Tag 36

Buch & Art

Dieses Mal gibt es keine Fotos und auch keine großen Berichte von Unternehmungen. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet. Dafür fühlte ich mich heute irgendwie das erste Mal ernsthaft, wie eine echte Künstlerin. Am Vormittag waren zwei junge Damen in der Wohnung, die unser Loft für eine Kunstveranstaltung als Ausstellungsraum mieten wollen. Russ zeigte ihnen alles und stellte mich vor. Ich saß im Wohnzimmer und bastelte gerade meine Flaschen und natürlich fragten sie nach, was das genau ist. Ich erklärte es kurz und sie fanden es ganz toll und folgten mir direkt auf instagram. Es fühlte sich so ernst an, ich weiß nicht wie ich es sagen soll, sie nahmen mich glaube ich in dieser Wohnung als Künstlerin wahr und mein Projekt wirklich ernst. Das ist natürlich nicht das erste Mal, aber heute wurde es mir nochmal bewusst. Egal was daraus wird, egal ob es irgendeine Art von Erfolg hat, es ist ein ernstzunehmendes Kunstprojekt und ein ganz tolles. Das finde nicht nur ich so, sondern offensichtlich schon auch manch andere Leute. Das sagte ich mir im Kopf heute ein paar Mal vor. Ich muss es nur noch in meinen Kopf bringen, dass ich es auch so vorstellen und präsentieren muss. Das fühlt sich irgendwie so an, wie mit dem Erwachsensein. Manchmal muss ich mich selbst daran erinnern, dass ich 25 bin und ich andere 25-jährige Menschen immer als super erwachsen sehe, mich selbst aber nicht – weshalb ich glaube ich oft nicht selbstbewusst genug nach Außen auftrete – vor allem wenn es um Job, Karriere oder Kunst geht. Dann fühle ich mich, wie ein Kind in einem feinen Restaurant. Als ob ich da nicht ganz hingehöre, obwohl ich gerne würde. Daran werde ich hier ab sofort auch noch mehr arbeiten. Mich selbst als Autorin und Künstlerin ernst zu nehmen, dann darf ich mich auch so bezeichnen. 

Ich bemalte heute ein paar größere Flaschen und bereitete meine erste Geschichte "Mattress on the Floor" für sie vor. Die großen Flaschen sind schön aber zu groß für die Straße, außerdem muss man dafür die Geschichten auf Din-A4 Format drucken, was mir normalerweise zu viel Verschwendung ist. Aber ich habe mir überlegt, dass ich für das Bushwick Art Festival ausnahmsweise die großen verwenden werde. Ich hatte diese Idee wie ich mein Projekt für das Festival präsentieren könnte und meine Mitbewohner hielten es für eine gute. Mirella hat uns bereits angemeldet und mein Name steht jetzt offiziell auf der Liste. 

Deshalb habe ich heute den ganzen Tag daran gearbeitet, die Idee umzusetzen. Gestern auch schon ein bisschen. Ich habe mich mit meinen Laptop unter meine Bettdecke verkrochen und meine Geschichte dreimal eingesprochen. Also gelesen und aufgenommen. Heute Nachmittag setzte ich mich ans Schneiden. Ich versuche die Idee mal ein bisschen zu beschreiben:

 

Zuerst müsst ihr wissen, dass meine Geschichte von einem kleinen Moment handelt. Ein Moment, vielleicht ein paar Minuten, in denen zwei Leute, ein Mann und eine Frau, in einem stockfinsteren Zimmer im Bett liegen. Es geht um dieses Gefühl, wenn man in der Dunkelheit plötzlich vergisst, wie alles rundherum aussieht. Und es geht darum, dass ein kleiner Raum in kompletter Finsternis und Stille im selben Moment für zwei unterschiedliche Leute komplett unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Obwohl die Sinne praktisch nichts aufnehmen können. Es geht um das reine innere Gefühl. Zwei Personen, zwei Empfindungen. Es ist in der dritten Person geschrieben aber mit jedem Kapitel wechselt sich die Perspektive der beiden ab. 

 

