Tag 35

Wenn Nacht und Tag verschwimmen

Ich muss noch einmal kurz zu gestern zurückspulen – also Samstag, Tag 34. Ich hatte den Artikel relativ früh, am späten Nachmittag getippt, weil ich ja nicht wissen konnte, dass die wenigen verbliebenen Stunden des Tages noch so viel hergeben würden. Als erstes rief mich Mirella in ihr Zimmer. Sie ist die Kunststudentin der NYU und eine unglaublich tolle Fotografin. Sie fotografiert ausschließlich analog, mit einer dieser tollen, schönen Kameras, in die man von oben hineinschaut. Keine Ahnung wie die heißen, sie sind aber wunderschön und ihre schwarz-weiß-Bilder noch bezaubernder. Sie entwickelt sie selbst in ihrem Zimmer und ich habe sie mal gebeten, mir Bescheid zu geben, wenn es wieder so weit war. Ich wollte mir das unbedingt einmal ansehen. Und das tat sie gestern. Sie entwickelte eine Rolle von Portraits unseres Nachbarn Trevor und erklärte und zeigte mir den ganzen Ablauf. Es war toll zuzusehen und ein bisschen schmerzte es mir im Herzen, dass ich das nie gelernt habe. 

 

Kurz darauf klingelte mein Handy. Eine Österreichische Nummer. Das mussten Vera und Stephan sein. Ich lief die vier Stockwerke nach unten und begrüßte die beiden vor der Tür. Sie waren bereits letztes Wochenende in New York, während ich in North Carolina war, flogen dann nach Kanada und waren jetzt für eine Nacht wieder in der Stadt, für die sie Unterschlupf brauchten. In dem Moment, in dem wir die Wohnung betraten waren beide – vor allem aber Stephan – außer sich. Dabei finde ich, sieht das Apartment beim Eintreten noch gar nicht so toll aus, wirklich schön ist es erst im Wohnzimmer. Aber die Küche reichte um sie sprachlos zu machen. Ich freute mich ehrlich darüber, einen Gast zu haben, der sich ähnlich übertrieben euphorisch wie ich über solche Dinge freuen kann. :-) Ich stellte ihnen Russ, Mirella und Chase vor und wir alle quatschten ein bisschen im Wohnzimmer. Russ und Stephan unterhielten sich auf Anhieb ohne Punkt und Komma - bis ich sie gegen 20:20 unterbrach. Sorry, aber wir müssen jetzt auf's Dach. Der Sonnenuntergang naht. Wie wir es immer mit neuen Leuten machen, musste einer nach dem anderen die Tür zum Dach selbst öffnen. Dieser Moment darf niemanden entgehen. Erst war Stephan dran und währen sich Vera brav zur Wand drehte, hörte sie ihn laut los schreien, bis die Tür hinter ihm wieder ins Schloss fiel. Dann war sie dran. Obwohl ich bereits von der unglaublichen Dachterrasse geschwärmt hatte, waren beide überwältigt vom Anblick. Ich hätte untertrieben, meinten sie. Sie konnten gar nicht glauben, dass ich wirklich das Glück habe für drei Monate zu wohnen und gleichzeitig half es mir, es mir selbst wieder in Erinnerung zu rufen. Dieser Ausblick sollte nie "normal" werden, schön langsam wird es aber schwierig. Als die Sonne langsam hinter der Skyline verschwand, hatte auch ich wieder Schmetterlinge im Bauch. Meine große Liebe in 360°!

 

Erst als die Sonne verschwunden und mit den Lichtern der Hochhäusern ersetzt war, brachten es die beiden über's Herz wieder nach unten zu gehen. Wir hatten hunger und ich schlug vor ins Bunna Essen zu gehen, das leckerste Restaurant in unserer Nachbarschaft. Äthiopisch. Die große Flushing Avenue ist mit ihren ganzen Fabrikgebäuden nicht gerade die schönste Straße, deshalb waren sie umso mehr überrascht, wie schön das Restaurant von innen ist. Damit hatten sie nicht gerechnet, dass es hier sowas gibt. Ich gab mein bestes, Bushwick zu erklären und ich glaube sie konnten es nachvollziehen. 15 Minuten sollten wir auf den Tisch warten, also spazierten wir noch um zwei Blocks und sie sahen auch die Wohnstraßen und -häuser. Dann das Mahl! Das muss man wirklich so nennen. Wir bestellten drei verschiedene äthiopische Biere und das "Mahl für 3", das im Nu am Tisch war. Ein Teller, kein Besteck. Sie liebten das Essen, wie jeder, das Restaurant kennt und liebt tatsächlich jeder – auch außerhalb von Bushwick. 

Wir unterhielten uns super und hatten eine Menge Spaß dabei unsere Geschichten auszutauschen. Die beiden waren super interessiert an meinen Erfahrungen und Eindrücken der Stadt und hörten gar nicht mehr auf nachzufragen. 

