Tag 2

Rückkehr

Gestern bin ich wieder gelandet. Zurück in meiner Traumstadt, zurück in meinem Traum. Ich kam irgendwann gegen 10 Uhr Abends am JFK an und kam glücklicherweise schnell durch den ganzen Flughafenkram durch. Die Einreise ging schnell und unkompliziert und ehe ich mich versah, stand ich auch schon am Bahnsteig Howard Beach und wartete auf den A-Train. Der Bahnsteig ist im Freien und als ich die Rolltreppe hinunter fuhr kam mir die erste Brise New Yorker Luft entgegen und brachte mich zum Grinsen. Ich konnte das Meer riechen. Es war windig aber warm. Die andern Leute am Bahnsteig brachten sich vor dem Wind in Sicherheit und gruppierten sich in dem kleinen Zwischenraum bei den Aufzügen. Also stand ich allein auf der Platform, stolz dem kräftigen Wind entgegen, mit geschlossenen Augen und grinsend. Es roch so vertraut. Der Flughafen liegt nicht direkt am Meer aber der Wind trug die salzig warme Brise über die Gleise des A-Trains direkt auf meine Haut, durch meine Haare und in meine Lungen. Es dauerte eine Weile bis die U-Bahn kam, aber ich genoss jede Sekunde des Wartens.

 

An der Broadway Junction wechselte ich in den L-Train und fuhr zur Jefferson Avenue Station, nahe meines neuen Zuhauses. Ich wohne dieses Mal in Bushwick, Brooklyn, bei Freunden, die ich im letzten Jahr kennen gelernt habe. Vor dem großen roten Fabrikgebäude, 75 Stewart Avenue, legte ich ab und versuchte Russ anzurufen, damit er mir die Tür öffnet. Klingel gibt's da nicht. Nach ein paar Sekunden verwirrendem Telefongespräche dämmerte es mir: “Du bist nicht Russ, oder?" Es war ein gewisser David. Offensichtlich hatte ich nicht mehr die aktuelle Nummer von Russ. David fragte mich wo ich wäre und ich erklärte ihm, dass ich unten vor der Haustüre stand und Russ zu erreichen versuchte, damit er mir aufmacht. Ohne zu erwähnen ob er überhaupt wisse von welchem Russ ich redete, geschweige denn vor welchem Haus ich denn stehen würde, sagte er, er würde schnell runter laufen und mich rein lassen. Er blieb in der Leitung und ich hörte ihn rennen. Irgendwann wurde es wieder still und er sagte verwundert: Ich sehe dich nicht. Ich ihn auch nicht. Er kam nie. Ich erklärte ihm noch einmal, dass ich ja wahrscheinlich nicht vor seinem Haus stehe, es sei denn er ist ein Freund von Russ und wohnt in der SkyFortress. Aber der unbekannte David schien das alles nicht ganz zu begreifen und irgendwann legte ich auf. Ich überlegte eine Weile, rief einmal kurz in Richtung Himmel, in der Hoffnung jemand in der Wohnung würde es hören. Einige Fenster waren offen aber es sah dunkel aus. Als ich gerade überlegte, wie ich an Internet gelangen könnte, um Russ auf Facebook zu schreiben, stieg eine junge Frau aus einem Taxi direkt vor dem Gebäude. Meine Rettung. Meine Heldin. Sie lies mich nicht nur ins Haus, sondern half mir auch noch meinen schweren Koffer in den 4. Stock zu schleppen. 

Ich klopfte an die Wohnungstür und hatte noch einmal Glück. Russ war da. "Wie bist du rein gekommen? Wieso hast du nicht angerufen?", fragte er. "Hab ich, aber dieser David konnte mir nicht helfen", erwiderte ich ein bisschen sarkastisch um ihn darauf hin zu weisen, dass er mir das nächste Mal Bescheid geben soll, wenn sich seine Nummer ändert. Aber mit dem ersten Schritt in die Wohnung war das alles vergessen.

Ich war angekommen. 

 

Heute Morgen kämpfte ich im Bett mit meinem Jetlag und versuchte meinen Schlaf wieder und wieder zu verlängern, bis ich um 8:00 Uhr aufgab und aufstand. Eigentlich ganz gut, wenn man bedenkt, dass ich das erste Mal um 03:00 Uhr wach und munter wurde. 

Ich traf Maja noch kurz beim Frühstück, die Tänzerin aus Dänemark, die ich noch vom letzten Jahr kannte. Sie sah mich ganz erschrocken an, als ich aus dem Zimmer kam und meinte: "Das ist gerade so verrückt, ich habe in diesem Moment über deinen Facebook-Post gescrollt und gesehen, dass du irgendwohin unterwegs bist. Ich hatte keine Ahnung, dass du hier her kommst. Und schon da bist!" Ich musste ehrlich laut lachen, typisch, dass Russ niemanden Bescheid gegeben hat. Umso größer war die Freude unseres Wiedersehens. 

Nach der lang ersehnten Dusche machte ich mich auf nach draußen. Bevor ich aber nach unten lief, hüpfte ich noch schnell das letzte Stockwerk nach oben und öffnete die berühmte Tür zum Dach. Das Dach der Dächer, der Ausblick, der mir jedes Mal aufs Neue den Atem abschnürt. Das Dach des Gebäudes ist riesig und über und über mit Graffitti bemalt. In der Ferne winkte mir ein anderer Bewohner zu, der den riesigen Platz zum Bälle werfen mit seinem Hund nutzte. Ich grüßte aus der Ferne zurück – viel zu weit weg, um etwas zu sagen, und ging in die andere Richtung. Richtung Manhattan Skyline. Wieder stand ich einfach nur so da – dieses Mal mit weit aufgerissenen Augen – und genoss die Frische Morgenluft und den Ausblick.

 

Danach nahm ich den L-Train in Richtung Manhattan. Auch das genoss ich in vollen Zügen – wortwörtlich. Die U-Bahn war wie zu erwarten gesteckt voll mit Brooklynites die nach Manhattan in ihre Arbeit pendelten. Ich hatte noch keinen Plan was ich machen wollte, also steig ich spontan am Union Square aus, holte mir einen Creamcheese Bagel und Kaffee und hatte mein erstes Frühstück im Union Square.

Die Sonne brannte bereits wie im Hochsommer herunter und ich bemerkte schnell, dass ich heute wahrscheinlich die einzige Person in ganz New York war, die eine Jacke dabei hatte. Mein Handy sagte 20°C und  vielleicht stimmte das auch, aber 20°C hier fühlen sich schnell wie 30°C an. Es war aber immer noch früh und zum Glück wehte eine leichte aber angenehme Brise, die die heißen Sonnenstrahlen erträglich machten. Nach dem Frühstück schlenderte ich uptown über den Madison Square Park, vorbei am Flatiron Building und dem Empire State Building bis zum Bryant Park, wo ich nun diese Zeilen tippe. Es ist ein wunderschöner erster Tag. Und das beste daran: Es ist erst 11:40 Uhr. Ich bin zurück.