Immer noch Tag 2

Vom Wiedersehen

Bei euch ist es mittlerweile schon Mittwoch, für mich ist es allerdings immer noch Tag 2 (19:00) und ich bemühe mich gerade, ihn auch noch bis zum Ende zu genießen. Wie zu erwarten war, macht sich das Jetlag langsam wieder spürbar und um ganz ehrlich zu sein, es wundert mich sogar ein bisschen, dass ich immer noch wach bin. Der Tag war lang, anstrengend und unglaublich schön. 

 

Vom Bryant Park aus spazierte ich weiter in Richtung Uptown. Vorbei am Time Square, weiter westlich durch Hells Kitchen und hoch bis zur Upper West Side. Dort angekommen spürte ich zum ersten Mal, dass mein Körper das viele Gehen wieder ein bisschen verlernt hat und zwang mich in die Ubahn. Ich fuhr die Insel wieder hinunter und stieg an der Christopher Street aus um zum Washington Square Park zu spazieren. Vielleicht erinnert ihr euch noch, das ist mein Lieblingspark in Manhattan. Und er hat mich einmal mehr verzaubert. Ich lauschte Jazz-Musik und sah mir die Leute an. Mittlerweile war es super heiß geworden und zwischen all den Sommerkleidern und knappen Shorts saß ich mit meiner schwarzen, langen Hose und meiner Jacke in den Rucksack gestopft, von Schweiß triefend aber immer noch hoch motiviert. 

Nach einer kleinen Pause marschierte ich weiter. Russ erzählte mir gestern, er habe mit ein paar Freunden eine Art Thai-Foodtruck am Bowery Market eröffnet. Wie praktisch, dass mir das gerade einfiel, als mein Magen langsam zu knurren begann. Also spazierte ich in Richtung East Village – irgendwo an der 3rd sollte das sein. Vergebens suchte ich unterwegs nach Internet um ihn zu fragen, ob er da sei. Wo ist diese Starbucks-Pest, wenn man sie mal braucht? Aber das Timing war auf meiner Seite. An der Ecke Bowery und 3rd traf ich ihn zufällig genau an, als er am Weg in die Arbeit war. 

Nach der Stärkung und einem kühlen Glas Rosenwasser-Limo (schmeckt erstaunlich gut), entschied ich, dass es genug Manhattan für heute war. Ich war k.o.. Offensichtlich musste ich mich erst wieder langsam an das viele Gehen gewöhnen und der Sommer hat mich nach dem winterlichen Wochenende in Unken auch ein bisschen überfordert. Ich spazierte durch das East Village zur 1st Avenue und nahm den L-Train nach Brooklyn. Allerdings brachte ich es dann doch nicht übers Herz um 3 Uhr Nachmittags nachhause zu fahren und stieg spontan an der Bedford Avenue aus. Ihr wisst bestimmt was jetzt kommt. Richtig: Café Beit. 

 

Vieles hat sich verändert, seit meinem letzten Besuch im November. Einige Tische sind neu, die alten wurden umgestellt, neue Kunst an den Wänden – im ersten Moment fand ich so viel Veränderung auf einmal gar nicht gut. Kann das hier bitte immer so bleiben wie es war? Und dann entdeckte ich Chris hinter dem Tresen und auf einmal war alles wieder beim Alten. Das erste Getränk nach der Rückkehr geht auf's Haus, hieß es und ich nahm meinen Cold Brew Kaffee mit nach draußen in den Hinterhof. Endlich. Auf den hatte ich mich schon so sehr gefreut. Und gerade als ich dachte, dass kein Platz mehr frei wäre, sah ich, dass an einem der Tische Patrick saß – der zweite von den drei Besitzern des Cafés. 

Er freute sich riesig, dass ich ihn genau in seiner Pause antraf, denn so hatten wir gemütlich Zeit, uns das Wichtigste aus dem vergangenen Jahr zu erzählen. Und obwohl wir beide auf die Frage: "Was gibt's neues" erst einmal "gar nichts" sagten, rollte das Gespräch gleich darauf wie eine Lawine los. Irgendwann war aber der Cold Brew leer und Chris alleine hinter der Theke sichtbar gestresst. "Eine letzte Willkommens-Umarmung" forderte er mit ausgestreckten Armen bevor er  sich wieder an die Arbeit machte, und mir wurde bewusst, was für ein Glück ich habe, bereits viele tolle Freunde in dieser Stadt gefunden zu haben. 

 

Zurück in Bushwick erledigte ich noch schnell meinen ersten Supermarkteinkauf und holte die wichtigsten Dinge für den Kühlschrank. Zuhause hasse ich Lebensmittel einzukaufen und ich bin mir auch sicher, dass es nicht lange dauert, bis es mir hier auch wieder auf die Nerven geht. Heute war es allerdings noch schön. Supermärkte im Ausland sind eben immer eine schöne Sache. 

In der Wohnung angekommen, traf ich wieder auf Maja, die gerade auf dem Weg zum Dach war. Ich stellte meine Sachen ab und kam nach. Außer uns beiden war niemand da und ich wunderte mich über die unzähligen Menschen, die im Gebäude wohnen und an so einem schönen Tag nicht Gebrauch von ihrer unglaublichen Dachterrasse machten. Aber besser für uns. Es folgte also mein nächstes großes Wiedersehen-Gespräch und genau wie es mir zuvor mit Patrick passierte, verloren auch Maja und ich uns voll und ganz im Dialog. Mit dem einzigen Unterschied, dass wir den Rest des Tages nichts mehr vor hatten, weshalb wir auch jegliches Zeitgefühl verloren – und damit auch die Stunden. 

 

Mittlerweile its es 21:00 Uhr. Hallo Ironie. Als ich den letzten Absatz getippt habe schien die Sonne noch. Dann kam Mike heim und während ich diese Zeilen tippe ist es stockfinster. Das nächste Wiedersehen. Mike wohnt auch hier im Apartment und war auch letztes Jahr schon hier. Es war eigentlich nur ein kurzes Hallo und "wie war dein Tag?", endete aber in einem langen Gespräch über Film Noir, Sprache, Kunst, New York und Tinder. Der große Romantiker hat nämlich kurz nachdem ich im November hier war ein Mädchen über Tinder kennengelernt. An dem Tag, an dem er online ging um die App ein für allemal zu löschen. So schön können Zufälle sein. Auf jeden Fall haben wir uns in den letzten zwei Stunden oder so wieder auf den neusten Stand unserer beider Leben gebracht und damit habe ich den ersten wichtigen Teil aller Wiedersehen erledigt. Bei euch ist es mittlerweile 3:00 Uhr morgens und das geht auch nicht spurlos an mir vorbei. Für meinen Körper ist es auch 3:00 Uhr morgens, weshalb ich diesen schönen langen ersten Tag guten Gewissens der Vergangenheit überlasse. Gute Nacht.