Tag 33 & 34

Margaritas & Hängematten

Am Freitag Morgen stand ich früh auf und setzte mich an die Arbeit. Ich hatte Pläne für den Nachmittag, weshalb ich am Vormittag viel schaffen wollte und das gelang mir zum Glück auch. Aber ich will euch damit nicht langweilen, das ist im Prinzip immer das selbe. Flaschen, Schreiben, Basteln. 

Danach ging ich raus. Ich hatte einen Friseurladen in Bushwick entdeckt, bei dem ich nachfragen wollte, ob  ein Termin frei ist. Ich wollte persönlich vorbei gehen, weil ich gleichzeitig sehen wollte, ob ich den Friseurinnen meine Haare anvertrauen will und auch ein bisschen Beratung brauchte. Sie wirkten super nett, cool und stylisch. Ich war schnell überzeugt. Und sie hatten am selben Nachmittag noch einen Termin für mich frei. Sie bot mir an, erst eine Beratung zu machen und ich könnte mich danach immer noch entscheiden, ob ich es machen will oder nicht. Das klingt fair. Also vereinbarten wir den Termin auf 16:30 Uhr. 

Am Weg zurück holte ich im Dollar-Store noch den Faden, der mir ausgegangen war. Ach was würden wir ohne den Dollar-Store machen. Dort gibt es einfach alles. 

Dann schmiss ich mich in mein sommerlichstes Outfit – es war unglaublich heiß – und nahm den L-Train nach Manhattan. Stephanie arbeitet am Freitag nur bis 13:00 Uhr und wir verabredeten uns im East Village um den Sommertag zusammen zu genießen. Ich war ein bisschen früher da und holte mir ein gratis Pizza-Slice im TwoBoots. Maja hatte mir bevor sie ging, einen Gutschein hier gelassen und endlich war ich in der Gegend um ihn einzulösen. Dann traf ich Steph am Tompkins Square Park, wir holten uns einen riesigen Milchshake im Deli und setzten uns in den Park. Es war traumhaft. 

Später spazierten wir ein bisschen durch die Nachbarschaft und tranken in einem Mexikanischen Restaurant zwei Frozen Margaritas, weil ich irgendwann mal erwähnt hatte, dass ich noch nie einen Margarita getrunken habe. Ich weiß aus den 90er Jahre Teenie-Filmen, dass sie in den USA super beliebt sind, aber zuhause komme ich nie auf die Idee mir einen zu bestellen. Sie kannte das Restaurant und wusste, dass die Margaritas dort super lecker und zur Happy Hour auch noch günstig sind. Und es gab natürlich gratis Nachos mit Salsa dazu. Nicht schlecht. 

Als mein Friseurtermin näher rückte fuhr ich zurück nach Bushwick und spazierte dort hin. Ich wollte gerne icy-blonde Haare und von der Friseurin wissen, ob das mit mit meinen Haaren funktioniert. Ich zeigte ihr Bilder. Ich will edgy, ich will mich was trauen. Ich wollte den Ansatz natürlich lassen und dann heller werden - silver-blond. Ich war mir nur nicht sicher, ob meine natürliche Haarfarbe nicht vielleicht zu hell dafür ist, ich befürchtete, dass der coole Kontrast mit meinen Haaren nicht möglich war. Sie beriet mich und schlug vor, eher ein Ashblond statt icy, was mit meinem natürlichen Haarton anscheinend besser funktioniert. Okay. Ich vertraue ihr. 

Stunden später war es irgendwann endlich geschafft. Das Ergebnis ist schön, es gefällt mir, aber es ist leider nicht edgy! Es ist nicht krass. Es sieht einfach nur natürlich aus. Ich befürchte, sie hat sich nicht getraut, mir dieses richtig weiß-blond zu verpassen, vielleicht war sie zurückhaltend um einen Schock zu vermeiden. Aber ich wollte den Schock. Ich wollte edgy. Das hatte ich gesagt. Statt krass und edgy ist es jetzt eher girly. Immer noch schön, aber eben nicht so wie ich es mir vorgestellt habe. Cool sehen sie nur aus, wenn ich sie zusammenbinde, dann kommt der Kontrast mit dunkleren Haaren besser raus und die unteren Schichten sind heller, als die oberen. Aber mei. Ich lasse es jetzt erst einmal ein bisschen und kaufe mir noch einen puprle-Conditioner, der die Haare noch ein bisschen mehr ausbleichen soll und überlege mir noch, ob ich vielleicht noch einmal wo hin gehe. Meine Mädels in der Wohnung meinten, wir können das auch selbst machen, aber da bin ich mir nicht so sicher, haha. 

