Tag 52

Rockaway Beach

Ich habe gestern einfach vergessen noch was zu schreiben. Als ich im Bett lag ist es mir eingefallen, aber da war ich schon zu müde. Eigentlich wollte ich gestern Vormittag meine Handtücher und Bettwäsche waschen gehen, weil ich das Gefühl habe, bei der Hitze muss ich die Laken um einiges öfter waschen als sonst. Im Moment sind die Nächte wieder fast nicht auszuhalten. Das Problem ist, dass die Luft in meinem Zimmer  heiß und stickig wird, wenn ich die Türen zu mache. Ich kann sie aber oft nicht offen lassen, weil im Wohnzimmer und in der Küche ein Kommen und Gehen ist, dass ich keinen Schlaf bekommen würde. Durch die Fenster im Wohnzimmer kommt Nachts ein angenehmes Lüftchen, das es aber leider nicht in mein Zimmer schafft. Das wird zur Sauna. Ich wache dafür jetzt früher auf, als sonst. Schweißgebadet und fühle mich, als würde ich ersticken. Wenn ich so zum Sonnenaufgang aufwache, reiße ich beide Türen auf und lege mich noch einmal hin. Dann scheint zwar die aufgehende Sonne in mein Gesicht aber zumindest kann ich atmen. Denn um 6 Uhr Morgens ist bestimmt niemand in den Gemeinschaftsräumen. 

Vor ein paar Tagen habe ich wieder mit Maja telefoniert und sie fragte mich, wie es für mich mit der Hitze läuft. Sie kennt das Thema nur zu gut. Sie wohnte auch zwei Jahre lang ohne Klimaanlage hier. Sie gab mir den Tipp eine Schale voll Eis vor meinen Ventilator zu stellen. Ich habe das gestern ausprobiert, das hilft tatsächlich ein bisschen. Ich bin sogar Nachts einmal aufgestanden um wieder frische Eiswürfel nachzufüllen. 

Am Mittwoch Morgen wachte ich also wieder früh auf, duschte mich eiskalt ab und schrieb weiter an meiner Geschichte, die ich eigentlich hoffte bald fertig zu haben, aber sie nimmt kein Ende. Ich habe das Ende zwar ungefähr im Kopf aber der Weg dort hin dauert doch länger als gedacht. Aber so ist das eben, ich muss ihr so viel Zeit geben, wie sie braucht, um zum Ende zu kommen. Ich schrieb bis 2Uhr Nachmittag und widmete mich dann wieder meinem Projekt. 

 

Brian hatte gestern den wahrscheinlich tollsten Arbeitsplatz auf Erden. Er machte Set-Dressing an einem Strandhaus in Rockaway Park. Rockaway ist eine Insel im Südosten von Brooklyn, in der Nähe des JFK Flughafens. Während Coney Island aufgrund des alten Vergnügungspark so schön ist, ist Rockaway ein besserer Strand an sich. Er ist riesig und die Wellen auch. Ich nutzte also wieder einmal aus, dass er mit dem Auto unterwegs ist und vereinbarte, dass ich am Nachmittag mit der U-Bahn hinfahre, ein bisschen bade und er mich nach seiner Arbeit auf seinem Heimweg zurück nach Bushwick mitnimmt.

Zuerst machte ich mich aber mit meinen Flaschen auf zur Myrtle-Wyckoff Station in Bushwick, wo ich noch mehr Geschichten verbreitete. Das dauerte dieses Mal zum Glück nicht sonderlich lange und gegen 15:00 Uhr hüpfte ich von dort aus in die U-Bahn und fuhr zum Strand. 

 

Als ich an der Station "Seaside" ausstieg, konnte ich bereits die gute Meeresluft riechen. Die Station ist ein wenig abseits von dem "Zentrum" in Rockaway, es waren also vorwiegend Wohnhäuser, kleine Holzhäuser mit breiten Terrassen und Condos. Die USA-Fahnen wehten von den Balkonen und die Bewohner trugen ausschließlich Badehosen und FlipFlops. Wieder eine andere Mentalität hier. Am Boardwalk am Strand angekommen, überraschte mich eine unglaubliche Stille. Der Strand ist so  lang, dass sich die Menschen gut verteilten, der Boardwalk so breit, dass die kleinen Straßen völlig unbemerkt auf der anderen Seite an ihm vorbeiziehen. Ein kleiner Abschnitt zwischen Boardwalk und Strand wurde frisch bepflanzt und hinter dem satten Grün legte sich mir der feine braune Sand zu Füßen, der in der Ferne in das weite blaue Nass überging. Ich stand eine Weile am Geländer der Promenade und blickte hinaus. Es war so still. Einzig die Melodie der Meeresbrise war zu hören und dazu der Rhythmus der brechenden Wellen. 

Nachdem ich die friedliche Idylle dieses Ortes in mich eingeatmet hatte, drehte ich mich noch einmal zu der weißen Häuserfront um. Ich musste erst bei Brian vorbei schauen, der hat nämlich immer Badehandtücher im Auto. Sowas besitze ich hier noch nicht und meine beiden Handtücher sind zu schade, um sie in den Sand zu legen. an der Beach 109th Street sollte das Set sein. Die Straßen rundherum waren bereits für den Dreh markiert, der findet aber erst am nächsten Tag statt. Ich traf ihn vor einem kleinen Bungalow, holte das Handtuch aus dem Auto, noch einen Cream Cheese Bagel aus dem Deli nebenan und legte mich dann endlich auf den warmen Sand, so nah wie möglich ans Wasser. 

Ich las mein Buch, hörte auf einem Ohr Jazz und auf dem anderen das Meeresrauschen. Nach ungefähr einer Stunde, vertieft in den Genuss dieser drei Dinge, überraschte mich das Wasser an meinen Zehen. Ich schreckte auf und rettete gerade noch meine Tasche. Ich blickte mich um. Das Wasser hat einige Meter hinzugelegt und die Wellen wurden größer und größer. 

 

Gegen 18:00 Uhr, als die Wolken gerade wortwörtlich einen Strich durch meinen Traum-Strandtag zogen, meldete sich Brian, dass die Arbeit getan sei. Er kam noch auf einen Sprung zum Strand und dann packten wir zusammen. Mit dem Auto inklusive Rush-Hour waren es nur 40 Minuten zurück nach Bushwick – definitiv schneller als mit der U-Bahn. 

 

Ich lud ihn als Dankeschön noch auf eine Pizza auf der Dachterrasse ein – es war gestern der längste Tag des Jahres, also Sonnenwende. Die Sonne ging aber trotzdem irgendwie wie immer um 8:30 Abends unter. Dann musste der Arme wieder zurück nach Upstate und ich freute mich heimlich, dass ich die Stadt so schnell nicht wieder verlassen musste.

Den restlichen Abend verbrachte ich mit Stephanie und Jonathan im Wohnzimmer. Jonathan baut zur Zeit einen ganzen Haufen Möbel für ein Restaurant – ein Job, den er hier spontan letzte Woche bekommen hat, weshalb er jetzt Tag und Nacht am Werken ist. Stephanie wird währenddessen immer aufgeregter für das bevorstehende Pride Wochenende.