Tag 40

Ein voller Tag

Wow, dieser Freitag wurde überraschend voll. Voll mit so vielen schönen Dingen, das man daraus locker das ganze Wochenende hätte machen können. Nach dem Frühstück hüpfte ich sofort unter die Dusche und war bereit nach draußen zu gehen, es sollte super heiß werden. Weil ich aber nicht den ganzen Tag meinen Laptop mitschleppen wollte, machte ich zuerst meine Arbeit, die einen Computer verlangt. Gegen Mittag hielt mich dann nichts mehr drinnen. Die Sonne schien und ich wusste, dass ich dringend Flaschen in Bushwick und Williamsburg nachfüllen musste. Also machte ich mich mit unzähligen Papierrollen in der Tasche auf den Weg. Ich füllte einige Flaschen nach, ein paar waren aber auch schon komplett verschwunden. Also heißt es morgen wieder: basteln. 

 

Es dauerte eine Weile, bis ich alles abgegangen war und machte anschließend eine kleine Pause im East River State Park in Williamsburg. Um 15:30 hatte ich mich mit Patrick im Café Beit verabredet um ihn für meine mucbook-Kolumne über die Kaffee-Kultur in New York zu interviewen. Eine knappe Stunde lies ich also meinen Blick über die Skyline von Manhattan schweifen und begann eine neue Geschichte in meinem kleinen Büchlein zu schreiben, die ich in den nächsten Tagen unbedingt weiterschreiben muss, bevor ich ihr Gefühl vergesse. 

Es war ein schöner Tag zum Schreiben und ein noch schönerer Ort. Dann spazierte ich zurück zur Bedford und ins Café Beit. Ich gönnte mir einen Avocado Toast und einen Flat White und es dauerte nicht lange, dann kam auch schon Patrick zum Interview. Wir redeten ungefähr 40 Minuten über Kaffee und warum er die Brooklyn Roasting Company nicht mag. Off the Record natürlich. Morgen werde ich mich hinsetzen und das Gespräch abtippen und übersetzen. Das wird wieder eine längere Prozedur, also vielleicht setze ich mich dafür irgendwo in einen Park. Morgen wird es noch heißer... 

 

Nachdem die Arbeit getan war, nahm ich den L-Train nach Manhattan. Stephanie musste heute nur bis 13:00 Uhr arbeiten und wir hatten vor uns einen schönen Nachmittag in der Stadt zu machen. Ich stieg an der 3rd Avenue aus und spazierte nach NOLITA (das steht übrigens für "North of Little Italy"), wo sie auf mich wartete. Sie zeigte mir einen Laden, der alle arten von Cornflakes mit verschiedenen Arten und Geschmäckern von Milch verkaufte. Die machten aber auch Milchshakes und ich holte mir einen Milchshake mit Fruitloops und Kokos-Topping. Stephanie hatte etwas mehr hunger und nahm sich ein paar Blocks weiter einen berühmten NY-Cheesecake von "Eileen" mit. Damit marschierten wir wieder zwei Blocks weiter, ich hatte am Hinweg einen kleinen öffentlichen Garten mitten zwischen den Häusern in der Elizabeth Street entdeckt, den sie offensichtlich auch noch nicht kannte. Er war wunderschön. Um uns herum die bezaubernden Gebäude von NOLITA und mitten drin, mitten im Block, ein dicht bewachsener Garten mit unzähligen Statuen und kleinen Bänken und Stühlen. Man hörte plötzlich nichts mehr von der Stadt um uns herum, ich fühlte mich wie Alice im Wunderland. Wir genossen die Sonne, die Süßigkeiten, die Stille und unser Gespräch. 