Meine Idee ist also, dass ich mein Zimmer, das zum Glück ja keine Fenster hat, komplett abdunkle und so leer wie möglich mache. Nur meine Matratze bleibt drinnen, wie in der Geschichte. Ich habe eine UV-Lampe im Zimmer, die ich anschalten werde. Heute habe ich dann quer durch das Zimmer einen weißen Faden gespannt. Hin und her - quer durch den Raum. Aber nicht ohne System. Es gelang mir nämlich den Umriss meines Papierflugzeuges, das das Logo meines Projektes ist, zu formen. Wenn man also ins Zimmer kommt sieht es erst nach einem wirr gespannten Faden aus – das alleine sieht schon toll aus – wenn man aber in der Mitte steht erkennt man (hoffentlich auch andere Leute) dass es es mein Logo ist, das sich quer durch den Raum spannt. Der weiße Faden leuchtet ein bisschen im UV Licht. Dazwischen habe ich in unterschiedlichen Höhen die großen Flaschen von der Decke gehängt, mit den Kapiteln der Geschichte. Auch das Papier in den Flaschen leuchtet. Am hinteren Ende des Raumes habe ich ein weißes Tuch gespannt, auf dem ich dann für die Ausstellung ab und zu mein Video ablaufen lassen will. Mike borgt mir seinen Beamer. Die Aufnahmen meiner Vorgelesenen Geschichte habe ich ganz spannend zusammengeschnitten, ich versuche euch die Audiodatei irgendwie zukommen zu lassen. Es sind mehrere Spuren, mehrere Aufnahmen, manche gedoppelt, manche leiser, manche lauter, die ineinander verschwimmen, sich übertönen. Das ganze ist auf die Stimmung der Geschichte und dem Inhalt angepasst, es wirkt ganz toll, finde ich. Ich habe heute nur das erste Kapitel geschafft, es war eine Menge Arbeit. Eigentlich wollte ich natürlich die komplette Geschichte aufnehmen und zu diesem Experiment schneiden, dafür hätte ich gerne eine männliche Stimme für die Kapitel aus der männlichen Perspektive. Ich weiß aber nicht, ob ich das noch schaffe, es ist sehr zeitaufwendig. Falls nicht, nehme ich nur das erste Kapitel, das sind auch schon 5 oder 6 Minuten. Die Audiodatei will ich dann laut im Zimmer abspielen und Leute können sich für die 5 Minuten auf die Matratze am Boden legen und sich die Geschichte anhören. Man liegt also genau, wie die Person in der Geschichte in einem dunklen Raum auf einer Matratze am Boden. Die Stimmung die die Geschichte zu beschreiben versucht wird durch die Art und Weise der Audiodatei und der Melodie im Hintergrund verstärkt. Ich glaube das kann ein ganz tolles Erlebnis sein. Vielleicht macht es auch Sinn nur das erste Kapitel "vorzulesen", damit sich die Leute auch sicher die Kapitel aus den Flaschen im Zimmer mitnehmen um sie zuhause zu lesen. 

Als mein Plan mit dem Papierflugzeug-Faden geklappt hat war ich ganz außer mir, ich konnte sehen, dass es so funktionieren kann, wie ich es mir vorstellte und ich freute mich auch, dass ich eine Idee hatte, wie ich meinen Text spannend präsentieren kann. So wird das ganze eine echte Kunstinstallation. Audio, Licht, interaktiv – alles dabei. Ich habe seitdem den ganzen Tag Schmetterlinge im Bauch. Ich werde bald meine erste eigene Kunstinstallation haben – mit meinem eigenen Text!

 

Außerdem trug ich den ganzen Tag mein tolles Künstler-Outfit, den Mantel von Maja und die weißen Dr. Martens, was vielleicht auch zu meinem Gefühl beigetragen hat ;-)

Ich habe meine Arbeit heute erst beendet, als Stephanie nach der Arbeit heim gekommen war und uns beiden Abendessen gemacht hat. Seitdem sitzen wir mit Mirella, einem Freund von Stephanie (Gersom) und Mirellas Mutter, die gerade zu Besuch ist, zusammen und quatschen. Wir haben die witzigsten Gespräche. Kurzer Ausschnitt von vor ein paar Minuten: 

 

- Gersom: Also, meine Eltern sind aus El Salvador, ich bin aber in Long Island geboren und dann in North Carolina aufgewachsen. 

 

- Mirellas Mama: Was? Wieso sind sie denn nach North Carolina gezogen?

 

- Gersom: Naja, sie dachten, da kann man viel günstiger wohnen. Sie haben aber den Rassismus vergessen. 

 

 

Außerdem haben wir festgestellt, dass ich die einzige am Tisch war, die einen Vater hat. Stephanie hat ihren Vater nie kennen gelernt, Gersom ihn als Erwachsener aufgesucht und Mirella kennt ihn, er hat aber kein Interesse sich an ihrem Leben zu beteiligen. Ihre Mutter erzählte, dass er immer noch nur 5 Minuten von ihrem Familienhaus in Florida entfernt wohnt. Als Mirella 3 war, hatte er noch ab und zu vorbei geschaut. Aber sei er nur mit dem Auto vor das Haus gefahren, seine Tochter wäre zu ihm ans Fenster gelaufen, hätte 5 Minuten mit ihm geredet und dann wäre er wieder weitergefahren. Er ist nicht einmal ausgestiegen. Eine traurige Geschichte, aber da alle der anderen am Tisch kein Problem mit ihren schlechten Vatergeschichten hatten, machten sie sogar Witze darüber und wir betitelten diese Art der Vaterschaft: Drive-Through-Dad! Das ließ uns vorhin minutenlang Tränen lachen. Es macht so Sinn, es passt so dort hin. 

 

Das war's auch schon, mein Leben hat heute nur in der Wohnung und vor allem in meinem Kopf stattgefunden. Aber manchmal muss man eben einfach Arbeit fertig bekommen.