Tag 61

Der Sturm nach der Ruhe

Mir geht es wieder besser. Brian brachte mir am Dienstag Suppe und Medizin vorbei und ich glaube ich tat ihm ziemlich leid. Er ist über 30 müsst ihr wissen und kann sich glaube ich gar nicht so richtig vorstellen, wie ich es überhaupt aushalte hier zu wohnen, haha. Jedenfalls hat er gemeint die ganze Sprayerei in der Wohnung sei sowieso schon viel zu giftig und wenn ich krank bin sollte ich vielleicht nicht unbedingt hier rumhängen. Er bot an, dass ich am Donnerstag während er in der Arbeit ist in seinem Haus in Poughkeepsie ausrasten kann. Klimaanlage, Hulu/Netflix und Ruhe. Das klang zur Abwechslung wirklich verlockend also nahm ich das Angebot an. In unserer Wohnung liefen die Vorbereitungen weiter auf Hochtouren und das war wirklich kaum auszuhalten. In Poughkeepsie verbrachte ich den Tag also auf der Couch, sah mir Broad City an und legte mich am Nachmittag, als es mir besser ging auf die Terrasse und las mein Buch. Er hat einen schönen Garten, der von einem Wald umgeben ist und es ist dort wirklich Unken-ähnlich still. Außerdem konnte ich  sogar am Stammtisch teilnehmen. Ich schaltete mich zu den Mädels in München über FaceTime dazu, das war schön. Fast so, als ob ich mit am Tisch säße, nur, dass ich nicht helfen musste beim Kochen :) Die Ruhe tat gut und ich fühle mich heute schon viel besser. 

 

Heute ist es wieder vorbei mit der Ruhe. Aber erst einmal erzähl ich euch von dem schönen Nachmittag, den ich hatte. 

Ich habe mich mit Stephanie nach ihrer Arbeit (Sommer-Freitag schon um 13:00 Uhr) in Manhattan getroffen. Ich habe gefragt, ob sie den schönen sonnigen Tag etwas in der Stadt machen will und sie war gerade auf dem Weg mit Arbeitskollegen in eine Rooftopbar nahe dem Herald Square, an der 35th Street und 7th Avenue. Deshalb hat sie mich kurzerhand eingeladen vorbei zu kommen. Dazu musste ich ins Renaissance Hotel. Als ich davor stand schaute ich mich um und sah das Schild der Bar, war mir aber nicht sicher, welchen Eingang ich benutzen musste oder durfte. Ich war nicht gekleidet für das Renaissance. Ich trug meine Jeans-Shorts, ein T-Shirt, Vans und meinen Rucksack. Nach ein bisschen überlegen versuchte ich doch den Haupteingang zum Hotel und der Rezeptionist kam mir schon entgegen: "Suchen Sie die Rock & Reilly's?" "Ja", antwortete ich ihm, "ich war mir nicht sicher, ob ich hier rein darf..." Er lachte und meinte er hätte schon gesehen, dass ich mich nach dem Schild umsah. Er begleitete mich zu einem der 6 Lifte, drückte auf einen Knopf und wünschte mir viel Vergnügen. Schick, schick. Oben angekommen erwartete mich eine sehr coole Bar. Sie war nicht sonderlich hoch, wir waren im 6. Stock oder so, aber die Terrasse und der Ausblick trotzdem sehr toll. In dieser Gegend in Midtown ist jeder Ausblick ein Traum. Ich fand Stephanie und ihre Kollegen und setzte mich dazu. Stephanie war die einzige Weiße, jetzt waren wir zwei. Die nächsten zwei Stunden waren der größte Spaß. Die Leute waren so unglaublich witzig und wir unterhielten uns alle bestens. Ich hatte nichts erwartet und war wirklich überrascht über die gute Unterhaltung. Ich wollte gar nicht mehr gehen. Nach zwei Stunden löste es sich aber langsam auf und alle bestanden darauf, dass ich nächste Woche wieder mitkommen soll. Sie waren super neugierig und wollten Deutsch lernen und wir unterhielten uns lange über Sprachen und Wörter, die Entstehung und alles drum und dran. Alle hatten andere Herkünfte und wir verglichen die unterschiedlichen Sprachen und Schimpfwörter und dergleichen. :-)

