Tag 45-47

Connecticut und zurück (in die Zukunft)

Gerade eben habe ich festgestellt, dass ich den Artikel zum Tag 44 vergessen habe frei zu schalten. Dabei habe ich ihn extra nach dem Broadway Abend noch geschrieben. Wie ärgerlich. Tut mir leid, dass ihr so lange nichts von mir gehört habt. Also, erst Tag 44 lesen und dann zurück zu diesem Eintrag. 

 

Am Mittwoch Morgen wollte ich ganz früh los. Ich habe mit Brian den Kompromiss geschlossen, oder besser gesagt, ich habe darauf bestanden, dass ich am Mittwoch Morgen mit dem Zug nach Poughkeepsie fahre, von wo aus wir mit dem Auto unseren Road Trip starten. Im Gegenzug fahren wir nach dem Konzert nach New York City zurück, damit ich nicht noch einen Tag in der Stadt verliere. :-) Beide Strecken sind ziemlich genau gleich lang, es macht also am Ende eigentlich keinen Unterschied, außer dass ich beim Aufwachen gleich wieder in meiner Lieblingsstadt bin. 

 

Um kurz vor 8 ging ich los zur U-Bahn. Ich wollte den Zug um 8:43 nehmen. Aber nichts da. Die U-Bahnen spielten verrückt. Ich wartete eine Ewigkeit auf den L-Train um dann zu erfahren, er kann aufgrund eines Polizeieinsatzes nicht nach Manhattan fahren, sondern nur bis zur letzten Haltestelle in Brooklyn. Verdammt. Ich überlegte mir schnell eine Ausweichroute, stieg an der Lorimer Street aus und wechselte in eine U-Bahn in Richtung Norden, nach Queens. Von dort aus kann man auch auf die andere Insel hinüber fahren, vielleicht klappt das ja. Die Idee hatten mehrere. Die U-Bahn war gesteckt voll, wir quetschten und quetschten und konnten trotzdem nicht alle Leute einsteigen lassen. In Queens musste ich noch einmal umsteigen und dort stand ich dann schon in der Haltestelle auf dem Weg zum Bahnsteig in einer dichten Menschenmenge, die sich die Treppen hoch quetschte. Ohje... Schnell wurde mir klar, der 8:43 Zug wird nichts mehr. Dann eben eine Stunde später. Wir hatten ja eigentlich gemütlich Zeit, die Autofahrt nach Hartford beträgt nur ca. 1,5 Stunden und das Konzert ist erst am Abend, aber ich wollte mir gerne ein bisschen die Stadt ansehen, wenn ich schon einmal da bin. Nach ein bisschen mehr als einer Stunde war ich an der Grand Central angekommen und sah das nächste Problem: Schilder zeigten mir an, dass alle Züge aufgrund eines Polizeieinsatzes verspätet seien. Was ist denn da nur passiert? Fragte ich mich und ergoogelte mir schnell die Antwort. Auf einer Brücke zwischen Manhattan und der Bronx hing ein herrenloser Rucksack. Na toll – in der Bronx? Und das versetzt die komplette Stadt in Chaos? Aber gut. Der Zug nach Poughkeepsie muss tatsächlich durch die Bronx durch, also verkniff ich mir den Ärger und hoffte einfach nur, dass die Verspätung nicht zu groß wird. Ich holte mir einen Kaffee und setzte mich zu den anderen Wartenden auf den Boden vor den Anzeigen. Ein Zug nach dem anderen bekam einen Bahngleis zugeteilt und die Menschenmassen um mich herum wurden allmählich weniger. Es war ca. eine Verspätung von 40 Minuten, um kurz nach 10 war ich also endlich im rollenden Metro North Train in Richtung Upstate. 

 

Brian holte mich am Bahnhof ab und wir fuhren direkt los. Das Wetter war schön, der Verkehr total okay – wieder ein perfekter Tag für einen Roadtrip. Auf der Fahrt lernte ich von den unterschiedlichen Gesetzen die in den verschiedenen US-Staaten herrschten. Er sagte nämlich schon einmal voraus, dass wir an der Grenze zu Connecticut Motorradfahrer sehen werden, die sich während der Fahrt die Helme abnehmen werden. In Connecticut gibt es das Helm-Gesetz nicht. Außerdem darf in diesem Bundesstaat der Beifahrer im Auto Alkohol trinken, während es in New York für alle Passagiere im Auto verboten ist.

Dafür kann man in Connecticut erst ab einer gewissen Uhrzeit Alkohol im Supermarkt kaufen, in einem anderen Staat (ich habe vergessen, wo) gibt es den ganzen Sonntag lang keinen Alkohol zum Verkauf... und so haben sie alle irgendwelche verrückten Gesetze, die nicht wirklich wichtig sind. Anstatt, dass sie sich mal um ihre wichtigen Rechtslagen kümmern, die dringend mal Veränderungen gebrauchen könnten. 

