Tag 67 - 68

Montréal, Québec – Canada

Ich kann es gar nicht richtig realisieren. Bin ich wirklich gerade in Kanada? Ich verstehe kein Wort, also offensichtlich schon. Ich sitze auf dem Balkon meines AirBnB's (Freitag 18:15) und versuche mich mal zu erinnern, wie ich hier her gekommen bin... 

 

Da fällt mir ein, ich muss noch eine Sache vom restlichen Tag 66 erzählen (Mittwoch). Nachdem ich zurück in Brooklyn war, fragte mich Brian, ob wir am Abend noch was machen, weil er wieder in der Stadt gearbeitet hat. Aber klar. Immer. Anita und Andi erinnern sich bestimmt an das schöne französische Restaurant Mominette in Bushwick, wo wir mal in diesem wunderschönen Hinterhof gegessen hatten. Anscheinend sei das Restaurant seit dem letzten Jahr noch besser geworden, sie bieten jetzt $1-Austern an, die super lecker sein sein sollen. Ich hatte Stephanie vor Ewigkeiten einmal gefragt, ob sie mit mir dort hin geht und sie war natürlich Feuer und Flamme. Bis sie eines Tages auf ein Tinder Date ging und tatsächlich zufällig einen der Kellner dieses Restaurants zu daten begann. Sie hatten eine tolle Zeit und weitere 5 Dates. Seither ist es eher ruhig geworden. Jedenfalls konnte sie seitdem nicht mit mir hingehen, weil es so aussehen würde, als würde sie wegen dem Kellner dort Essen gehen. Ich war von Anfang an gegen die Idee auf ein Date mit ihm zu gehen, ich wusste, dass das passiert. Seitdem hatten wir diesen Running-Gag und ich hielt ihr mehrmals die Woche vor, dass ich wegen ihr nicht in dieses tolle Restaurant gehen kann. 

Vor ein paar Wochen, als Brian zu Besuch war, schlug ich es ihm vor. Seine Antwort: "Das klingt ein bisschen sehr schick..." Es wollte also irgendwie nicht hinhauen. Am Mittwoch schrieb mir Brian dann: "Kennst du ein Restaurant namens Mominette? Dort soll es super $1-Austern geben." Er hatte den Tipp von einem Arbeitskollegen bekommen und ich traute meinen Augen nicht. "Das hab ich dir vor zwei Wochen auch gesagt!" Antwortete ich ihm aber er konnte sich nicht mehr erinnern. *augenrollen* Wie auch immer, ich nutzte die Chance, woher sie auch kam und wir gingen endlich ins Mominette. Ich erkannte Thomás, den Kellner von Stephanie sofort an seinem Schnauzbart. Er sah super nett aus. Als er an unseren Tisch kam, sah er uns kurz an und meinte dann: "Ich weiß wer ihr seid. Ihr seid Freunde von Stephanie, richtig?" Ich war baff. Wie, woher, weshalb? Er klärte uns auf und meinte, sie hätte ihm eine SMS geschrieben, dass Freunde von ihr vorbei kommen würden und hat uns beschrieben. Offensichtlich ganz gut. Perfekt, jetzt hatten wir VIP Status und Thomás kümmerte sich ganz besonders gut um uns. Wir bestellten die Austern als Vorspeise, von jeder Sorte zwei – wir mussten schließlich alle durch probieren, obwohl wir natürlich beide keinerlei Ahnung von Austern haben. 

Trotzdem glaube ich, waren es die besten, die ich je gegessen habe. Nach der schicken Vorspeise bestellten wir weniger schick den Burger, peppten ihn aber mit Avocado, französischem Käse und Jalapenos auf. Ich war schon lange nicht mehr so satt. Trotzdem bestand Brian auf eine Nachspeise, weshalb ich auf Europäerin machte und mir einen Espresso bestellte. Das war alles, was möglich war. Dachte ich. Als er sein Mango-Eis bekam, konnte ich doch ein paar Löffel davon essen. Dann war aber schluss. Dachten wir wieder. Während wir auf die Rechnung warteten, fragte uns Thomás, ob wir eine Minute Zeit hätten, er hätte eine Kleinigkeit für uns an der Bar bestellt. Was? Nach dem ganzen fancy Essen jetzt auch noch gratis Cocktails? Ich war mittlerweile voll und ganz Team Thomás und nahm mir fest vor Stephanie zuhause eine Standpauke zu halten, dass sie diesen natten Kellner nicht entwischen lassen darf. 