Danach liefen wir zurück zum Astor Place, wo ab 18:00 Uhr eine Silent Disco (stille Disco) stattfinden sollte, und tatsächlich: Der Platz war abgesperrt und vor drei verschiedenen DJs tanzte eine Menge an Leuten mit Kopfhörern. Die Schlange war nicht all zu lang und der Eintritt gratis. Man hatte auf seinen Kopfhörern drei Kanäle, mit den entsprechenden DJs, denen jeweils eine Farbe zugeteilt wurde. Die Kopfhörer leuchten dann entweder rot, blau oder grün, je nachdem was man gerade hört. Es war unglaublich witzig. Wenn die Menschen um einen herum zu unterschiedlicher Musik tanzen kann das super witzig aussehen. Wenn man die Kopfhörer abnahm, hörte man sie dazu mitsingen und nur mit Fantasie konnte man erkennen, welche Melodie sie summten oder sangen. Die Kopfhörer verleihen einem irgendwie ein privates Gefühl und nehmen einem die Hemmungen. Wir tanzten zwei Stunden durch, wechselten die Kanäle, wann immer eine Gruppe der Leute kreischte oder die Hände in die Luft warf: Dann sah man sich um, welche Farbe das ist und wechselte in den entsprechenden Kanal. Ich dachte gar nicht, dass so eine Silent Disco so viel Spaß sein kann, vor allem weil auch ständig Leute um uns herum an der Absperrung standen und uns zusahen. Aber wie vielleicht schon mal erwähnt, in dieser Stadt schämt man sich einfach nicht. Also shakten wir zu allem, was es so gab: von Rock, Pop, Hip Hop bis House.  

Erst als die Füße brannten und der Schweiß unsere Kleider durchnässt hatte, war es Zeit aufzuhören. Wir hatten noch mehr vor. Es wurde langsam dunkel und wir wollte noch nach Williamsburg ins gratis Freiluftkino im McCarren Park. Im selben Park war aber auch noch ein gratis Konzert, bei dem wir kurz vorbei schauen wollten. DJ KOOL HERC legte auf, die HipHop Legende aus der Bronx der 70er Jahre, der zusammen mit Grandmaster Flash als Begründer des HipHop zählt.  Er war es, der auf die Idee kam zwei Platten parallel aufzulegen und konnte erstmals Instrumentale Teile einer Schallplatte von dem Beat trennen. Das nennt sich "Break" und ist ein fundamentaler Grundstein für die komplette HipHop Musik, die daraus entstand. So wie wir sie heute kennen. Ich habe über ihn in meinem HipHop Seminar an der Uni gelernt – ich wusste aber nicht einmal, dass der noch am Leben ist! Ich wollte ihn unbedingt zumindest kurz live sehen und Stephanie sowieso, als altes HipHop-Fangirl. Er wirkte leicht verrückt, laberte eine Menge, die wenig Sinn machte, aber ist auf der Bühne hinter seinen Platten immer noch eine Erscheinung, wie kein anderer. Ich bin kein wahnsinnig großer HipHop Fan aber mir war in dem Moment bewusst, wie besonders es ist, diese Legende live zu sehen, so wie er aussah, kann er das nicht mehr all zu lange machen. Seine Tracks waren cool, er legte natürlich auf, was die Leute hören wollten: Mixes aus den 70ern und 80ern. Ich fühlte mich ein bisschen wie in einer Zeitkapsel zurück ins Brooklyn von damals versetzt. Ein schöner Ausflug. 

 

Danach gingen wir weiter in den anderen Teil des McCarren Parks, der durch die Lorimer Street geteilt wird. Wir liefen vorbei an einem Fußballspiel und zwei Baseball Spiele. Hinter den Toren, die tagsüber zum öffentlichen Pool des Parks führen, kamen wir an eine große Leinwand auf der bereits die erste Hälfte von "Hedwig and the angry inch" gelaufen war. Aber halb so schlimm. Es war ein gemütliches kleines Freiluftkino, überraschend wenig Leute für dieses Viertel. Wir sahen uns also den Rest des Filmes an und nahmen uns dann ein Uber nachhause. Es war ein langer Tag. Ein unglaublich schöner. Eine perfekte Balance aus Arbeit und Freizeit. Viel Freizeit in wenig Stunden gestopft. Jetzt muss ich nur noch dieses Moskito erwischen, dass mir ständig um meine Ohren und den Bildschirm kreist, dann kann ich getrost schlafen gehen. Gute Nacht, bis morgen!