 

Aber egal – mich bringt hier nichts wirklich aus der Ruhe. Am Abend arbeitete ich wieder ein bisschen weiter, bis Stephanie nachhause kam. Gegen 21:00 Uhr riefen wir ein Uber und fuhren für 2$ pro Person(!) nach Greenpoint (ca. 15min Fahrt). Unser Fahrer erzählte uns die krasseste Geschichte seiner Uber-Karriere. Eines Tages holte er eine Frau und ihre 2-Jahre alte Tochter in Queens ab. Beim Einsteigen sagte sie: Bitte bleib ganz ruhig, aber du musst wissen, ich bin in den Wehen. Du musst mich so schnell wie möglich ins Krankenhaus nach Brooklyn bringen. Er raste los, fuhr bei Rot über die Ampeln und geriet auf dem Brooklyn-Queens-Expressway in den Stau. Wie immer dort. Dann platzte ihre Fruchtblase und sie bat ihn stehen zu bleiben. Er rief die Rettung, setzte die kleine Tochter auf den Beifahrersitz und versuchte der Frau auf dem Rücksitz irgendwie zu helfen das Kind zu gebären. Das Baby kam verkehrt herum, er konnte bereits Beine, Arme und Bauch sehen und war völlig überfordert. Als es zur Hälfte draußen war, kam ein Polizist zur Hilfe, der die zweite Hälfte des Babys zur Welt brachte. Erst danach, 40 Minuten später, kam endlich auch die Rettung. Die Nabelschnur war um den Hals des Babys gewickelt... Es kam wirklich alles zusammen, was man sich nur vorstellen konnte. Der Uber-Fahrer fuhr mit ins Krankenhaus, wo der Vater bereits wartete. Am Ende ging alles gut aus und der Fahrer ist immer noch in Kontakt mit der Famillie. 

 

In den Java Studios gab es ein gratis Event im Zuge der Greenpoint Open Studios. In einem großen Fabrikgebäude waren unzählige Räume in denen unterschiedliche Künstler ausstellten und im Hinterhof gab es Livemusik und Freibier. Es gab sogar einen Raum mit Virtual Reality-Experience. Wir trafen uns dort mit einem Freund von Stephanie. Sie hat so viele verschiedene, einzelne Freunde in der Stadt und alle sind irgendwie ein bisschen verrückt. Ich stellte mich bei ihm vor und die erste Frage, die er mir stellte war: Wenn du eine komplett neue Gesellschaft gründen könntest, wie würde die aussehen? Ich musste lachen, lies mich aber darauf ein und spannte ein Netz von spontanen Ideen. Nach einer Weile spazierten wir durch die warme Sommernacht von Greenpoint runter nach Williamsburg und endeten in dieser Surf-Bar an der North 6th Street. Der Boden ist gefüllt mit Sand, die Decke komplett mit Surfboards ausgeschmückt. Wir bestellten einen riesigen Cocktail, den wir uns zu dritt teilten. Wir hatten tolle, verrückte Gespräche, die Nacht war wunderschön und ich wollte einfach nicht nachhause gehen. Gegen 1:00 Uhr zogen die beiden weiter in eine andere Bar und ich spazierte zurück nach Greenpoint in die Bar Troost. Dort traf ich mich spontan mit Ian, mit dem ich ein bisschen über Tinder geschrieben hatte. Ich lies mich auf das spontane, späte Treffen nur ein, weil er mit ein paar Freunden in dieser Bar war, in der ein Freund von ihm auflegte. Es klang gut und ich nutzte die Gelegenheit, mich mit ihm zu treffen, wenn er unter Freunden war. Das machte das Ganze irgendwie angenehmer und ungezwungener. Die Bar war cool, die Musik auch. Ian und seine Freunde waren witzig, wir quatschten alle gemeinsam bis der Laden gegen 03:00 Uhr schloss und ich teilte mir für den Heimweg ein Uber mit einer Freundin von ihm, deren Namen ich vergessen habe. Ich glaube nicht, dass ich diese Leute wieder sehe, aber es war wieder ein kleines witziges und spontanes Abenteuer mit fremden Leuten. Alles in allem also ein lustiger Abend. 

