Tag 48

Bushwick Arts Festival

Heute startete das Bushwick Arts Festival. Es regnete in Strömen. Ohje... 

Aber egal, nachdem ich am Morgen erst einmal eine Weile mit meiner Familie geskypt habe, half ich Stephanie ihre Kleider aufzuhängen und machte mein Zimmer fertig. Auf der Webseite des Festival stand, dass die Studios zwischen 12 und 19:00 Uhr besucht werden können. Das fanden wir um 12:30 heraus. Ups. Ich rannte schnell mit einem Gaffa-Tape nach unten und klebte alle Panickstangen an den Türen an, damit sie offen bleiben. Russ hing Schilder an die Türen und ins Treppenhaus und ich verteilte noch ein paar Flaschen im Stiegenhaus, am Weg zu unserer Wohnung. 

Und dann dauerte es tatsächlich gar nicht lange, bis die ersten beiden Besucher in unserer Küche standen, wo wir uns gerade unterhielten. Wir zeigten ihnen alle drei Räume und quatschten ein bisschen, sie waren sehr interessiert. Sie starteten mit Mirellas Galerie ihrer Malereien und Fotografien, sie hat wirklich tolle Werke ausgestellt und ihr Studio ist ein Traum. Als zweites gingen sie in mein Zimmer und waren sogar noch ein Stück mehr begeistert. Ich erzählte ihnen von meinem Projekt, sie fragten viel nach. Auch Stephanies Mode und vor allem ihr Portfolio kam bestens an. Yey. Die ersten Besucher verließen unser Loft begeistert. 

Über die nächsten Stunden kamen immer wieder Leute hereinspaziert, zögernd sahen sie sich um und wir mussten ihnen immer ein bisschen Mut zusprechen, dass sie einfach herumlaufen können und sich alles ansehen dürfen. Auch das Loft an sich, was natürlich einige begeisterte. 

Am Ende waren es nicht wahnsinnig viele Leute, vielleicht 10 oder 15, die den Weg in unser Loft auf sich genommen haben. In ganz Bushwick gab es heute unzählige Ausstellungen, Installationen und Dinge, die die Besucher abklappern konnten, die Liste der Veranstaltung war lang und bei dem Regen schienen sich die Leute das gut einzuteilen, sprich: An welchen Häuserblocks gibt es die meisten Studios zu sehen. Hier bei uns gibt es zwar ein paar aber auch nicht wahnsinnig viele. Vielleicht war es das, vielleicht der Regen. Aber ich war ganz und gar nicht enttäuscht, die Leute die hier waren, waren durchwegs begeistert und interessiert. Deshalb fühlte es sich trotzdem wie ein großer Erfolg an. Ein Mädchen saß sogar ziemlich lange in meinem Raum und hörte sich die Geschichte, die ich (auf Ton aufgenommen und mit dem Text auf dem Beamer versehen) abspielte zweimal an. Sie redete danach mit mir über den Inhalt und ich freute mich sehr, dass sie genau den Punkt der Geschichte ansprach, der mir wichtig war. Ich glaube sie war die einzige, die nicht das Projekt im Vordergrund sah, sondern die Geschichte und die hat sie sich durch den Kopf gehen lassen, das freute mich.

Sie sagte, dass meine Installation und die Art und Weise wie ich die Geschichte präsentierte genau zu der Stimmung passt, die der Text an sich kreiert. Danke! Sagte ich leise zu mir selbst, sie hat es verstanden. Wir redeten also eine Weile über den Inhalt, darüber wie man Dinge beschreibt, die man nicht sehen oder anfassen sondern nur fühlen kann. Genau das, was ich in der Geschichte versucht habe hervorzubringen. Und darüber, wie ein dunkler, leerer Raum für zwei Menschen komplett unterschiedlich wahrgenommen werden kann, weil ein Großteil von dessen, was wir glauben über unsere Sinne aufzunehmen, eigentlich von unserem inneren Gefühl geformt oder zumindest beeinflusst wird. Ein dunkler, leerer Raum, den man sich mit einer anderen Person teilt, kann romantisch, beängstigend oder erdrückend sein. Das liegt aber nicht am Raum, sondern am Gefühl, das man in sich trägt. Die Situation. 

 

Am Ende habe ich das Gefühl, dass es ziemlich gerecht aufgeteilt war. Manche Besucher hatten am meisten Interesse an Stephanies Mode, andere an Mirellas Kunst, wieder andere an meinem Projekt. Es war cool, dass wir so unterschiedliche Dinge präsentierten und alle gutes Feedback bekamen. 

Mal sehen, ob das Wetter morgen auf unserer Seite ist und ein paar mehr Leute herein lockt. Ich werde mich morgen um 18:45 aus dem Staub machen und über die Straße in das Gebäude gegenüber gehen um mir erstens noch schnell die dortigen Ausstellungen anzusehen, von denen ich gehört habe, dass sie ganz toll sein sollen, und um zweitens um 19:00 Uhr Jon (neben Patrick und Chris der dritte Besitzer des Café Beit) dort spielen zu sehen. Ihn habe ich noch nicht live performen gesehen, deshalb bietet sich das bestens an. Vielleicht schaut er auch vorher bei mir vorbei, wer weiß.