Wir bekamen einen "Lucky Coco" im schicken Martini Glas und ich vergas für eine Weile, dass ich in Bushwick war. Obwohl alles sehr schick war, musste Brian zugeben, man fühlt sich trotzdem noch wohl. Es ist am Ende immerhin noch Bushwick und das heißt, dass auch die schicksten Restaurants keinen Dresscode oder sonstiges erzwingen. 

Wir waren noch eine Weile in meiner Hood unterwegs, bevor wir zurück zu meinem Apartment und Brians Auto kamen. Und dann lag der schöne Abend in Scherben vor uns: Jemand hatte in Brians Auto eingebrochen. Direkt vor meiner Haustür. Oh nein... Das Fenster der Beifahrerseite war eingeschlagen, der Stein noch am Armaturenbrett und sein ganzes Werkzeug, das er für die Arbeit braucht geklaut. Ohje. Als wir gerade dabei waren alles zu analysieren fuhr die Polizei vorbei und sah uns misstrauisch an. Wir erklärten, was passiert sei und der Polizist wollte erst einmal einen Beweis, dass es tatsächlich Brians Auto ist. Danach war er netter und entdeckte eine Kamera am Haus, die direkt auf das Auto gerichtet war. Er würde sich darum kümmern, sagte er: "Aber ehrlich gesagt, hier in der Gegend sind das mit Sicherheit nur ein paar Junkies, die nach schneller Beute suchten", und zuckte die Schultern. Da wir genau vor meinem Apartment standen fand ich diese Aussage um ehrlich zu sein ein bisschen verletzend und ich konnte mir einen bösen Blick in seine Richtung nicht verkneifen. Er sah mich aber nicht einmal an. Erst vor kurzem hatte ich ein Gespräch mit einem Nachbarn, wie schade dass es ist, dass so viele Leute glauben hier würden nur Junkies wohnen. Das ist ganz und gar nicht der Fall und die Folge in "Girls" in der unser Haus als Junkie-Höhle dargestellt wurde, half nicht wirklich dieses Vorurteil zu beseitigen. Wie auch immer, Brian war verständlicherweise super genervt sein Werkzeug und Fenster ersetzen zu müssen und ich von den anonymen Idioten, die meiner Nachbarschaft einen schlechten Ruf aufzwingen. 

 

Donnerstag

Am nächsten Morgen fuhr ich früh in die Stadt. Ich machte mich gegen 8:00 Uhr auf, ich konnte nicht mehr schlafen. Ich fuhr zum Union Square und machte einen großen Snack-Einkauf bei Trader Joe's für meine 9Stunden-Busfahrt. Danach fuhr ich weiter, an die 42. Straße zum Busbahnhof, der direkt gegenüber der New York Times liegt. Als ich vor dem großen Gebäude mit dem überdimensionalen Aufdruck der Zeitung stand, begannen meine Knie ein bisschen zu zittern. Es dauerte einige Moment, bevor ich meinen Blick wieder abwenden konnte und mich auf die Suche nach meinem Bus machen konnte. 

Um 11:00 Uhr reisten wir schließlich ab. Mit einem Greyhound Bus ging es erst nach Albany (endlich war ich auch einmal in der Hauptstadt New Yorks, wenn auch nur für eine Stunde) und danach weiter an die Kanadische Grenze. Unterwegs hielten wir einige Male und am Ende waren wir nur noch vier Leute im Bus. Verrückt. Zum Glück ging es deshalb an der Grenze aber super schnell. 

