Tag 53

Brooklyn Bridge

Könnt ihr es glauben, dass ich seit ich am 1. Mai hier angekommen bin, noch nicht einmal über die Brooklyn Bridge gegangen bin? Ich konnte es jedenfalls nicht, als mir das heute aufgefallen ist. 

Ich habe schon ein paar Mal daran gedacht, aber mir immer wieder gesagt, das wird sich schon mal ergeben, wenn ich in der Nähe bin. In der Nähe war ich auch des Öfteren aber ergeben hat es sich nie. Das Problem ist, dass die eine Seite der Brooklyn Bridge, auf der Brooklyn-Seite, total blöd zu erreichen ist von meinem derzeitigen Wohnort aus. Im letzten Jahr fuhr ich dort täglich sowieso vorbei, auf meinem Weg nach Manhattan. Jetzt, von Bushwick aus, fährt der L-Train weiter im Norden auf die Insel. Wie auch immer, mir wurde bewusst, dass ich dringend wieder auf meine Lieblingsbrücke musste. Obwohl ich auch merkte, dass es sich gar nicht so anfühlt, als wäre es so lange her. Ich glaube, die Tatsache, dass ich sie ständig sehe und auch das Gefühl, dass ich jederzeit über sie spazieren könnte, tragen dazu bei, dass ich bisher ganz gut ohne sie ausgekommen bin. 

 

Ich wachte heute wieder sehr früh auf. Um ungefähr 6 Uhr Morgens konnte ich die Hitze nicht mehr ertragen. Ich öffnete alle beide Türen und versuchte noch ein bisschen Schlaf zu bekommen. Viel länger gelang es mir aber nicht. Also machte ich mich eben ans Schreiben. Es war gut so früh anzufangen, denn ich kam richtig gut in Fahrt. Ich schrieb den ganzen Vormittag und frühen Nachmittag bis 3 Uhr durch. Meine neue Geschichte ist wahrscheinlich ein bisschen zu lang für Narrating City aber ich wollte auch kein Ende erzwingen. Also tippte ich weiter. Gegen 15:00 Uhr wollte ich aber dringend raus. Und endlich wieder den schönen Spaziergang über die Brooklyn Bridge wagen. 

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, ich entschied mich für die Logischste. Ich nahm den L-Train nach Manhattan zum Union Square, stieg in den 5-Train um und fuhr damit nach Downtown bis zur City Hall. Dort beginnt die Brooklyn Bridge. Mein Plan war auf der anderen Seite im Brooklyn Bridge Park ein bisschen zu lesen und vielleicht weiter zu schreiben.

Die Souvenir-Stände an der Brücke verkaufen jetzt auch Fidget Spinner! Nur so nebenbei. Nachdem ich die fünfte Gruppe Deutscher Touristen passiert hatte, steckte ich mir meine Kopfhörer in die Ohren und blendete sie alle aus. Ich bemerkte, dass die Baustelle in der Mitte der Brücke endlich weg war und der Spaziergang noch ein bisschen schöner ist, als im letzten Jahr. Außerdem wurden alle Schlösser entfernt und stattdessen Schilder aufgehängt, dass es verboten sei an der Brücke Schlösser anzubringen. Mein Herz hüpfte. Danke New York! Ich kann sie nicht mehr sehen. 

 

Im Brooklyn Bridge Park angekommen tat ich genau das, was ich mir vorgenommen hatte. Die Schlange im Shake Shack war zu meiner Überraschung super kurz, deshalb holte ich mir einen "Fifty-Fifty" (Limonade und Grüntee-Gemisch) und setzte mich an einen der Tische am Pier. Eine Weile starrte ich nur auf das Wasser, die Skyline und die beiden prächtigen Brücken vor mir. Zum unzähligsten Male überwältigte mich die Schönheit der Stadt. Lässt das denn eigentlich nie nach? Dann las ich ein paar Kurzgeschichten aus meinem Buch "Difficult Women", das ich immer noch nicht fertig habe, aber sehr genieße. Ich kann es nur weiter empfehlen! Die Sonne prallte mir auf die Schultern, also versuchte ich gar nicht erst meinen Laptop auszupacken, ich würde am Bildschirm sowieso nichts sehen können. Stattdessen genoss ich noch ein bisschen mein Buch und die Stimmung. Gegen 18:00 Uhr machte ich mich auf den Heimweg. Der nun etwas umständlicher war. Ich spazierte hoch zur High Street, der nächstgelegensten U-Bahnstation, die mich im letzten Jahr immer so schnell praktisch nachhause brachte. Dort hatte ich Glück, der Express A-Train kam sofort. Damit musste ich ganz weit in den Norden fahren, bis zur Broadway Junction, wo ich in den L-Train wechseln konnte, um wieder ein Stück zurück zur Jefferson Station zu fahren. Beim Umsteigen hatte ich wieder Glück. Mit dem Buch und den Klimaanlagen in den Zügen war es am Ende gar nicht so schlimm.

 

Zurück zuhause legte ich mich mit dem Laptop in die Hängematte und schrieb weitere zwei Stunden bis die Geschichte tatsächlich zu einem Ende kam. Ich werde sie morgen noch einmal lesen und sehen, ob ich sie noch gut finde, oder das Ende noch ein bisschen umändern will. Mal sehen... 

Dann kochte ich für Jonathan und mich  Abendessen. Er hatte den ganzen Tag an den Möbeln gearbeitet, die er für ein Restaurant in unserer Wohnung baut und wie ich richtig vermutet hatte, auf das Essen vergessen. Ich machte Pasta, durfte ein bisschen Hühnchen von Russ stibitzen und machte noch einen großen Salat dazu. Wir aßen und hatten endlich einmal wieder Zeit in Ruhe zu quatschen, die kurze Essenspause wurde zu einem langen, guten Gespräch über New York unsere beider Projekte, Arbeit, Van-Leben und die Zukunft. 

 

Währenddessen kam Stephanie mit einer alten Freundin nachhause, die für eine Woche zu besuch ist und gerade aus Cuba kam. Ich traf die beiden kurz nach dem Sonnenuntergang auf dem Dach. Wir hatten Bier und Eis – ja tatsächlich zur selben Zeit – und dabei eine Menge Spaß. Sie wird uns am Wochenende zu den Pride Veranstaltungen begleiten.