Danach holten wir Brooklyn Lager am Bodega um die Ecke und spazierten zurück zur Wohnung. Sie wählten ganz klar das Dach über eine Bar. Dort trafen wir dann wieder ein paar meiner Mitbewohner, die irgendwann die glorreiche Idee hatten, Feuerwerk zu schießen. Russ, Chase und Stephan waren plötzlich wieder 10 Jahre alt und hatten den größten Spaß!

Und so kam es, dass die Nacht sich langsam zum Morgen wandelte und uns immer klarer wurde: Der ursprüngliche Plan zum Sonnenaufgang aufzustehen um aufs Dach zu gehen, wird ziemlich sicher nicht aufgehen. Und als wir endlich schlafen wollten, brachte Russ eine neue, fremde Gruppe an Leuten ins Wohnzimmer und machte Lärm. In meinem Zimmer könnten genauso gut die Wände fehlen, wenn sich jemand im Wohnzimmer oder der Küche unterhält, hör ich es, als würde ich direkt daneben sitzen. Es war mir unglaublich unangenehm. Bisher habe ich sowas einfach ertragen und mich nur innerlich geärgert, jetzt aber, mit Besuch in meinem Zimmer war mir das wirklich peinlich und vor allem tat es mir leid für die beiden, die ihren letzten New York Tag vor sich hatten. Also überwand ich mich und schrieb Russ eine SMS mit seiner Party bitte einen Gang runter zu schrauben, oder aufs Dach zu gehen aber bitte verdammt nochmal leise zu sein. Kurz darauf wurde tatsächlich nur noch geflüstert und immer wieder hörte ich ihn "pssst" und "bitte" in die Runde zu sagen, das reichte mir schon, dass sich meine Nerven wieder beruhigten – er sah es ein und versuchte es wenigstens. 

 

Heute Morgen gingen Vera und Stephan dann noch einmal los, in die Stadt. Und ich setzte mich sofort an die Arbeit, die ich produktiv bis 14:00 Uhr durchzog, bis die beiden wieder zurück waren. Sie holten ihre Rucksäcke, verabschiedeten sich und riefen sich ein Uber zum JFK. Es schien ihnen wirklich gefallen zu haben unseren eigenartigen Lebensraum kennen zu lernen. Und ich habe mich gefreut, weil sie New York verstehen. So wie ich die Stadt verstehe. Sie sehen die kleinen Schönheiten und Besonderheiten, die diese Stadt so lebenswert machen und wissen sie zu schätzen. Sie konnten all meine Erklärungen und Beschreibungen nachvollziehen und ich konnte ihnen einige Antworten geben, die sie zu NY und dem Leben hier hatten. Es war ein schöner kurzer Besuch. 

 

Den Rest des Tages habe ich gearbeitet. Ich habe eine neue Geschichte fertig geschrieben, die ich vielleicht noch für mein Projekt verwende. Außerdem habe ich einige Flaschen gebastelt und bin am späten Nachmittag sogar noch nach Greenpoint gefahren und habe endlich die dritte Geschichte aufgehängt. Bäm! Gleich zwei wichtige Erfolge heute. Bevor ich wieder nachhause fuhr, schaute ich als Belohnung im Café Beit vorbei und trank zur Abwechslung einmal einen schicken Flat White und las dabei einfach nur mein Buch. Das erste Mal seit Ewigkeiten, dass ich dort nicht gearbeitet sondern einfach nur genossen habe. Es war wunderschön und der Kaffee schmeckte irgendwie ein bisschen besser. Glaube ich zumindest. 

Und so bin ich vollends zufrieden während der Abend und mit ihm die Woche langsam zu Ende gehen.    

 

Zu den Bildern: 

#1

Das wollte ich euch mal zeigen, dieses Street-Art Piece hängt zur Zeit einige Male in der Stadt und unter anderem auch auf unserem Weg zur U-Bahn. Es zeigt den NY Times Artikel zu dem Vorfall in Ferguson vor drei Jahren, als ein weißer Polizist den unbewaffneten schwarzen Jungen, Michael Brown erschoss. Der Künstler hat den Artikel zensiert und lediglich die wenigen relevanten Fakten sichtbar gelassen. Einzig die Information, die tatsächlich "Nachrichten" sind. Dass der Junge irgendwann zu einem anderen Zeitpunkt in seinem Leben mal etwas gestohlen hat, tut nämlich zum Beispiel rein gar nichts zur Sache. Jeglicher Versuch von Rechtfertigung des Geschehnisses scheitert und der Künstler macht mit dem Plakat auf eine beeindruckende Weise deutlich, wie kritisch wir Zeitungsartikel lesen und hinterfragen müssen. Meist sind es wenige einzelne Wörter, die den tatsächlichen Gehalt von "News" ausmachen. 

 

#2

Stephanie hat sich Schuhe bestellt und ich musste rein schlüpfen und euch ein Foto schicken, die sind so schön verrückt. Je länger ich sie anhatte stellte ich aber fest, dass ich sie immer mehr schön als verrückt finde.