Tag 57

Pride Pride Pride

 

Es ist jetzt Dienstag, 6:52 Uhr Morgens. Ich kann nicht mehr schlafen und schulde euch noch einiges an Erzählung, deshalb klappe ich ausnahmsweise meinen Laptop einmal vor dem Frühstück im Bett auf. Ich spule zurück. 

 

Samstag

Stephanie, Diana und ich machten uns einen schönen Abend. Wir gingen zum Clam Shack nicht weit von uns, an der Ecke Morgan und Johnson. Es ist ein kleines Restaurant mit Außenbereich, das Steph und ich schon länger einmal ausprobieren wollten, weil wir ständig daran vorbei laufen. Als wir dort ankamen wurden wir von lauter Musik und tanzenden Menschen überrascht. Es war eher spät für's Abendessen (ca. 10:00 Uhr) und das Restaurant hat sich in eine Bar/Club verwandelt. Trotzdem gab es Essen für uns und als Beilage viel zu sehen. Danach sprangen wir in den L-Train und fuhren ins Village. Das heißt im Slang ins Greenwich Village. 

Der Zug war voll und man konnte das Pride Wochenende in jedem Wagon bemerken. Als wir an der Jefferson einstiegen, saß uns ein junger Mann gegenüber, der uns sofort ins Auge stach. Und weil man in New York sowas immer auch sofort aussprechen muss, warf ihm Stephanie ein Kompliment für sein Outfit von der Bank gegenüber zu. Er nahm seine Kopfhörer aus den Ohren und bedankte sich. Und schon waren wir im Gespräch. Der junge Mann, der Michael hieß, hatte goldene Haare, einen blauen Bart, roten Lippenstift, ein tolles Outfit aus Crop-Top und Rock an, und blaue High Heels. die er mit Mardi Gras - Perlenketten in Regenbogenreihenfolge umwickelt hat. Er erklärte uns, dass die Farbe seiner Haare lediglich aus der Sprühdose kommt und auswaschbar sei, er ist immerhin Lehrer... Er stieg am Union Square aus, war am Weg in die Webster Hall und wir fuhren noch zwei Stationen weiter an die 8th Avenue, von wo aus wir durch die schönen Straßen des Greenwich Village, durch Carrie's Viertel, in Richtung Clubs spazierten. Als erstes gingen wir ins Boots and Sattles, dort war gratis Eintritt. Wir quetschten uns vor zur Bühne und sahen uns eine klassische Lip Sync - Drag Show an. Es war toll. Ich mag es, wie die sich selbst immer nur so halb ernst nehmen und einfach alles Show ist. Alles. Diese Leute sind Kunstwerke in sich selbst und wissen sie zu präsentieren. Immer mit einem Augenzwinkern. 

 

Danach wollte Stephanie unbedingt noch ins Monster, den Club, in dem wir auch vor ein paar Wochen mit Mirella und Maja waren. Er ist gleich gegenüber, die Schlange davor ein bisschen länger aber es dauerte nicht lange. Steph lud uns auf den Eintritt ein, weil sie wusste, für uns wäre er es nicht wert. Dort tanzten wir dann gefühlt die restliche Nacht hindurch. Tanzen in diesen Clubs ist toll, so ungezwungen. Wir lernten eine Gruppe von jungen Männern aus Boston kennen. Es waren vier glaube ich. Sie waren seit der Schule beste Freunde. Einer von ihnen hat sich vor einem Jahr geoutet und jetzt haben sie ihn für das Pride Wochenende nach New York eingeladen und gehen mit ihm in diese Clubs, in denen sie vorher noch nie waren und sind in einer Szene unterwegs, in die sie eigentlich nicht passen. Einer von ihnen sagte aber: "Ich war voll nervös hier her zu kommen und jetzt glaube ich, ich hatte noch nie so viel Spaß beim Tanzen, wie hier." Meine Rede. Wir lernten noch einen Haufen anderer Leute kennen, es war toll. Als wir gegen 3:00 Uhr den Club verließen, hatte ich das Gefühl alle dort drinnen zu kennen (was natürlich Quatsch ist und völlig unmöglich). Aber das Gefühl war wichtig. 

 

Am Heimweg machten wir einen Pan. Diana wollte nichts als ins Bett aber Steph und ich wollten noch eine Kleinigkeit ausprobieren. An unserer U-Bahnstation in Bushwick gibt es diese Location: House of Yes. Ich habe schon so viel davon gehört, die verrücktesten Parties, die krassesten Geschichten, diese Venue ist schon fast Kult. Sie ist auf jeden Fall in New York für ihre schrägen Parties bekannt und nicht selten sehe ich Nachts eine Schlange verrückt gekleideter Menschen am Eingang. Heute sollte eine Rollerskater-Disco stattfinden, die wir eigentlich noch besuchen wollten. Nun war es super spät, fast 4:00 Uhr und wir befürchteten das Rollerskaten ist bereits vorbei. Aber die Party noch nicht. Wir nahmen uns also vor, nachzufragen, ob wir vielleicht ohne zu bezahlen kurz rein schauen dürften. Sogar Stephanie war noch nie dort gewesen und schon seit langem neugierig, wie der Laden von drinnen aussieht. 

