Tag 42

Central Park

Als ich heute aufgestanden bin, also mich wortwörtlich auf meine Beine gestellt habe, habe ich mit Freude festgestellt, dass die Blasen an den Füßen besser geworden sind. Meine Mama hat mich also vielleicht doch aus der Ferne geheilt. Sie sind natürlich nicht komplett verschwunden, aber die paar Löcher, die ich gestern rein gestochen habe, haben vielleicht doch ein bisschen geholfen und sie auf jeden Fall platter gemacht. Ich konnte wieder auftreten. 

Ich arbeitete also den Vormittag über auf Hochtouren, um danach guten Gewissens einen Schönen Tag in Manhattan zu verbringen. Danach sehnte ich mich heute sehr. Vor allem, weil ich gestern gezwungenermaßen zuhause verbracht hatte, wollte ich heute unbedingt hinaus. Der Hochsommer ist in vollem Gange und ich musste daran teilnehmen. Als ich gestern Abend auf die Skyline blickte, stieg in mir das Verlangen einmal wieder auf die große Insel zu fahren. Gefangen im Alltag kommt man gar nicht so oft nach Manhattan, wie man sich das vielleicht wünscht.

 

Als meine Tinte im Drucker gegen Mittag leer wurde, sah ich das als Zeichen und machte mich auf in die Stadt. Weil es bereits 30°C hatte, entschied ich mich, meinen Laptop und jegliches restliches Arbeitszeug zuhause zu lassen und packte stattdessen mein Buch und den Bikini - für alle Fälle. 

Ich fuhr mit der U-Bahn an die 57. Straße, mein Ziel war der Central Park. In diesem Jahr habe ich es noch gar nicht in das grüne Herz der Stadt geschafft und an diesem warmen Sommertag drängte er sich mir regelrecht auf. Der Südeingang war von der Polizei abgesperrt – ich hatte vergessen, dass heute die Puerto Rican Pride Parade stattfand. Es ist gerade Pride-Monat und jedes Wochenende sind irgendwelche Veranstaltungen oder Paraden dafür. Die große Pride Parade ist dann am Wochenende vom 25. und Stephanie ist schon ganz aufgeregt, sie freut sich jedes Jahr wie blöd auf die Parade. Wir haben uns schon Outfits überlegt, ich begleite sie natürlich zu allen Events. 

 

Aber heute war erst einmal chillen im Central Park angesagt. Es war sowieso viel zu heiß für alles andere. Ich spazierte so langsam wie möglich – um meine Füße zu schonen – am südwestlichen Eingang in den Park und lief einfach drauf los. Ich habe noch lange nicht alles im Central Park gesehen, deshalb ging ich gefühlt in Richtungen, die ich bisher noch nicht erforscht hatte. Meine erste Pause machte ich am Ballfield, wo ich eine Weile einem Baseballspiel zusah. Ich setzte mich auf einen dieser großen Felsen in den Schatten und hatte das Spielfeld bestens im Blick. 

 

Danach wanderte ich weiter, fragt mich nicht in welche Richtung. Mitten im Park weiß man zwar anhand der Hochhäuser rundherum wage in welche Himmelsrichtung man zusteuert, aber ganz genau lässt sich das irgendwann nicht mehr erkennen. Vereinzelt standen Klaviere im Park herum, die Passanten spielen können. Alle paar Meter standen HotDog-Stände, Eis- und Waffelwagen, alles was das Herz begehrt. An einer Wegkreuzung kam ich zu einer Jazz-Band: Snare, High-Hat, Kontrabass und Saxophon. Und das ganze im Schatten. Ich lies mich auf eine Bank fallen und holte mein Buch heraus. Es war wunderschön. Die Stimmung unbeschreiblich, die Musik perfekt zum Lesen. Sie jammten einfach darauf hin. Zwischendurch wünschte sich eine ältere Dame "Moonriver" und mir kamen fast die Tränen, als dieser meiner Meinung nach einzig wahre New York Song durch den Central Park hallte. Ich wollte einfach nicht mehr gehen. Also blieb ich.  Und genoss. Eine ganze Weile, keine Ahnung wie lange, vielleicht eine Stunde.