 

In Hartford angekommen parkten wir das Auto und hätten trotz des langen Gesprächs über die Unterschiede zwischen New York und Connecticut, fast auf einen wichtigen vergessen: Hier bezahlt man für das Parken am Straßenrand. In New York ist das komplett gratis, man muss nur alle zwei Tage sein Auto auf die andere Straßenseite stellen – für die Müllabfuhr. 

 

Wir liefen ein bisschen herum aber meine Blasen an den Füßen waren wieder schlimmer geworden und ich konnte leider nicht zu lange die Stadt erkunden. Sie wirkte aber sowieso nicht super spannend. Es ist zwar eine Studentenstadt, aber nicht so, wie wir sie uns vorstellen. Es sind Elite-Unis, das bedeutet, die Studenten haben keinerlei Zeit für Freizeit, es wirkt also ausgestorben und nicht unbedingt wie eine Gegend für junge Leute. Breite Gehwege und blitzeblanke Straßen und Gebäude – es erinnerte mich ein bisschen an Washington D.C.

Wir fanden eine Bar/Restaurant und bestellten zur Happy Hour Vorspeisen zum halben Preis: Muscheln und frittierte Meeresfrüchte. Schick ging es also nach meinem Broadway-Abend weiter. Der Kellner fragte uns direkt, ob wir für das Konzert hier wären. Er musste nicht einmal den Künstler nennen, alle wussten, dass heute ein wichtiges Konzert stattfand.

Danach erklärte mir Brian, wie so große Konzerte hier ablaufen. Um 17:00 Uhr würde die Polizei den gratis Parkplatz öffnen (der andere kostet 60 Dollar!), dann sollten wir dort bereit stehen um rein zu fahren. Die nächsten vier Stunden, bevor die Show beginnt, würden dann alle Besucher am Parkplatz abhängen, Bier trinken und Musik hören. Er habe die Campingsessel und die Kühltasche im Auto. Ich musste lachen. So einen Aufwand habe ich schon lange nicht mehr für ein Konzert betrieben, das kommt beinahe einem Festival gleich. Aber gut. Wir holten also Getränke und Snacks (wieder wurden wir gefragt, ob wir zu Tom Petty gehen) und fuhren zur Absperrung, wo wir um die Ecke lauerten, bis die Polizei die Straße zum Parkplatz öffnet. Als wir endlich drin waren füllte sich der Parkplatz in Nullkommanichts zum eigenen kleinen Festival. Mit Tom Petty - Fans. Wir senkten also den Altersschnitt gewaltig. Tom Petty ist ein alter US-Rockstar, ein Nationalheld, den laut Brian jeder Amerikaner einmal live gesehen haben muss. So ein bisschen wie Lynnard Skynnard oder so. Südstaaten-Sound, wenn ihr mich fragt, aber schon nicht schlecht. Ich kannte ein paar Songs, oft findet  man sie in Filmen. Aber das Klientel war deshalb ziemlich witzig. Die meisten waren alte Ehepaare, andere typische alte Möchtegern-Rocker mit Bandanas in den langen Haaren. Vereinzelt aber auch ein paar junge Leute. Kaum hatte ich meinen Campingstuhl aufgeklappt, hatten unsere Nachbarn bereits ganze Tische, Sonnenschirme und Fahnen aufgefahren und Soundanlagen und Griller angeschmissen. 

Die Zeit verging schnell, wir hatten witzige Nachbarn mit denen wir lange quatschten. Und dann endlich das Konzert. Es waren unglaublich viele Leute. Es ist die 40-Jahre-Jubiläumstour der Band Tom Petty and the Heartbreakers, weshalb die riesige Location ausverkauft war. Ich habe gegoogelt, das bedeutet 30.000 Menschen. Ich glaube bei Robbie Williams waren aber mehr :-)

Vom Parkplatz-Klientel zu urteilen hatte ich so ein bisschen das Gefühl, dass hier einige Trump-Wähler vor Ort sind, aber ich wollte Brian das Konzert nicht versauen und habe ihn nicht darauf hingewiesen. Er ist halt mit diesem Künstler aufgewachsen, das Konzert ist was besonderes für ihn. Sonst hört er HipHop also eigentlich ist es ein bisschen witzig, dass wir hier waren. Als wir im Stadion waren ist es ihm dann selbst aufgefallen, er sagte zu mir: "Sieh dich mal um, hier sind ausschließlich Weiße! Ich habe noch nie eine so große Sammlung von ausschließlich weißen Menschen gesehen!" Er war erstaunt und ich dachte mir leise: Naja bei der Musik... Brian selbst ist halber Puerto Ricaner und war auf dem Konzert bestimmt der dunkelste, haha. Uns schockt so eine Menschenmasse gar nicht so sehr, aber sogar mir ist es aufgefallen, sonst ist hier wirklich immer eine Mischung an Menschen – immer und überall. Außer auf diesem Konzert. Dieser Gedanke hat ihn bis zum nächsten Tag nicht mehr losgelassen... Der arme. 