Wir fragten die Türsteher, ob sie noch immer Eintritt kassieren. Sie nickten. Stephanie erklärte, dass wir um die Ecke wohnen und nur mal neugierig wären, wie es drinnen aussieht. Dürften wir vielleicht kurz so rein? Der Türsteher wusste nicht recht wie er antworten soll und sah sich hilfesuchend um. Unweit von uns entfernt stand ein junger mit Glitzer besprühter Mann beim Rauchen der ihm grinsend zunickte – "ja, lass sie rein, geht auf mich!" Wie das "auf ihn" geht weiß ich zwar nicht aber egal - wir waren drin. Und Oh mein Gott! Was für eine Location. Am Eingang wurden wir erst einmal geschminkt. Mit Glitzer und noch ein bisschen mehr Glitzer. Den Rest kann ich nicht beschreiben, es war groß, es war viel und es war extravagant. Es war toll! Wir tanzten so lange unsere schmerzenden Füße es noch zuließen und gingen dann die zwei Blocks nachhause, während wir davon schwärmten, dass das House of Yes ein einziges Erlebnis ist. Die Eintritte dort sind zwar immer ziemlich teuer, aber wir waren uns einig: Es ist es wert, wenn man den ganzen Abend dort verbringt. Die haben sogar einen Jacuzzi am Dach :-)

 

Sonntag.

Wir schliefen aus. Wobei ich aus irgendeinem Grund wieder nicht wirklich lange schlafen konnte. Um 9:00 Uhr war ich auf. Also blendete ich das ganze Pride Spektakel für ein paar Stunden aus und holte mir mit dem Schreiben ein bisschen Alltag zurück. 

Wir machten uns erst am Nachmittag auf den Weg. Die Pride Parade ging den ganzen Tag, also hatten wir keine Eile. Wir hatten Spaß uns für die Parade zu stylen. Falsche Wimpern, Blumen in den Haaren, Baby-Spice-Buns, Regenbogen-Plateauschuhe und Regenbogen Hosenträger. On point! 

Wieder nahmen wir den L-Train ins Greenwich Village, wie am Vorabend. Dieses Mal gehörten wir zu denen, die auffielen. Eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter fragte uns, wo sie am besten hinfahren soll um sich die Parade anzusehen. Stephanie konnte ihr mit Tips helfen. Am Ende nahmen wir sie einfach bei der Hand – wortwörtlich, weil die Tochter wollte unbedingt mit uns mitgehen. Wir nahmen sie mit zur Christopher Street wo wir sie verabschiedeten und wir uns in die Menschenmasse stürzten. 

Die Parade war toll. Ich habe gestern einen mucbook Artikel darüber geschrieben, also am besten lest ihr alles dort am Donnerstag nach. Ich habe keine Lust noch einmal zu erzählen :-)

 

Am Abend waren wir zurück in der Wohnung und natürlich müde und k.o. Aber ich musste noch einmal raus. Jonathan fährt am Dienstag wieder weiter und hat sich gewünscht, dass wir noch einmal zusammen ins Nowadays gehen. Mike und Russ waren auch dabei. Das Nowadays ist eine Outdoor-Location in Ridgewood, Brooklyn, drei oder vier U-Bahnstationen von uns entfernt. Dort gibt es einen Foodtruck, eine Bar, Tischtennis Tische, eine Tanzfläche und ganz viele Picknicktische. Tags und Abends (bis Mitternacht) meistens tolle Veranstaltungen. Es war schön, Quality-Time mit den Jungs, wie im letzten Jahr. Als neben uns die Deko einer vergangenen Party aufgeräumt wurde, staubten Mike und ich ein paar Dinge für das Loft ab. (Foto: Mike Silberzeug) 

 

Montag.  

Gestern freute ich mich wieder auf den Alltag. Ich nahm am Vormittag meine Klamotten und Bettwäsche und spazierte wieder in den Waschsalon. Es ist schon wieder Zeit, ich trug meine letzte Unterhose. Wieder kombinierte ich Wäschewaschen mit dem Einkauf im Supermarkt und hatte Mittag das Wichtigste erledigt. Danach schnappte ich mir meinen Laptop und spazierte  die Johnson Avenue ein paar Blocks in Richtung East Williamsburg. Zirka 10 Gehminuten von uns entfernt entdeckte Stephanie vor kurzem ein Café, von dem sie glaubte, dass ich es zum Schreiben lieben würde. Ich ging also ins Café Saints an der Meserole Street und liebte es tatsächlich. Es ist eine Garage eines Fabrikgebäudes, das bedeutet bei offenem Tor hat das Café nur drei Wände. Es ist simpel aber schön. Die Wände mit Graffiti bemalt, die günstigen Ikea-Balkontische und in der Fabrikhalle hinter der Bar wird der eigene Kaffee geröstet. Und ich musste lachen: es gab Lavendel-Latte und ich fragte mich, ob Patrick in meinem Interview von diesem Laden sprach. 

 

Gegen Abend traf mich Brian dort im Café, gerade rechtzeitig als mein Akku vom Laptop zu Ende ging. Er arbeitete in Red Hook an einem Film von und mit Louis C.K. und war früher fertig als gedacht. Ich hatte aber bereits Pläne bot ihm aber an mitzukommen. Im Nowadays war um 19:00 Uhr eine Lesung von vier jungen Autoren, die ich mir gerne ansehen wollte. Es war gratis also kam er spontan mit. 

Es war eine tolle Lesung. Zwei Autoren haben mir besonders gut gefallen: Chris Wolfe, dessen Buch allerdings erst erscheint und Charlotte Shane, deren Roman ich mir direkt kaufte und signieren lies. <3

 

Oh und noch was: AirBnB und Bus für Montreal sind gebucht! Vom 6. - 8. Juli :-)