 

Heute Abend wollte ich unbedingt noch raus, weil wir den ganzen Tag in der Wohnung verbringen mussten. Deshalb begleitete ich Stephanie zum Babysitten an die Upper East Side. Sie sittet für die Familie seit Jahren und hat nachgefragt, ob sie mich heute mitbringen kann – es sei gar kein Problem. Jeden Samstag nimmt sich das junge Ehepaar einen schönen Abend zu zweit und Stephanie sahnt ganze 20$ in der Stunde ein (was super wenig ist, anscheinend) und zusätzlich darf sie sich auf Kosten der Eltern Essen bestellen. 

Ich durfte das erste Mal in ein Wohnhaus mit Doorman gehen. Er hielt uns in seinem schicken Frack die Tür auf, er kennt Stephanie. Auch an der Rezeption reichte ein netter Blick von ihr und der Typ wusste Bescheid: Zu den Cohens in 11E. Es war super schick dort. Schon der Aufzug und der Gang zur Wohnung war so schön, wie ich mir das Plaza oder sonstige 5th Avenue Hotels vorstelle. 

Die Wohnung versetzte mich dann noch einmal in Staunen. Drei Badezimmer, drei Schlafzimmer, ein großes Spielzimmer, ein großes Wohnzimmer und eine vergleichsweise kleine offene Küche - aber diese Leute kochen wahrscheinlich nicht so oft selbst. Schwarzer Fischgrätenboden, graue Wände, weißer Stuck. Große Fenster über die Dächer der Upper East Side. 11. Stock. Das Ehepaar war noch zuhause und wir quatschten ein bisschen und unterhielten nebenbei die Kinder, die sich riesig über Stephanie freuten. Das 5-jährige Mädchen Layla im Prinzessin-Kleid, der Junge 3-jährige Noah spielte mit seiner Dinosaurier Sammlung, von denen er alle Rassen beim Namen kannte. Danach spielten wir ein bisschen im Spielzimmer, Stephanie brachte Geschenke, weil Noha am Montag Geburtstag hat und wir bauten einen leuchtenden Dinosaurier zusammen und beklebten ein Schloss mit Glitzersteinen. Ich konnte schnell verstehen, wieso sich Stephanie nicht von ihnen trennen kann. Sie fing an die Kinder zu sitten, als sie an der Uni war und müsste es jetzt, mit ihrem Job, nicht mehr aus finanziellen Gründen machen, bringt es aber nicht übers Herz zu kündigen. Verständlich. Die beiden Kids sind unglaublich toll. Stephanie badete dann einen nach dem anderen in der Wanne und ich unterhielt abwechselnd Layla und Noah mit ihren Spielsachen, sie waren sofort super freundlich zu mir und hatten keine Scheu mit mir zu spielen und zu reden. 

Layla erzählte mir die witzigste Geschichte, die sie allerdings unglaublich traurig machte. Sie erklärte mir, dass sie vor hatte ihre beste Freundin zu heiraten aber diese Woche hat sie von zwei Jungs aus dem Kindergarten erfahren, dass Juden nur andere Juden heiraten können und ihre Freundin ist leider nicht jüdisch. Deshalb war sie sehr traurig. Sie fragte mich, ob Gott vielleicht ihre Freundin noch jüdisch machen könnte. Und dann war ich schon ein bisschen überfordert. Immerhin wusste ich nicht, was ihre Eltern davon halten, wenn ich ihr erzähle, dass das nicht in Gottes Hand liegt. Also sagte ich nur, dass es gut sein kann, dass sich diese Regel ändert, bis sie erwachsen ist. Vielleicht dürfen Juden dann auch Leute anderer Religionen heiraten, das kann gut sein. Ich sagte auch, dass Erwachsene ihre Religion auch selbst ändern können, wenn sie wollen. Vielleicht würde ihre Freundin das später machen wollen... Aber es sei ja noch Zeit. Darauf hin sagte sie: "So viel Zeit ist da nicht, ich bin schon fast 6. Und bald erwachsen." Immerhin schien es kein Thema für sie zu sein, dass sie ihre Freundin heiraten will - das ist schon einmal ein guter Anfang. 

Vor dem Schlafengehen machten wir mit dem neuen Leucht-Dinosaurier und ihren Leucht-Schlafanzügen eine Leucht-Party im Dunklen, dann durften beide noch ein Buch aussuchen, dass ihnen Stephanie vorlas und dann hies es ab ins Bett. Der Widerstand war zwar da aber nicht zu lange. Sie brachte erst Noah dann Layla ins Bett, und sang ihnen noch was vor. Ich bestellte solange Essen. Die Mutter bestand darauf, dass ich natürlich über ihren Account mit bestellen dürfte. Gar keine Frage. Beide Kids kamen noch einmal aus ihren Zimmern, sie brauchten Stephanie noch einmal, dann war aber Ruhe. Wir aßen am schicken Esstisch und schauten zur Abwechslung richtiges Fernsehen, bis die Eltern um kurz nach 11 wieder nachhause kamen. Es war cool das mal zu sehen. In meiner Vorstellung war Babysitten die Hölle, aber wenn man so süße Kinder hat, kann ich mir doch vorstellen, dass das ein schöner Nebenjob ist. 

 

(Ich habe hier noch einmal mein Video zum Projekt selbst herein gestellt, das kennt ihr ja bereits. Ich versuche euch morgen auch noch das neue, das der "Lesung" des ersten Kapitels online zu stellen.)