Mein erster Kontakt mit einem echten Kanadier in Kanada war wie zu erwarten: super freundlich und witzig. Der Polizist, der mich kontrollierte fragte mich ein bisschen aus und setzte vereinzelt trockene Scherze dazwischen, sodass ich nie genau wusste, wann die Frage ernst gemeint war. "Reist du alleine?" -"Ja" -"Hast du Freunde dort?" -"Nein" -"Das ist schlecht." -"äääh... wieso?" -"Hast du keine Angst?" -"Nein" -"Du weißt wir haben Bären in Kanada" -"Ach ja, stimmt. Ich bin aber nur in Montreal" -"Weißt du was man sagt?" -"Nein, was?" -"Du musst nicht schneller laufen können, als der Bär. Nur schneller als dein Freund" Ich lachte. "Also, wenn du alleine bist, ist das blöd" 

Nach ein paar weiteren Witzen dieser Art bekam ich schließlich meinen Stempel und ich durfte durch die nächste Tür hinaus und wieder in den Bus steigen. Mein Gepäck wurde nicht einmal kontrolliert. 

Eine gute Stunde früher als geplant rollten wir im Busbahnhof in Montreal ein. 

 

Ich nahm die U-Bahn nach Saint Henri, wo ich meine Unterkunft schnell fand. Ich hatte mit dem Host ausgemacht, dass ich ihm schreiben würde, wenn ich angekommen wäre, allerdings hatte ich weder Empfang noch Internet und so versuchte ich mein Glück direkt an der Klingel. Er war nicht da. Also spazierte ich ein bisschen die Straße hinunter und suchte gratis WLAN, das es aber nirgends gab. In einer Pizzaria erklärte ich meine Situation und bekam das Passwort netterweise. Allerdings funktionierte das Wifi nicht. Ohje. Ich spazierte zurück und bereitete mich innerlich darauf vor, jemanden zu fragen, ob ich kurz telefonieren dürfte um meinen Host anzurufen. Dann sah ich, das mittlerweile Licht im Apartment brannte. Zum Glück. Also ging ich wieder die kleine Wendeltreppe hoch in den zweiten Stock und klingelte noch einmal. Dann öffnete mir Courage auch schon die Tür. 

Er putzte gerade den Boden in meinem Zimmer und überzog das Bett neu. Wir plauderten ein paar Minuten und verstanden uns auf Anhieb super gut. Das Apartment ist wunderschön. Er fragte nach meinen Plänen für den Abend – ich hatte keine. Ich wollte lediglich ein bisschen die Nachbarschaft erforschen und dann ins Bett. Er bot an mich ein bisschen herum zu führen und ich nahm dankend an. Wir spazierten an den Canal, den ich alleine nie entdeckt hätte und marschierten in Richtung Zentrum.

Courage ist gebürtiger Afrikaner, flüchtete als kleines Kind vor dem Krieg nach Belgien und übersiedelte ein paar Jahre später nach Montreal. Er ist 25 und arbeitet im Marketing und studiert nebenbei. Er erzählte mir eine ganze Menge über Montreal, die Entwicklung der Stadt und dass man hier ein fantastisches Leben haben kann, wenn man die Monate Januar bis März verreist – in diesen Monaten sei es hier unerträglich kalt, weshalb er und seine Freunde jedes Jahr versuchen in der Zeit in andere Länder zu reisen. 

Sein Mitbewohner ist gerade auf Reisen, weshalb er seit kurzem das Zimmer auf AirBnB anbietet und sich freut, ständig neue Menschen, Kulturen und Geschichten kennen zu lernen. Ich erzählte ihm viel von New York, wo er noch nicht war, aber diesen Herbst hinreisen will. Wir unterhielten uns bestens und spazierten eine ganze Weile herum und ich sah bereits einige tolle Gegenden. 

Danach viel ich erschöpft ins Bett und freute mich auf Montreal bei Tageslicht. 

