 

Seine Frau zeigte uns eine ihrer beiden Jurten, die sie als AirBnB vermieten. Wow! Hätten wir die mal gefunden, als wir gesucht hatten. Sie war wunderschön, alt eingerichtet, einen kleinen Ofen zum Einheizen, zwei Doppelbetten und in der Mitte Couch und Sessel im Kreis. Außerdem gab es eine traumhafte Terrasse mit Blick auf einen kleinen Teich. Rund herum nur Wald. Wir waren begeistert. 

Danach nahm uns Steve auf seinem Golfauto mit ein Stückchen weiter in den Wald hinein, zu seiner eigenen Jurte, die er zu einer Galerie seiner Fotografien gemacht hatte. Die Bilder dort drin waren spannend und er erzählte uns alles davon, wie er dazu gekommen war. Seine Geschichten waren unglaublich spannend. Die beiden hatten viel erlebt. Außerdem haben sie Ziegen, Gänse und Hühner und verkaufen die Eier. Wir verbrachten eine gute Stunde bei den beiden, es war ganz toll. Ich spürte, wie sehr sie sich über unseren Besuch und Interesse gefreut haben und gleichzeitig war es für uns super spannend ihren kleinen eigens geschaffenen Lebensraum zu sehen. 

Eine neue kleine Bekanntschaft später, spazierten wir zum Auto zurück. Kennt ihr das? Wenn ihr das Gefühl habt, in ein Leben geblickt zu haben, das ihr zwar nie leben möchtet, das aber irgendwie einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat und ihr irgendwie merkt, dass euch diese kleine Begegnung ein bisschen verändert hat. Das war sowas. Es war toll und ich musste mich die ganze Zeit ärgern, dass meine Mama das nicht sehen kann, sie würde es lieben. 

 

Am Heimweg zeigte mir Stephanie noch das komplette Gegenteil. Sie hatte es schon ein paar Mal erwähnt und ich wollte es unbedingt sehen. Einen drive-through-Supermarkt. Ich dachte, es handle sich um ein Fenster, an dem man mit dem Auto stehen bleiben kann und sich Milch oder sonstige Lebensmittel holen konnte. Es ist aber tatsächlich ein echtes ganzes Häuschen, eine alte Garage oder so, durch die man komplett mit dem Auto durch fährt. Links und Rechts sieht man die Lebensmittel. Alles, was man so braucht und ganz viel von den Dingen die man nicht wirklich braucht. Man fährt vor bis zum Verkäufer, sagt ihm durch das Fenster was man braucht und der läuft los und sammelt zusammen. Er packt es einen in den Kofferraum oder wo auch immer, man streckt ihm die Kreditkarte entgegen und fertig. Verrückt. Man kann hier tatsächlich einen ganzen Tag in der "Stadt" verbringen und nicht einmal aus dem Auto aussteigen. Wir fuhren auch an einem Drive-In-Restaurant vorbei. Das unterscheidet sich von den Drive-Through-Läden, indem man nicht im Vorbeifahren Essen holt und mitnimmt, sondern sich einfach hinparkt. Jeder Parkplatz hat eine Sprechanlage und einen Kreditkartenleser. Man bestellt, bezahlt und irgendwann kommt die Kellnerin aus dem Häuschen und bringt die Bestellung ans Auto, wo man es direkt essen kann. Leute? Ernsthaft? 

Wir entschieden uns aber lieber für Krispy Kream, wo wir uns Doughnuts holten und ich endlich mal wieder einen Kaffee bestellte, den ich schon fast vergessen hatte... 

 

Heute Abend machten Stephanie und ich noch was echt cooles. Wir gingen ins "Breakout". Das ist dieses Spiel, indem man in einen Raum gesperrt wird und man eine Stunde Zeit hat sich zu befreien. Es gab verschiedene Räume, wir wählten "Flugzeugentführung" und wurden mit verbundenen Augen in einen Raum geführt und mit Handschellen an eine Bank gekettet. Nach einer kurzen Einleitung über Lautsprecher ging es los und wir durften die Augenbinden abnehmen - der Countdown startete. Wir waren zusammen mit einem Pärchen eingeschlossen und zusammen versuchten wir einen Code nach dem anderen zu knacken, Hinweise zu finden und Rätsel zu lösen - es war unglaublich lustig. Detektiv-Spiel vom Feinsten! Ich würde am liebsten gleich noch einmal hin und den nächsten Raum ausprobieren... 

 

Morgen Früh geht es wieder zurück nach New York. Der Verkehr wird wahrscheinlich schrecklich, also wollen wir früh losfahren. Ich freue mich schon wieder auf die gute alte Stadt. 

 

Ach, und mein Video ist endlich fertig. Teilt es, liked es, klickt es!