Tag 62 - glaube ich

Der Sturm nach dem Sturm

Ich bin mir mit den Tagen mittlerweile nicht mehr sicher. Das selbe ist mir auch im letzten Jahr passiert. Irgendwann ist es verwirrend, wenn ich nicht jeden Tag schreibe und immer zu unterschiedlichen Uhrzeiten... Aber egal. Dieser Eintrag handelt vom restlichen Wochenende, nach der Party am Freitag. 

 

Am Samstag traf sich Stephanie mit einer ehemaligen Professorin in Manhattan und wir vereinbarten, dass ich sie am Nachmittag dort treffe und wir etwas unternehmen. Bis dahin arbeitete ich ein wenig von zuhause aus. Dann machte ich mich auf den Weg in die Stadt und geriet als ich gerade am Union Square ausstieg in einen Sommer-Platzregen. Ich flüchtete kurzerhand in den Strand Bookstore – nur um trocken zu bleiben natürlich. Verdammt. Ich hatte vergessen, wie toll dieser Buchladen ist. Ich war gefangen. Ich kam nicht mehr raus. Eine Ewigkeit. Auf der einen Seite ärgerte ich mich darüber auf der anderen Seite genoss ich es in vollen Zügen durch die Regale zu stöbern. 

Als ich Strand wieder verlies war der Himmel wieder strahlend blau und die Straßen schon wieder fast komplett trocken. Ohje, wie lange war ich denn bloß da drinnen? Ich spazierte in Richtung Norden zum Madison Square Park, den ich sehr, sehr liebe. Er liegt direkt vor dem Flatiron Building, wo sich Stephanie und ihre Professorin trafen. Ich spazierte ein bisschen und setzte mich dann auf eine Bank im Park und las endlich mein Buch "Difficult Women" zu Ende. Ich holte mir einen Shake Shack Burger im Park und beobachtete gespannt die Leute. Verrückt, was man hier so alles entdeckt. Ein junger Mann tanzte wie wild mit geschlossenen Augen vor dem Springbrunnen mit seinen Kopfhörern im Ohr zu Musik und genoss die Aufmerksamkeit und war gleichzeitig völlig bei sich. Eine Gruppe von Leuten rannte mit Kameras umher und filmte einen jungen Mann dabei, wie er mit einer Whiteboard Tafel ein "real life Tinder" veranstaltete und junge Damen fragte, ob sie mit ihm ausgehen würden. 

Die Stimmung im Park war wunderschön und ich genoss die Einsamkeit inmitten all dieser unterschiedlichen Menschen. Etwas später traf ich mich mit Stephanie am Flatiron. Wir entschlossen am Abend ins Kino zu gehen und wollten die U-Bahn nach Soho nehmen und bis zum Filmstart ein bisschen in der Gegend spazieren. 

So einfach unser Plan klang, so verrückt kompliziert wurde die Reise nach Downtown. Vom Flatiron aus marschierten wir ein paar Blocks nach Westen, um zum F-Train zu gelangen. Dort angekommen stellte sich heraus, der F-Train fährt dieses Wochenende nicht. Während wir eine Alternativroute überlegten, bemerkte Steph, dass sie ihren Cardigan auf den Stühlen vor dem Flatiron vergessen hatte. Also wieder zurück. Er war noch da, zum Glück. Wir müssen also einen Umweg fahren. Erst ein paar Stationen uptown, also in die Gegenrichtung, um danach umzusteigen und in Richtung downtown zu kommen. Wir stiegen also in die Gelbe Linie, den N-Q-R- oder W-Train am Madison Square Park und fuhren zur 34th Street hoch. Dort stiegen wir in die Orange Linie um. Orange sind die Züge F, M, D und B. Zwei fahren jeweils die selbe Strecke, die anderen beiden biegen irgendwann in eine andere Richtung ab. Ein kleines Detail, das wir beide vor lauter Quatschen vergessen hatten. Als sich die Türen an der Grand Street Station schlossen sahen wir uns gegenübersitzend gleichzeitig erschrocken in die Augen. Grand Street? Ohje. Das bedeutet, wir sind im B oder D Zug, was wiederum bedeutet, Grand Street ist der letzte Stop in Manhattan. Es war aber zu spät. Schon waren wir auf der Manhattan Bridge über dem East River und fuhren geradewegs nach Brooklyn zurück. Oh nein. Wir wussten nicht recht ob wir uns ärgern oder darüber lachen sollten. Also entschieden wir uns für lachen. Wir waren im D Zug, eine Expresslinie, weshalb der Zug auch noch ein paar Stationen in Brooklyn durch zischte und erst an der Atlantic Avenue wieder halt machte. Das kostete Zeit... Wir stiegen aus und nahmen den Zug in die entgegengesetzte Richtung zurück. Mittlerweile fanden wir unsere sinnlose Fahrerei so amüsant, dass wir unsere eigene Broad City Episode erfanden und glauben, sie hätte sehr gutes Potential ausgestrahlt zu werden. 