 

Heute habe ich deshalb ausgeschlafen. Am späten Vormittag entschloss ich mich dann endlich einmal das Bad ein bisschen zu putzen. Vera und Stefan kommen heute Abend hier her, weil sie für ihre letzte Nacht in New York keinen Schlafplatz finden konnten. Ich bot also an, sie in meinem Zimmer unter zu bringen und dachte, ich nutze die Gelegenheit einen Grund zum Putzen zu haben. Nachdem das Bad erledigt war, kehrte ich das Wohnzimmer und räumte ein bisschen auf. Russ kam mir zur Hilfe und gemeinsam stellten wir ein bisschen um, ich dekorierte, er montierte die Hängematten und jetzt sieht es hier endlich wieder ein bisschen gemütlicher aus. Jonathan hat noch einiges an Zeug zwischengelagert, was er aber diese Woche abholen wird. Zumindest sind die Möbel wieder einigermaßen verteilt, sodass der Raum gemütlich und einladend wirkt. Das merkten auch die anderen, weshalb wir nun schon den ganzen Nachmittag alle im Wohnzimmer abhängen. Das gab es schon lange nicht mehr. Es läuft der Jazz-Radiosender, Stephanie liest in der Hängematte, Russ arbeitet am Esstisch, ich sitze auf der Couch und tippe und Mirella auf dem Sofa neben mir und malt. So stelle ich mir das Leben im Künstlerloft vor. 

 

Ich wollte euch noch ein paar Kleinigkeiten erzählen: Meine Friseurin und ich quatschten ein bisschen über das Schulsystem in den USA und sie schockte mich mit einer kleinen Info: Sie ist 23 Jahre alt und war der letzte Jahrgang in ihrer Schule, der noch Schreibschrift gelernt hat. Könnt ihr euch das vorstellen? Die bringen den Kindern hier heutzutage gar keine Schreibschrift mehr bei. Sie sei überflüssig. Außerdem erzählte sie, dass ihr Vater Lehrer in einer Grundschule ist, und die Kinder keine Stifte und Hefte mehr besitzen, sondern ausschließlich iPads, die von der Schule zur Verfügung gestellt werden. Ich war außer mir. Es machte mich ehrlich traurig das zu hören, aber so ist wohl der Lauf der Zeit... 

 

Außerdem wollte ich euch erzählen, dass Russ und Chase manchmal Dumpster-Diving gehen. Das bedeutet, dass sie manchmal Abends oder Nachts an bestimmten Tagen zu bestimmten Supermarkt-Mülltonnen gehen und tonnenweise gutes, verpacktes Essen und Lebensmittel mit nachhause bringen. Scheinbar machen das unglaublich viele Menschen, sie sind dabei nie alleine. Wenn die Mülltonnen am Straßenrand stehen ist das keineswegs illegal und jeder kann sich bedienen. Oft konnte die ganze Wohnung tagelang davon essen. Ich habe den beiden gesagt, sie müssen mich das nächste Mal wissen lassen, wenn sie wieder los ziehen, ich will mir das auch mal ansehen.

 

Und dann noch was: Der Moderator von dieser Storytelling-Show hat mir den Gefallen getan und mein Projekt auf seiner Facebookseite geteilt. Ich habe ihm geschrieben und davon erzählt und er war ganz begeistert und freut sich, mir helfen zu können. 

Außerdem findet bald das Bushwick Arts Festival statt. Ich habe bereits Flyer davon gesehen und wir als SkyFortress wurden angefragt, ob wir unsere Künste bei uns im Loft ausstellen wollen und für das Festival öffnen. Wir sprachen uns ab und Mirella, Mike, Stephanie und ich stimmten zu mitzumachen. Mirella und Mike werden ihre Malereien ausstellen, Stephanie ihre selbstgeschneiderte Mode und ich werde in der Wohnung meine Flaschen aufhängen um so hoffentlich ein paar Leute auf mein Projekt aufmerksam zu machen. Ich überlege gerade noch, ob man mit den Texten noch irgendwas besonderes machen könnte... mal sehen. 

 

Ja und so lebt es sich hier, Tag für Tag mit immer neuen schönen Überraschungen und Möglichkeiten. Ich liebe es.