 

Freitag

Heute Morgen machte ich mich gegen 10:00 Uhr auf. Ich kannte nun schon die Richtung und spazierte los in Richtung Downtown und Old Montreal. Ich machte Halt am "AtWater-Market", den ich am Vorabend schon gesehen hatte und holte mir Kaffee und ein Käsecroissant zum Frühstück. Je weiter ich in die Altstadt kam, desto mehr hatte ich das Gefühl in Paris zu sein. Oder doch Brooklyn? Montreal ist tatsächlich, wie mir schon einige Leute zuvor versichert hatten, eine Mischung aus diesen beiden Städten und obwohl ich mir das nicht vorstellen konnte, muss ich zustimmen. Paris und Brooklyn - zwei meiner allerliebsten Orte. Wahrscheinlich hat Montreal deshalb sofort mein Herz erobert. Ich spazierte herum, sah "Nortre Dame", kleine Gassen, große Alleen und alle Arten von Architektur. New York-Style-Feuerleitern, Warehouses, kleine Backstein-Wohnhäuser, Barockstile, alles aber wirklich alles ist hier zu finden. 

Immer wieder machte ich Pause und sog den Anblick in mich auf. Es ist wirklich eine schöne Stadt. Am Nachmittag, trieb mich der Hunger in die U-Bahn. Stephanie, die in ihrer Kindheit ein paar Jahre hier gelebt hat, schrieb mir ein paar Tipps auf – natürlich vorwiegend Kulinarisches. Ich entschied mich für "Lester's Deli" in einem jüdischen Viertel, wo ich das Smoked Meat Sandwich probieren sollte. Es war ein Stück weiter westlich des Zentrums und ich spazierte durch eine reine Wohngegend, bevor ich an das offensichtlich super berühmte und uralte Deli kam. Diverse Stars hingen an den Wänden, das Traditions-Sandwich ist sichtlich bekannt. Und das hat seine Berechtigung, es war mega lecker. Danach spazierte ich einen längeren Weg zu einer anderen U-Bahn Station und entdeckte ein kleines Hipster-Viertel mit zahlreichen Bars und Restaurants, die sehr trendy aussahen. 

Dann folgte ich dem nächsten Tipp. Auch Jonathan liebt Montreal und hat mir ein paar Cafés aufgeschrieben, die ich besuchen soll. Ich entschied mich für das "Crew Café" weil es irgendwo am Heimweg lag. Was? Da darf ich rein? Von außen war es ein prunkvolles Gebäude mit drei Drehtüren, die aussahen, als dürfen sie ausschließlich von schicken Geschäftsläuten benutzt werden, es gab kein Schild und nichts, das auf ein Café hindeutete. Ich riskierte es und fand mich in einer riesigen Marmor-Eingangshalle mit Rezeptionist. Bin ich im Crysler Building gelandet? Oder einer Kathedrale? Die Decken waren hoch, überdimensionale Kronläuchter hingen von ihnen und hinter der Rezeption führte eine Marmortreppe tatsächlich in ein wunderschönes Café, das viel zu exklusiv für mich aussah. Tatsächlich ist es ein Café / Workspace, wo man entweder in der großen Halle ganz normal Kaffee trinken konnte, oder einen der zahlreichen Räume für Geschäftsmeetings "mieten" konnte. Alles war Marmor, Gold und Prunk. Das Café aber offensichtlich von jungen Leuten geführt und irgendwie war die Mischung aus Touristen, Hipsters und Geschäftsleuten erfrischend. Hier scheinen alle zusammen zu kommen. 

Dann war es auch schon fast 18:00 Uhr und ich machte mich auf den Heimweg um ein bisschen zu rasten. Ich bin viel gelaufen und das feucht-heiße Klima machte mir ein bisschen zu schaffen. Und so landete ich auf dem Balkon, der in den Hinterhof meines Apartments blickt, wo ich mich darauf freute, meinen Körper auszurasten, während ich euch das alles erzähle. :-)

(Und Mirella hat wieder Fotos entwickelt und sie mir geschickt, sie sind wie immer wunderschön- eines aus dem McCarren Park und eines aus Stephanie's Zimmer, wo wir am Wochenende vor der Party in unserem Wohnzimmer flüchteten)