 

Nach der Show dauerte es natürlich eine Weile, bis wir aus dem Parkplatz raus waren. Wir waren uns einig: Erst ins Diner. Ich googelte nach dem nächsten 24-Stunden-Diner, die sind nie weit weg und genau was wir vor der späten Heimfahrt brauchen. Wir kamen hinein und wurden gleich von der Kellnerin gefragt, ob wir auch vom Konzert kommen. Der Laden war halb voll – alle Gäste waren eindeutig von der Show gekommen. Sie freute sich, wäre selbst gerne hin gegangen. Ich musste ein bisschen lachen, die machen hier wirklich alle ein großes Ding aus diesem Tom Petty. Schön langsam konnte ich es nicht mehr hören. 

 

Wir bestellten Bacon Cheese Burger mit Disco-Fries und Filterkaffee dazu. So wie man das um 1 Uhr Nachts im Diner macht. Die Kellnerin hörte, wie ich mich über die kleinen Jukebox Anlagen an den Tischen freute, unserer hatte allerdings keine. Sofort schnappte sie unsere Tassen und setzte uns um, gab mir einen Quarter und machte mir damit die größte Freude. Man kann von der relativ großen Auswahl wählen und die Musik spielt durch Boxen nur an unserem Tisch. Ich spielte Foo Fighters "Hero" und danach Frank Sinatra "My Way". Ich wollte es Brian nicht sagen, aber der Diner Besuch mitten in der Nacht war für mich toller als das Konzert. Es war so klassisch USA. 

Fit und gestärkt setzte ich mich ans Steuer und kutschierte uns sicher nach New York zurück. 

Am nächsten Tag – Donnerstag – waren wir also zurück in New York. Wieder schönes Wetter. Aber nicht mehr ganz so heiß, wie die Tage zuvor. Ich war so erleichtert, unser Loft kann dringend ein bisschen Abkühlung gebrauchen. 

 

Da fällt mir ein – vielleicht ist euch aufgefallen, dass meine mucbook Kolumne noch nicht online ist. Das nervt mich sehr. Ich muss sie eigentlich am Mittwoch Abend (nach Deutscher Zeit) abliefern. Da ich wusste, diese Woche wird es mit Broadway, Konzert und allem drum und dran, stressig, hatte ich sie bereits am Wochenende fertig gemacht und zur Revision an die Redaktion abgegeben. Natürlich bekam ich auf dem Weg nach Poughkeepsie am Mittwoch eine Mail, dass sie noch ein einzelnes Foto von meinem Interviewpartner wollen. Es war kurz vor Redaktionsschluss und ich hatte zum ersten Mal meinen Laptop nicht dabei. Ich koordinierte über mein Handy mit Patrick und der Redaktion und sagte der Redaktion, wie sie an das Foto kommen. Es hat sich aber niemand darum gekümmert. Deshalb kam die Kolumne nicht in den Newsletter, was mich schon einmal ärgerte. 

 

Am Donnerstag Morgen checkte ich Mucbook und sie war immer noch nicht online. Also kümmerte ich mich als erstes um das Foto und schickte sie erneut zur Revision, in der Hoffnung sie würden schnell machen. Bis jetzt ist sie aber noch nicht auf der Seite, ich hoffe, das ändert sich bald. 

Ich arbeitete ein bisschen und Brian nutzte die Chance in der Stadt zu sein und klapperte wieder die ganzen Skateparks ab. Am späten Nachmittag fuhren wir nach Washington Heights, ein Viertel nördlich von Harlem. Ziemlich weit im Norden von Manhattan also. Ich wollte schon lange einmal wieder dort hoch und Brian kannte natürlich einen Skatepark zu dem er schon lange einmal wieder wollte... Wir erkundeten ein bisschen die Nachbarschaft, es ist toll dort oben. Ich war in neuen Gegenden, die ich zuvor noch nicht gesehen hatte und viel schöner waren, als die Empfehlungen vom Lonely Planet, die ich im letzten Jahr abgeklappert hatte. 

Als es langsam dämmerte gingen wir von der 181. zur 162. Straße hinunter, holten uns Tacos am Truck, Getränke im Deli und gingen schließlich zum gratis Open Air Kino in dieser Nachbarschaft. Sie spielten "Zurück in die Zukunft" direkt vor der ältesten Villa New Yorks, die wir uns vor dem Film noch anschauten. Sie ist traumhaft. Auf einem kleinem Hügel, mit einem schönen Garten rundherum und einer weißen Terrasse. Und dann kam Marty McFly...

 

Heute, Freitag gibt es zur Abwechslung wieder nicht wirklich etwas zu erzählen. Endlich regnete es und ich verbrachte den ganzen Tag an der Arbeit und machte mein Zimmer, Video und Audio für meine Installation fertig, die morgen startet. Samstag und Sonntag werde ich also hier im Apartment verbringen und hoffentlich Leuten mein Projekt zeigen. Aufregend...