 

Irgendwann, ca. 1,5 Stunden nachdem wir am Flatiron Building entschieden hatten nach SoHo zu fahren, kamen wir dort an. Dann checkten wir das Kinoprogramm noch einmal und stellten fest, dass das zu knapp wird. Also fanden wir ein anderes Kino, das den Film eine halbe Stunde später spielt. Und natürlich, das liegt an der 19th Street  – zwischen dem Union Square und dem Flatiron Building. Tränen lachend fuhren wir dort hin zurück.

Wir sahen "Rough Night" mit Ilana Glazer, Scarlett Johansson etc. Nach dem Film fuhren wir aber wirklich nach Brooklyn zurück. Mirella hatte uns in der Zwischenzeit per SMS mitgeteilt, dass in unserer Wohnung gerade eine Party gestartet wird. Von der wussten wir alle nichts. Scheinbar hatten irgendwelche Leute vor eine Party auf unserem Dach zu veranstalten, diese Leute wohnen nicht einmal hier. Russ erklärte ihnen, dass sie das nicht machen dürfen, wir könnten dafür Probleme bekommen. Es waren anscheinend 150 Tickets im Vorfeld verkauft worden. Tickets? Für unser Dach? Niemand hier würde Eintritt dafür verlangen und ich fand es schon einmal eine Frechheit, dass eine Handvoll Fremder für unser Dach Geld einnehmen würden. Mirella schrieb uns, dass Russ anscheinend den Leuten angeboten hat in unserer Wohnung zu feiern. Sie hatten sogar einen DJ dabei. Wir konnten es kaum glauben. Es war doch gerade erst gestern eine Party veranstaltet worden... 

Steph und ich waren genervt und wollten erst einmal vermeiden nachhause zu fahren. Also stiegen wir an der Graham Avenue in East Williamsburg aus und besuchten ihren Freund Gersom in der Bar, in der er arbeitet. 

Dort schlugen wir die Zeit ein wenig tot, bevor wir uns irgendwann nachhause aufmachten. Dort angekommen, war es wie erwartet. Unzählige Fremde. Ich checkte meinen Raum. Meine Türen waren geschlossen, mein Laptop und alles noch da – aber gut sichtbar am Schreibtisch. In meinem Raum stand Gerümpel von der Party vom Vorabend, den Russ offensichtlich einfach hier abgestellt hat, sodass ich kaum in meinen Raum konnte. Ich war auf 180. Die Luft stand wieder einmal, keine Chance in diesem Raum zu schlafen. Mirella gab mir wieder ihr Zimmer. Wir suchten nach Russ, konnten ihn nicht finden. Nur fremde Leute. Wir klopften an Mikes Zimmer, der ebenso genervt versuchte zu schlafen, er fühlte sich nicht gut. "Was meint ihr, Russ ist nicht da? Ist das nicht seine Party?" fragte er uns verwundert. Das dachten wir auch... Wir fanden unseren neuen Mitbewohner Coby (der ein guter alter Freund von Russ ist) am Dach und baten ihn, die Party sofort zu beenden. Er hatte keine Ahnung, dass wir darüber nicht informiert oder gefragt wurden und beendete die Party. Das ganze dauerte allerdings über eine Stunde, bis wirklich alle draußen waren. Ich verzog mich so lange in mein Zimmer und lies die "richtigen" Bewohner diskutieren.

Dieses Ereignis hat ein altes Fass nun zum Überlaufen gebracht. Hier muss ein ernstes Wort gesprochen werden, darüber sind sich alle einig. Die Stimmung ist dementsprechend gereizt seit Samstag Abend. 

Diesen Sonntag hatten wir trotzdem einen wunderschönen Tag. Den kann ich euch aber leider erst morgen erzählen, ich bin viel zu müde um das auch noch aufzuschreiben. Ich muss schlafen. Heute zur Abwechslung in meinem Bett, in gewohnter Hitze und ungewohnter Stille. Gute Nacht.