 

Danach machten Stephanie und ich uns auf den Heimweg. Als wir im L-Train waren, schlug ich spontan vor, im Café Beit vorbei zu schauen, weil ich schon ewig nicht mehr da war und Stephanie es schon lange mal sehen wollte. Perfektes Timing. Darrin, Jon und Patrick waren da und der Laden war praktisch leer. Das hieß viel Zeit zum Quatschen. Ich lies mich von Patrick beraten, was ich probieren könnte (nachdem ich mein Interview mit ihm geführt habe, traue ich mir kaum mehr einfach nur Cold Brew zu bestellen). Also machte er mir einen Iced Matcha mit Kokosmilch. Sehr fein. Wir saßen im Hinterhof und quatschten und quatschten. Meine Energie war zurück und wir hatten uns einiges zu erzählen. Stephanie verstand sich auch bestens mit den Jungs im Café und wir hatten eine Menge Spaß. Jetzt kenne ich ihre Kollegen und irgendwie sie meine. Immerhin sind das die Gesichter, die ich meistens um mich habe, wenn ich arbeite. 

Es war ein schöner Nachmittag und ich genoss wieder draußen, in der Stadt und in Gesellschaft zu sein. 

Als wir nachhause kamen, war die Party bereits voll im Gange. Diese Künstlerorganisation darf unser Apartment heute für ihre Veranstaltung verwenden. Das hatte ich bereits erwähnt. Die letzten Tage wurde hier alles – aber auch wirklich jeder freie Zentimeter – bemalt, besprüht und dekoriert. Es sieht verrückt aus. Schon auch toll aber auch sehr sehr bunt. Ich bin mir nicht sicher, wie ich das finde, wenn die Party vorbei ist und das wieder ein normales Wohnzimmer sein soll. Aber mal sehen. Meine Tür zum Wohnzimmer ist aus Glas. Sie war bisher ein bisschen besprüht, gerade so viel, dass man nicht durch sieht aber immer noch ein bisschen Licht ins Zimmer kommt, das ist jetzt vorbei. Meine Türen waren den ganzen Tag geschlossen, deshalb steht die heiße Luft in meinem Raum einfach nur so rum. Es ist extrem heiß hier. Mirella hat mir deshalb angeboten, dass ich in ihrem Zimmer schlafen kann, weil sie die Nacht bei ihrem Freund, unserem Nachbarn Trevor, schläft. Sie hat eine Klimaanlage! Ich habe mich also unglaublich über ihr Angebot gefreut. Zwar ist es hier drin auch sehr, sehr laut, aber zumindest kann man die Luft atmen. Es ist jetzt 00:40 und die Musik dröhnt noch durch die Räume. Eigentlich hieß es, ist die Party Mitternacht vorbei. Mal sehen, wann sie tatsächlich abdrehen. 

Wir Mädels haben uns vorhin ein bisschen aus dem Staub gemacht. Die Party hier sieht cool aus und alles, aber die Leute sind ein bisschen komisch und irgendwie waren wir alle nicht in Stimmung für den ganzen Trubel. Also gingen wir zwei Blocks weiter zum SeaWolf und hatten ein schickes, sehr spätes (22:00 Uhr) Abendessen. Wir saßen draußen, die Nacht ist schön angenehm warm und aßen Muscheln. Also ich. Die anderen was anderes, aber das ist nicht wichtig. Ich liebe Muscheln. Okay, ich versuche mal ob das mit dem Schlaf hier funktioniert... Drückt mir die Daumen. Gute Nacht. 

 

(Das erste Bild hat Mirella von mir analog geschossen, doppelt belichtet. Sie hat eine neue Kamera und sie zum ersten Mal ausprobiert.)