Dann machte die Band eine Pause und ich nutzte die Gelegenheit meinen Marsch fortzusetzen, natürlich nachdem ich ihnen ein paar Dollar in den Hut geworfen habe. Ein paar Meter weiter sah ich mir einen Zauberer an, der eine ganz witzige Show ablieferte und zudem auch ganz faszinierende Tricks auf Lager hatte. An jeder Ecke fand irgendetwas statt. Ein Stück weiter sah ich einen Mann mit einem Schild: "Es tut nicht weh mit Fremden zu sprechen", er war gerade vertieft in ein Gespräch mit einer Passantin und ich freute mich über die schöne Idee. Menschen, die so ihre Sonntage verbringen, haben meinen Respekt verdient. Sie tun etwas Schönes mit ihrer Freizeit. Aber ich auch. Ich war glücklich und genoss es einmal wieder nur mit mir alleine zu sein. Ich spazierte noch eine Weile weiter, vorbei an diesem schönen Platz mit dem Springbrunnen,  am Bootshaus, an Schildkröten, Musikern und Künstlern. 

 

Irgendwann war es kurz vor vier und ich sehnte mich nach einer Abkühlung. Stephanie erzählte mir gestern, dass es eine ganze Menge öffentlicher Pools in Manhattan gibt und ich googelte welcher in meiner Nähe war. Am Ufer des East Rivers an der Upper East Side sollte sich ein Park mit einem gratis Pool befinden, also verlies ich die grüne Oase und kreuzte die Puerto Rican Pride Parade an der Park Avenue. Ich lief die langen Blocks in Richtung  Osten, in Richtung East River. An der 76. Straße entlang, über die Lexington Avenue, 3rd, 2nd und 1st bis ich schließlich das Wasser sah. Und dann die Enttäuschung: Der Pool war geschlossen. Die öffentlichen Bäder machen offensichtlich erst Ende Juni auf – warum auch immer. Ich war aber am Ende mit meiner Energie und meine Füße taten schon wieder langsam weh.

 

Ich lief einen Block zurück und nahm den nächsten Bus in Richtung Downtown. Immerhin sind die Busse klimatisiert. Einfach mal ein Stück in Richtung Süden, dann kommt schon eine U-Bahn Station oder sonstiges. Und so war es auch: An der 42. Straße hüpfte ich raus. Hier könnte ich die U-Bahn in Richtung nachhause nehmen, oder noch einmal eine Pause im Bryant Park einlegen. Das machte ich auch. Einer meiner Lieblingsplätze, direkt hinter der New York Public Library – das ist nie eine schlechte Idee.  Und zum Glück. Mir fiel mein Drucker wieder ein. Die Tinte! Die ist dringend. Ich googelte und sah, dass um die Ecke ein "Staples" ist, wo ich die bestimmt bekomme. Bestimmt teurer als über Amazon aber ich brauche sie sofort und entschloss, dass ich lieber Geld als Zeit verliere. Wahrscheinlich schon eine New Yorker-Denkweise, die mich da überkam.

Mit dem Toner unterm Arm schleppte ich mich mit letzter Kraft meiner schmerzenden Füßen in den kühlen Untergrund und zurück nach Brooklyn. 

 

Mittlerweile hat mir Patrick die geforderten Fotos vom Café geschickt und ich konnte am Abend den Artikel noch fertigstellen – Am Donnerstag gibt's den dann wieder für euch auf mucbook.de

Zum Sonnenuntergang nahm ich mir mein Buch noch einmal mit aufs Dach und gebührte diesem schönen Tag den perfekten Abschluss. Alleine.